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Anschläge in Paris Der Terror im Westen wird bleiben

Beten für Paris: Auf der ganzen Welt trauern die Menschen um die Opfer der Anschläge in Paris - so wie hier in Sydney.
Beten für Paris: Auf der ganzen Welt trauern die Menschen um die Opfer der Anschläge in Paris - so wie hier in Sydney.
© Daniel Munoz/Getty Images
Mit der Horrornacht von Paris zünden die selbst ernannten Gotteskrieger die nächste Eskalationsstufe. Die westliche Welt muss den Krieg jetzt an mehren Fronten führen - und selbst ein Erfolg wird keinen Frieden bedeuten. Ein Kommentar von Andreas Petzold

Mit unfassbarer Kaltblütigkeit haben Terroristen vergangene Nacht eine der lebenslustigsten Metropolen Europas in Schockstarre versetzt. Ruhig, ja nahezu gelassen, wenn man Augenzeugen glauben darf, vollzogen die mutmaßlichen Dschihadisten ihre blutige Mission. Trauer, Verstörung und Furcht vor dem, was den Westen in der Zukunft noch erwartet, dominieren die Stunden nach dem Attentat.

Die Horror-Nacht von Paris bedeutet eine weitere Eskalation in der Auseinandersetzung mit den selbst ernannten Kriegern Mohammeds. Sie betrachten sich als dessen zornige Erben, die den Kampf gegen die Ungläubigen auf der Welt von Generation zu Generation tragen werden. Denn auch Geduld ist eine der schärfsten Waffen des Dschihad. Es wird also nicht aufhören, auch das ist die bittere Lehre der vergangenen Jahrzehnte.

New York, Madrid, London, Paris

Schon 1993 explodierte die erste Dschihad-Bombe auf US-Territorium in einem LKW in der Tiefgarage des World Trade Centers. Erst acht Jahre später, am 11. September 2001 stürzten die Türme ein. 2004 explodierten zehn Sprengsätze in Madrider Vorortzügen - 191 Tote, mehr als 2000 Verletzte. In der Londoner City zählte die Polizei 52 Tote und 700 Verletzte, als im Sommer 2005 in der U-Bahn und in einem Doppeldecker-Bus mehrere Bomben explodierten. In den Augen der "Heiligen Krieger" war es die Vergeltung für den ISAF-Einsatz des Westens in Afghanistan

Auch die Terrornacht von Paris lässt sich als Reaktion auf das französische Engagement im Nahen Osten werten. Zwar fliegen französische Jagdflugzeuge im Norden Iraks bereits seit September 2014 Einsätze. Doch erst seit zwei Monaten beteiligt sich Frankreich auch an Operationen in Syrien. Wie so oft waren Art und Zeitpunkt des Terrors von Paris auch diesmal voller Symbolik: Ziele waren Kaffees und ein Nachtclub - und damit die verhasste Freizügigkeit des Westens, dem krassen Gegensatz zu den absurd-fundamentalistischen Ideologien der Islamisten. Auch das Timing - eine Botschaft: in wenigen Tagen läuft die "Charles de Gaulle", Frankreichs einziger Flugzeugträger, mit Geleitschiffen Richtung Persischer Golf aus, um nun auch in Syrien Angriffe auf den IS zu fliegen.

Was nun? Zunächst sollte sich die Politik vor hektischen Reaktionen hüten. Denn militärische Reaktionen, vor allem gegen den so genannten "Islamischen Staat", brauchen eine sorgfältige Strategie, die vom Ende her gedacht wird. Denn die Lehre aus den Einsätzen in Afghanistan und Irak war stets, dass der Exit aus den Militäreinsätzen, das Nationbuilding nach den Ende der Operationen, unzureichend vorgedacht war. Dieser Fehler darf sich bei einer Mission gegen den "IS" nicht wiederholen. Zumal die Ausgangslage ungleich komplizierter ist: Das umkämpfte Gebiet umfasst die Teilgebiete zweier Staaten, zwei Weltmächte, mehrere Regionalmächte und ethnische Gruppen wie die Kurden haben strategische und mitunter religiöse Interessen. Es wird viel Zeit brauchen, um sich mit den Spielern auf diesem komplexen Schachbrett auf ein faires Remis zu einigen, das die Machtverteilung nach einer Militärintervention regelt. 

Luftangriffe alleine werden den IS nicht vertreiben

Ziemlich sicher ist jedenfalls, dass es in den kommenden Tagen und Wochen zur einer intensiven Debatte über eine Militärintervention gegen den IS kommen wird. Der UN-Sicherheitsrat wäre der richtige Ort dafür. Ein robustes Mandat für eine Militär-Mission muss auf den Tisch, die alle bisherigen Akteure einbindet. Und machen wir uns nichts vor: Luftangriffe alleine werden den IS nicht vertreiben. Großstädte wie Raqua oder Mossul, die Hochburgen des IS, lassen sich nicht mit Bombenangriffen einnehmen, ohne unbeteiligte Zivilisten zu treffen. Ziel müsste sein, den "IS" auch mit Bodentruppen so weit einzudämmen und einzukreisen, dass zumindest der Zufluss weiterer Kämpfer aus dem Ausland gestoppt und die Rückkehr von Dschihadisten in die westlichen Staaten kontrolliert werden kann. Zweifellos müsste sich auch Deutschland an so einer Intervention beteiligen, auf welche Art auch immer. Die Bereitschaft dazu sei vorhanden, bekundete unlängst Verteidigungsministerin von der Leyen auf einer Konferenz in Berlin, so lange die Vereinten Nationen ihren Segen geben.

Aber man darf sich nichts vormachen: Selbst wenn der "Islamische Staat" erfolgreich bekämpft wird bleibt der Terror im Westen präsent. Und es geht nicht alleine darum, Truppen in Bewegung zu setzen. Es muss auch ein digitaler Krieg geführt werden, der in der 1945 aufgesetzten UN-Charta natürlich nicht vorgesehen war. Denn es gilt, die Beifallskundgebungen, das Werben und die Propaganda des "IS" einzudämmen. Dieser Ideologische Resonanzboden muss intensiv bekämpft werden.


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