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Das Unglück von Köln: Eine Familie erwartet das Schlimmste

Tag 2 nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Während heftig über die Gefahren des U-Bahnausbaus diskutiert wird und Oberbürgermeister Fritz Schramma einen kurzzeitigen Baustopp fordert, wird es für eine Familie langsam zur schrecklichen Gewissheit, dass einer ihrer Angehörigen unter den Trümmer liegt.

Am zweiten Tag nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat sich die Familie von einem der beiden vermissten Männer zu Wort gemeldet. "Wir als Khalils Familie und viele seiner Freunde bangen um Khalils Leben und hoffen, dass er vielleicht doch lebend geborgen werden kann", hieß es in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung. Der 23-Jährige, der im Dachgeschoss eines ebenfalls eingestürzten Nachbargebäudes wohnte, hatte sich am Dienstag bei seiner Praktikumsstelle krankgemeldet und wollte die Erkrankung zu Hause auskurieren.

Zuletzt war er laut seiner Familie am Dienstag von zwei Kollegen an einer Apotheke an der Severinstraße gesehen worden. Seit dem Einsturz des Stadtarchivs gibt es von dem Mann kein Lebenszeichen mehr. Über sein Handy war Khalil nicht erreichbar. "Wir müssen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich Khalil zum Einsturzzeitpunkt in seiner Wohnung oder zumindest im Haus aufgehalten hat", so die bittere Erkenntnis der Familie. Nach Informationen der Kölner Boulevardzeitung "Express" ist der 23-Jährige Designstudent und vor eineinhalb Jahren von Bonn nach Köln gezogen.

Bei dem zweiten Vermissten handelt es sich nach Informationen der "Bild"-Zeitung um den 17-jährigen Kevin. Der Vollwaise habe in der Nachbarschaft gewohnt, berichtet das Blatt.

Obwohl der Bau der Kölner U-Bahn offenbar die Ursache für den Einsturz des Historischen Stadtarchivs ist, hat sich Oberbürgermeister (OB) Fritz Schramma für eine Fertigstellung des Projekts ausgesprochen. "Am Ende muss die U-Bahn so fertig gestellt werden, wie sie geplant war", sagte Schramma am Donnerstag an der Unglücksstelle. Allerdings plädierte der CDU-Politiker für eine "temporäre Atempause". Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) und die Bauunternehmen müssten den Bau nun erst einmal unterbrechen und alle Gefahrenpunkte "unverzüglich" noch einmal durchgehen.

Hilfe für die Anwohner

Den Anwohnern, die ihre Wohnungen wegen Einsturzgefahr verlassen mussten, sagte Schramma unbürokratische Hilfe zu. "Wir können die Leute jetzt nicht mit bürokratischem Gedöns aufhalten, dass sie tausend Anträge stellen müssen", sagte er. Wer seine Wohnung verloren habe, werde erst einmal in einer anderen untergebracht, und die Stadt trete in Vorfinanzierung.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), der sich am Donnerstag zusammen mit Schramma die Unglücksstelle ansah, kündigte an, dass die Landesbehörden zusammen mit den Kommunen die Sicherheit sämtlicher Archive untersuchen würden. Es gebe eine "Verpflichtung gegenüber der nächsten Generation, das kulturelle Erbe, das wir übernommen haben, zu erhalten", sagte Rüttgers.

Der Landeschef sagte, es sei ein "furchtbares Unglück", und sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus. Das Bild an der Einsatzstelle habe ihn bewegt. "Das berührt einen schon. Man steht vor einem Schutthaufen und weiß, dass da unten Menschen liegen", so Rüttgers. Es sei wichtig, dass die Unglücksursache untersucht werde. Der CDU-Politiker dankte der Feuerwehr, Polizei und den Hilfsorganisationen für ihren "hervorragenden Einsatz". Der Verlust des Historischen Stadtarchivs sei eine "kulturelle Katastrophe". Rüttgers sagte Hilfe des Landes bei der Sicherung der noch zu rettenden Bestände wie auch bei der neuen Unterbringung des Stadtarchivs zu. Solche Einrichtungen seien gegen Brand geschützt, mit einem Einsturz habe niemand gerechnet. Nun aber werde die Sicherheit untersucht, um das kulturelle und historische Erbe zu erhalten.

DPA/AFP/AP / AP / DPA