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Deutsche Urlauber: Wenn Verschollene nicht heimkehren

Die Hoffnung, die über 1000 in Asien vermissten Deutschen noch lebend zu finden, schwindet immer mehr. Für die Angehörigen beginnen damit die Behördengänge. Wird die Leiche nicht gefunden, greift das Verschollenheitsgesetz.

"Wer beim Sonnenbaden war, wurde ins Meer gezogen", berichtete ein Augenzeuge auf der thailändischen Insel Ngai am Tag der Katastrophe. "Manche werden vermisst bleiben", fürchtet Klaus Mittermaier vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Er leitet den Suchdienst der Organisation. Nach der Flutkatastrophe in Asien sind bislang etwa 900 Suchanträge nach Verschollenen dort eingegangen. Über 3000 besorgte Anrufe hatte die Münchner Stelle in den vergangenen Tagen zu verzeichnen.

Ohnehin ist schon die Identifizierung der oft entstellten Opfer sehr schwierig. Viele Leichen sind wegen fehlender Kühlmöglichkeiten bereits bis zur Unkenntlichkeit entstellt und nicht mehr nach ihrer Herkunft zu unterscheiden. Etlichen Opfern fehlt Schmuck, vermutlich wurde er gestohlen. Auch eine Identifizierung per Fingerabdruck ist nicht mehr möglich. Inzwischen arbeiten allein in Thailand 45 Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) gemeinsam mit Kollegen aus anderen Nationen, um die Todesopfer zu identifizieren. Dies gelang bisher aber nur bei 60 Deutschen. Noch immer gelten offiziell "deutlich über 1000" Deutsche als vermisst. Auch wenn die genauen Zahlen noch nicht feststehen - noch nie in der jüngeren Vergangenheit wurden so viele Deutsche Opfer einer Katastrophe wie jetzt in Südasien.

"Wir warten auf grünes Licht"

"Wir registrieren die Fälle und geben sie an das Auswärtige Amt weiter", erklärt Mittermaier. Erst in zwei oder drei Wochen könne das DRK mit Suchanträgen an die lokalen Rot-Kreuz-Organisationen in den Krisenregionen herantreten. "Wir warten auf grünes Licht". Bislang sei die Situation im Krisengebiet noch unübersichtlich. "Auf Sumatra sind noch viele Orte nicht erreichbar", sagt Mittermaier. Er gehe davon aus, dass die lokalen Suchdienste der Rotkreuz- und Halbmond-Gesellschaften bereits Informationen über Vermisste und Tote zusammentragen würden.

Nicht alle deutschen Opfer der verheerenden Flutwelle würden identifiziert werden, glaubt der Suchdienstleiter. Etwa 800 der 900 vorliegenden Anträge, die bislang gestellt wurden, seien vermutlich "echte Fälle", ohne Doppelungen. Andererseits würden auch Angehörige ihre Gesuchten bei der Polizei oder beim Auswärtigen Amt als vermisst melden. Diejenigen Schicksale, die das Auswärtige Amt und die deutschen Gerichtsmediziner und Kriminalbeamten vor Ort nicht klären könnten, würden dann wieder an den Suchdienst zurückgehen. Dann müsse man sehen, wie man an Information über das Schicksal der in Südostasien Verschollenen herankomme.

Solange nicht erwiesen ist, dass die betreffende Person lebendig oder tot gefunden und sicher identifiziert ist, bleibt ihr Name auch auf der Suchliste. Schreibfehler tragen schließlich dazu bei, dass ein Name mehr als einmal aufgeführt wird, obwohl es sich bei genauem Hinsehen um ein und dieselbe Person handelt. Erst durch Recherchen aber lässt sich nachweisen, dass etwa ein Deutscher namens "Herr Meier" identisch ist mit einem "Mr. Myer", den ein englischsprachiger Offizieller aus Thailand als tot aufgefunden an die deutsche Botschaft gemeldet hat.

Angehörige kämpfen mit Alltagsproblemen

Die Angehörigen der Verschollenen müssen nicht nur mit Ungewissheit oder Trauer umgehen, sondern auch zahlreiche Behördengänge erledigen. Gilt zum Beispiel der Ernährer einer Familie als verschollen, können Angehörige beim Vormundschaftsgericht eine Abwesenheitspflegschaft beantragen. Das Gericht bestimmt dann einen Vertreter, der Bankgeschäfte regeln kann, wie Zivilrechtsexperte Helmut Grothe von der Freien Universität Berlin erläutert. Ein Arbeitgeber kann einen verschollenen Angestellten nicht außerordentlich kündigen, weil dieser nicht an seinem Fehlen schuld ist. Allerdings muss die Firma keinen Lohn zahlen.

Wird die Leiche eines Opfers nicht gefunden, greift das Verschollenheitsgesetz. Flutopfer können frühestens nach einem Jahr für tot erklärt werden. Den Antrag auf die Todeserklärung können Angehörige oder die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht stellen. Dabei müssen nicht wie in einer üblichen Gerichtsverhandlung Beweise vorlegt werden. "Es reicht, wenn ein Urlauber in einem bestimmten Hotel war, das es nicht mehr gibt", erläutert Grothe. Angehörige könnten auch Hotelbuchungen vorlegen.

Erklärt der Richter ein verschollenes Unglücksopfer für tot, wird als Todeszeitpunkt rückwirkend der "Beginn der Lebensgefahr" festgelegt. Im Fall der Seebeben-Katastrophe wäre dies der Morgen des 26. Dezember. Der genaue Zeitpunkt ist besonders für die Erbschaft wichtig. Im Verschollenheitsgesetz ist auch festgelegt, dass zum Beispiel gemeinsam verschollene Familienmitglieder offiziell zum exakt gleichen Zeitpunkt gestorben sind. "Es gibt massive rechtliche Konsequenzen, wenn einer auch nur eine Sekunde länger überlebt hat", sagt Grothe. Das betrifft besonders verstorbene Eheleute, die Kinder aus einer früheren Beziehung haben.

Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) kann nach eigenen Angaben auch für Angehörige von Verschollenen Hinterbliebenen-Rente zahlen. Für die Berechtigten gilt normalerweise eine Wartefrist von einem Jahr. "Wir sind dabei, juristisch zu prüfen, wie auch diesen Personen geholfen werden kann", sagt BfA-Sprecher Ulrich Theil.

Versicherer geben sich kulant

Wegen der großen Zahl deutscher Opfer haben mehrere Lebensversicherer kulante Regelungen angekündigt. Der Marktführer Allianz Leben verlangt normalerweise eine Sterbeurkunde oder die Todeserklärung. Bei den Vermissten in Südasien verzichte der Konzern aber auf diesen Weg, sagt Sprecherin Johanna Weber. "Uns genügt eine offizielle Bestätigung wie vom Auswärtigen Amt." Außerdem müssten Angehörige die Versicherungspolice vorlegen.

Das Missbrauchsrisiko schätzt die Allianz gering ein, weil die Behörden nach Einschätzung des Unternehmens solide arbeiten. Sollte die Versicherungssumme ungerechtfertigt ausgezahlt worden sein, müsste das Geld zurückgezahlt werden. Wie viele seiner Kunden der Flutwelle zum Opfer gefallen sind, kann das Unternehmen noch nicht abschätzen. Laut Weber gehen die Meldungen wahrscheinlich erst nach und nach ein: "Die Angehörigen geben die Hoffnung zuletzt auf."

Dusko Vukovic (mit Agenturen)