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Flutkatastrophe: Dramatische Situation in Krisengebieten

In den von der Flutkatastrophe betroffenen Krisengebieten spitzt sich die Lage weiter zu. Experten rechnen inzwischen mit mindestens 150.000 Toten. Darunter befinden sich zahlreiche Touristen.

Das Ausmaß der Flutkatastrophe am Indischen Ozean sprengt jede Vorstellungskraft: Die Behörden der betroffenen Küstenregionen befürchten mittlerweile insgesamt rund 150.000 Tote, offiziell gemeldet sind bislang rund 120.000 Opfer. Während Millionen von Überlebenden vor allem Trinkwasser, Essen und Medikamente benötigen, läuft die internationale Hilfe bei vielerorts "überwältigender" Spendenbereitschaft auf Hochtouren. Bundeskanzler Gerhard Schröder setzt sich nach der verheerenden Flutkatastrophe in Südostasien für langfristige Hilfen für die betroffenen Länder ein.

Fünf Tage nach dem verheerenden Seebeben rechnet allein die indonesische Regierung inzwischen mit 100.000 Toten, offiziell bestätigt waren zunächst knapp 80.000 Opfer. In Sri Lanka bestätigte das Büro der Präsidentin 28.475 Tote, 4872 Menschen wurden noch vermisst. Die beiden Länder sind am schwersten von der Katastrophe betroffen. Rettungskräfte warnten vor dem Ausbruch von Seuchen und einer Hungersnot, sollten dringend benötigte Hilfsgüter nicht schnellstens zu den Überlebenden gelangen. Bislang haben mehr als 30 Staaten und Organisationen über eine halbe Milliarde Dollar (rund 366 Millionen Euro) an Finanzhilfe bereitgestellt oder fest zugesagt.

Schröder kündigt Hilfe an

Bundeskanzler Schröder sagte in seiner vorab verbreiteten Neujahrsansprache: "Wir dürfen die von der Flutwelle am stärksten betroffenen Länder, die Menschen dort nicht allein lassen. Nicht jetzt, aber auch nicht in Zukunft." Konkret schlug er vor, die wohlhabenden Industriestaaten sollten Partnerschaften mit den betroffenen Regionen für deren Wiederaufbau eingehen. "Unsere Städte für Städte und unsere Dörfer für Dörfer", sagte der Kanzler. Die Bundesregierung werde sich auch bei den Vereinten Nationen und der Weltbank für unbürokratische Hilfen einsetzen.

Die Zahl der in Südostasien identifizierten deutschen Flut-Toten stieg auf 34. Deutlich mehr als 1000 Reisende würden noch vermisst, und die Zahl steige ständig weiter, sagte der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Klaus Scharioth, am Freitag in Berlin. 300 verletzte Deutsche seien registriert worden. Bisher seien 5700 deutsche Urlauber in die Heimat zurückgebracht worden. Bis Samstagmittag sollten weitere 1000 folgen.

Probleme mit der Identifizierung

Die Identifizierung ist laut Scharioth sehr schwierig. Mit der thailändischen Regierung gebe es die Vereinbarung, dass alle ausländischen Toten identifiziert werden sollten. Die Regierung in Bangkok habe eine "Bemühungszusage" gemacht. Der Staatssekretär schloss nicht aus, dass die humanitäre Hilfe von bisher 20 Millionen Euro noch einmal aufgestockt wird.

In Indien bestätigte die Regierung 7736 Tote, befürchtet wurden 12.000 Opfer. In Thailand starben nach offiziellen Angaben 4500 Menschen. Bis zum Freitag seien allein in der besonders schwer betroffenen Provinz Phang Nga nördlich der Touristeninsel Phuket weitere 3689 Todesopfer registriert, darunter 2027 westliche Ausländer, sagte der stellvertretende Provinzgouverneur Haitun Waichai der dpa.

Fünf Millionen sind obdachlos geworden

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in Süd- und Südostasien etwa fünf Millionen Menschen infolge der Flutwellen obdachlos. Hunderttausende sind von Epidemien bedroht. Auch am Freitag waren Helfer und Einheimische pausenlos dabei, die zahllosen Leichen zu begraben oder zu verbrennen. In den Krisengebieten Sri Lankas erwarten Experten mit Beginn der Regenzeit in der kommenden Woche den Ausbruch von Seuchen wie Cholera. Insbesondere Kinder seien zudem durch das gefährliche Dengue-Fieber bedroht.

Das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) startet am Sonntag eine Luftbrücke in das indonesischen Katastrophengebiet Aceh. Vorerst sollen 100.000 Menschen unterstützt werden, wie die UN-Organisation an Silvester in Genf mitteilte. "Wir werden Material für Unterkünfte für etwa ein Fünftel der betroffenen Bevölkerung bringen, das ist aber erst der Beginn unserer Hilfsoperation", erklärte UN-Flüchtlingskommissar Ruud Lubbers. In Sri Lanka konnte das UNHCR bereits 20.000 Menschen mit Hilfsgütern versorgen.

Bundeswehr startet Evakuierungsmission

Unterdessen startete der Lazarett-Airbus der Bundeswehr nach seiner ersten Evakuierungsmission am Freitag erneut Richtung Thailand. Er hob am Nachmittag vom Flughafen Köln/Bonn ab. Dorthin hatte der MedEvac-Airbus, eine fliegende Intensivstation, in der Nacht 49 Verletzte aus Phuket gebracht. Ein zweiter MedEvac-Airbus wird derzeit für den Einsatz umgerüstet, er soll Anfang der Woche einsatzfähig sein.

Mit eindringlichen Worten warben deutsche Kirchen-Repräsentanten zum Jahreswechsel erneut um langfristige Hilfe für die Opfer in Südasien. Es gebe nicht nur den weltweit lähmenden Schock, sondern "es gibt eine globale Hilfsbereitschaft wie selten vorher", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann in einem dpa-Gespräch. Viele Deutsche spendeten bereits: Bei den Hilfsorganisationen gingen viele Millionen Euro ein.

In der Europäischen Union soll am kommenden Mittwoch das öffentliche Leben drei Minuten lang zum Gedenken an die Opfer stillstehen. Jan Peter Balkenende, niederländischer Regierungschef und scheidender Präsident des EU-Ministerrates, sagte, um 12.00 Uhr solle in allen 25 EU-Ländern der Flutopfer gedacht werden. "Dies soll ein Zeichen der Solidarität sein." Alle Flaggen werden auf Halbmast gesetzt. Die EU prüft nach Angaben des für die Entwicklungshilfe zuständigen Kommissars Louis Michel eine Aufstockung ihrer Hilfe um bis zu 300 Millionen Euro. Balkenende und sein luxemburgischer Kollege, Jean-Claude Juncker, betonten, die wesentliche Rolle bei Ersthilfe und Wiederaufbau müsse bei den Vereinten Nationen (UN) liegen.

DPA / DPA