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Haiti - ein Jahr nach dem Beben: Wo sind die Milliarden?

Zehn Milliarden Dollar an Hilfsgeldern wurde dem vom Erdbeben zerstörten Haiti zugesagt. Doch der Großteil der Summe ist bislang nicht ausgezahlt worden. Wo sind die Hilfsgelder hin?

Von Niels Kruse

Der Präsidentenpalast liegt auch ein Jahr danach noch immer in Trümmern. In ganzen Straßenzügen türmt sich der Schutt auf, einst provisorisch angelegte Zeltlager haben sich zu dauerbewohnten Obdachlosenvierteln entwickelt. Noch immer sind rund eine Million Menschen ohne festes Dach über dem Kopf, zwei Millionen können sich nicht selbst ernähren und sind von Hilfslieferungen aus dem Ausland abhängig. Zwölf Monate sind seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangen - doch nichts scheint sich seitdem geändert zu haben - geschweige denn verbessert. Und das zehn Milliarden Dollar zum Trotz, die die Weltgemeinschaft dem am Boden liegenden Land als Hilfe zugesichert hat.

Harte Vorwürfe von Haiti-Aktivist Sean Penn

Was wurde mit dem ganzen Geld gemacht? Wo ist es überhaupt geblieben? Sean Penn, Schauspieler und Haiti-Aktivist war es, der jüngst im stern darüber klagte, dass von den Summen, die die Staaten bei der Geberkonferenz Ende März 2010 zugesagt hätten, bislang kaum etwas im Land angekommen sei. "Wenn diese Staaten ihr Geld wie versprochen gegeben und dafür gesorgt hätten, dass jeder Haitianer sauberes Wasser erhält, wenn die hierher gekommen wären, Leitungen verlegt und Filtersysteme installiert hätten, dann hätten wir heute keine Cholera-Epidemie in Haiti", so Penn weiter.

Und er hat Recht. Dem Erdbeben ließen die Vereinten Nationen den bis dahin größten Spendenaufruf ihrer Geschichte starten. Aber gerade einmal zwei Drittel der Zusagen wurden bislang ausgezahlt. Laut der UN wurden bislang der Eingang von 63,6 Prozent des versprochenen Geldes registriert. Etwa 60 der 192 UN-Staaten hatten finanzielle Hilfe zugesagt, mit der die Opfer versorgt und das Land wiederaufgebaut werden sollte. Die USA etwa hatten 1,1 Milliarden Dollar zugesagt, bislang aber nur 120 Millionen Dollar überwiesen. Noch drastischer fällt die Bilanz Venezuelas aus: Von den angekündigten 1,3 Milliarden Dollar haben erst 33 Millionen das Katastrophengebiet erreicht.

Kein müder Euro für den Wiederaufbau aus Berlin

Auch Deutschland steht nicht sonderlich vorbildlich da: Bislang ist nicht ein müder Euro angewiesen worden. Zumindest nicht für den Wiederaufbau. Als der stern in einer Infografik auf die ausbleibenden Zahlungen aus Berlin hinwies, beschwerte sich prompt das zuständige Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Darstellung. Auf zwei Seiten legte die Behörde anschließend dar, wie die von der Bundesregierung angekündigten Hilfsmaßnahmen im Einzelnen aussehen. 25,9 Millionen Dollar wurden als Soforthilfe für Lebensmittel und Zelte ausgegeben, das ist unstrittig. Fehlen allerdings noch die versprochenen 54,7 Millionen Dollar für den Wiederaufbau. Das Ministerium schreibt, dass mit dem Geld bislang Projekte angeschoben wurden, die aber noch nicht alle umgesetzt worden seien. Darunter "Bereitstellung für Unterkünfte, Hilfe für Traumabewältigung und auch Instandsetzung von Schulen und eines Wasserkraftwerks".

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum auf Geberkonferenzen oft mehr versprochen wird, als sich nachher halten lässt.

Zugesagte Summen schnurren erheblich zusammen

Das zugesagte Gelder schleppend, spät oder auch gar nicht gezahlt werden, ist für Ralf Südhoff vom Welternährungsprogramm (WFP) nichts Ungewöhnliches. "Es ist ein typisches Phänomen von Geberkonferenzen, dass dort auch Gelder versprochen werden, die für andere Hilfsprojekte in dem betroffenen Land ohnehin bereits angekündigt waren", sagt Südhoff. In anderen Worten: Die EU beispielsweise will ursprünglich den Bereich "ländliche Entwicklung" Haitis mit zehn Millionen unterstützen, widmet dann diese Hilfe nach der Katastrophe kurzerhand in die Zeltbeschaffung für Bauern um. Im schlechtesten Fall schnurren auf diese Weise Zusagen wie die auf Haiti-Konferenz um erhebliche Beträge zusammen.

Besonders Organisationen wie das WFP, die sich zum größten Teil aus freiwilligen Zusagen von Geberländern finanzieren, bekommen durch die spärlich tröpfelnden Zahlungen Probleme: Denn um die Ernährung der betroffenen Menschen zu gewährleisten, müssen sie langfristig planen und teilweise in Vorkasse gehen. Bleiben die Zahlungen dann aus ist für andere andere Hilfsprojekte ist dann oft kein Geld mehr da. "Es wäre uns manchmal lieber, die Geberländer würden erst gar keine Beiträge ankündigen, als Versprechen zu machen, die sie nicht einhalten."

Haiti im politischen Vakuum

Die Geberländer sind die eine Sache, die Lage in Haiti selbst eine andere: Monate nach der Katastrophe aber noch mitten im Chaos ließ Präsident René Préval im November wählen. Eine gewagte Idee einerseits, denn die Menschen hatten zu diesem Zeitpunkt andere Sorgen, als sich über das nächste Staatsoberhaupt Gedanken zu machen. Andererseits ist das Land dringend auf eine halbwegs stabile Führung angewiesen. Das viele Gelder immer noch nicht im Land angekommen sind, hat auch damit zu tun, dass es weder politsche Entscheidung über deren Verwendung noch über deren Koordination gibt.

So könnte auch der Ausbruch der Cholera im November mit dem Führungsvakuum zusammenhängen, vermutet der Chef der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", Unni Karunakara, in einem Gastbeitrag für den "Standard". "Das Versagen des Systems wurde deutlich, als Präsident Préval in einem verzweifelten Versuch den Vorsitz eines Gesundheitsmeetings übernahm, um die Cholera einzudämmen, schreibt Karunakara.

15 Katastrophen in 15 Jahren

Trotz des erschütternden Stillstands berappelt sich Haiti etwas, wenn auch nur sehr langsam. Direkt nach dem Beben waren vier Millionen Haitianer von Lebensmittellieferungen abhängig, mittlerweile sind es noch zwei Millionen. Zudem wurden in mühseliger Kleinarbeit Brunnen geborgt, Häuser und Schulen wiederaufgebaut. "Ein vernünftiger und nachhaltiger Wiederaufbau wird sicher zwischen fünf und zehn Jahren dauern", sagt WFP-Mann Südhoff. Wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt, denn das geknechtete Land zieht Unglück nur so an: in den letzten 15 Jahren wurde es von 15 Naturkatastrophen - Erdbeben, Hurrikane, Überflutungen, Dürren - heimgesucht.