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Havarie der "Costa Concordia": Blinde Passagiere auf der Brücke

Während eine Sturmflut die Stabilität des Wracks der "Costa Concordia" gefährdet, suchen Taucher nach Vermissten. Deren tatsächliche Zahl bleibt unklar. Denn es gab offenbar blinde Passagiere.

Die Details um die Havarie der "Costa Concordia" werden immer skurriler: An Bord des Kreuzfahrtschiffs waren offenbar auch blinde Passagiere. Zumindest soll Kapitän Francesco Schettino vor Ermittlern eine "mysteriöse" junge Frau erwähnt haben, die kurz vor dem Schiffbruch am Eingang der Kommandobrücke gestanden habe. Das berichten übereinstimmend mehrere italienische Medien. Weil sie nicht im Verzeichnis der Passagiere stehe, werde die junge Frau von den Ermittlern jetzt gesucht, heißt es.

Die Ermittler gehen offenbar davon aus, dass mehrere Personen als eingeladene blinde Passagiere an Bord gewesen sein könnten. Für das Personal von Kreuzfahrten sei es kein Geheimnis, dass Kapitän und Offiziere diskret "in gewisser Zahl" Freunde oder Verwandte auf ihr Schiff einladen könnten, ohne dass diese offiziell registriert seien, schrieb die Turiner Zeitung "La Stampa". Diese im Fall der "Costa Concordia" zu ermitteln, sei nicht unwichtig, denn es könne auch die Verwirrung bei der Zahl der Vermissten erklären.

Die Reederei Costa Crociere hat derweil Kapitän Schettino mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Das Genueser Unternehmen werde den Kapitän auch nicht verteidigen, sagte Costa-Anwalt Marco De Luca, am Donnerstag in Grosseto, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Costa Crociere sehe sich nach dem Schiffbruch selbst als geschädigt an, sagte der Anwalt. Neben der menschlichen Tragödie sei dem Unternehmen erheblicher Schaden zugefügt worden. Zivilpartei (Nebenkläger) könne man aber erst in einem Prozess sein.

Taucher suchen weiter nach Vermissten

Taucher suchen unterdessen unter schwierigen Bedingungen nach diesen vermissten Personen. Da das Wrack weiter abgesunken ist und in die Tiefe zu rutschen droht, war die Suche zwischenzeitlich aus Sicherheitsgründen unterbrochen worden. Auch jetzt müssen die Taucher enorm vorsichtig sein. "Das Schiff liegt weiterhin in unsicherer Lage in einer Untiefe", erklärte ein Sprecher der Rettungsmannschaften am Donnerstag, "jede Verlagerung würde Gefahr bedeuten, und wir müssten die Operationen erneut einstellen." Die Zeit drängt. Italiens Umweltminister Corrado Clini befürchtet, dass eine Sturmflut das Schiff untergehen lassen könnte. Es gebe in der Nähe des Schiffes im Meer einen Abhang, der bis zur Tiefe von 50 bis 90 Metern führe, sagte Clini im Parlament.

Nach italienischen Angaben vom Mittwochabend werden noch 21 Menschen vermisst. Eine als vermisst geltende Deutsche hat sich nach Angaben des Zivilschutzes der Provinz Grosseto vom Mittwoch inzwischen gemeldet. Bisher hat das Unglück elf Tote gefordert.

Unbesonnenes Manöver des Kapitäns

Nach einer ersten Vernehmung äußerte eine Untersuchungsrichterin harsche Kritik am Verhalten des Kapitäns Francesco Schettino. Der 52-Jährige selbst erzählte eine neue Variante des Geschehens in der Unglücksnacht. Demnach fiel er versehentlich in ein Rettungsboot, als er bei der chaotischen Rettungsaktion an Bord strauchelte.

Nach Darstellung der Untersuchungsrichterin führte Schettino ein unbesonnenes Manöver durch, als er der Insel Giglio viel zu nah kam. Der Kapitän habe den Schaden am Schiff nach der Kollision mit einem Felsen unterschätzt, teilte das Gericht in Grosseto mit. Als Schettino den Luxusliner verlassen hatte, habe er keinen ernsthaften Versuch unternommen, wieder in die Nähe der "Costa Concordia" zu kommen. Weil keine Fluchtgefahr bestehe, wurde der Kapitän unter Hausarrest gestellt.

Ihm wird mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Ein Gesprächsprotokoll belegt völlig chaotische Rettungsmaßnahmen. Dem Kapitän drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

Versicherer fürchten halbe Milliarde Schaden

Das 290 Meter lange Schiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord hatte am Freitagabend nach der Kursänderung des Kapitäns einen Felsen vor der Insel Giglio gerammt und war leckgeschlagen. Das Schiff liegt derzeit in starker Schräglage vor der Insel.

Auf Versicherer kommen Schäden in Millionenhöhe zu - die genaue Ermittlung der finanziellen Folgen des Unglücks wird sich aber noch hinziehen. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re erwartet Belastungen im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Die genaue Schadenssumme lasse sich noch nicht beziffern. Auch die Hannover Rück kann die Schadenshöhe noch nicht benennen. Neben den Kosten für das zerstörte Schiff entstehen Belastungen aus Haftpflichtansprüchen der Passagiere und der Crew sowie aus der Bergung des Wracks.

Darüber hinaus können Kosten aus möglichen Umwelthaftpflichtansprüchen entstehen - etwa für den Fall, dass Öl oder Schiffsdiesel austritt. In Versicherungskreisen wird laut "Financial Times Deutschland" davon ausgegangen, dass der Schaden insgesamt eine halbe Milliarde Euro leicht überschreiten könne. Die "Costa Concordia" war 2006 für 450 Millionen Euro gebaut worden.

Bergung ab Ende der Woche?

Das Abpumpen von Öl aus den Tanks des Schiffs wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Nach Angaben der Reederei sollen mindestens 1900 Tonnen Treibstoff an Bord sein, darunter Schweröl, sagte eine Sprecherin des Havariekommandos in Cuxhaven. "Schweröl ist wie dicker, zähflüssiger Honig. Um es abzupumpen, muss es erst auf 45 bis 50 Grad erwärmt werden." Nach italienischen Quellen sind noch 2380 Tonnen Dieselölgemisch an Bord, über die Menge von Schweröl ist offiziell nichts bekannt. Nach Angaben der Costa Crociere, dem Betreiber des havarierten Schiffs, soll der Treibstoff ab Ende der Woche abgepumpt werden. Niederländische Spezialisten stimmen den Plan derzeit mit den italienischen Behörden ab.

Der Umweltverband Legambiente sprach allerdings schon von bedeutenden Schäden für die Natur vor der toskanischen Insel Giglio als Folge der Lösungsmittel, Schmieröle, Lacke und Reinigungsmittel an Bord. Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet. Das ist das wichtigste Walschutzgebiet im Mittelmeer.

dho/kng/DPA / DPA