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Internet-Dokumentation der Loveparade: Duisburger Bildstörung

Die Loveparade-Veranstalter stellen die Überwachungsfilme der Technoparty ins Internet. Obwohl fast alles von der Katastrophe zu sehen ist, beweisen die Bilder nichts.

Von Manuela Pfohl

Irgendwann ist sie plötzlich da, die Großmutter mit ihrem Einkaufsrolli. Steht zwischen all den Mädchen mit den knappen Shirts und den Jungs mit den coolen Sprüchen. Sagt verzweifelt, dass sie vom Bahnhof kommt und der Sog der Menschenmassen sie mitgezogen hat bis auf das Gelände des alten Güterbahnhofs Duisburg. Es ist der 24. Juli, es ist Loveparade. Gerald Schneider* ist einer der Security-Mitarbeiter, die an diesem Tag für die Sicherheit auf der Loveparade zuständig sind. Als er auf die alte Dame trifft, ist es kurz nach 15 Uhr. Im Gespräch mit stern.de erinnert sich Schneider, dass schon zu diesem Zeitpunkt "die Hölle los war". Stunden später werden hier Menschen sterben. Jede Minute der Tragödie ist auf den Videobändern der Kameras festgehalten, die einen Teil des Loveparade-Geländes und die Zugangswege überwachten.

Die Firma Lopavent, Veranstalter der Technoparty, hat das Material jetzt ins Netz gestellt - und den Streit um die Frage, wer schuld ist am Tod von 21 Menschen, damit erneut verschärft. Wenige Tage vor der Debatte in der Innenausschusssitzung des nordrhein-westfälischen Landtages liegen die Nerven der Beteiligten offenbar blank: Während Rainer Schaller, Chef der Lopavent, erklärt, er sehe sich als Veranstalter in der moralischen Mitverantwortung für das tragische Unglück und wolle mit der Veröffentlichung der Aufnahmen einen Beitrag zur Aufklärung der Ereignisse an diesem Tag leisten, warnt der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, rund vier Wochen nach der Katastrophe vor dem Schritt an die Öffentlichkeit: "Es wäre das Allerletzte, die Hinterbliebenen im Netz mit den Bildern ihrer sterbenden Angehörigen zu konfrontieren." Zudem bestehe ein erhebliches Risiko, mit den Videoaufnahmen Zeugen der Vorfälle zu beeinflussen. "Herr Schaller manipuliert und verdunkelt, wo er kann. Ihm geht es offenbar nicht um die Wahrheit, sondern nur darum, seinen eigenen Hals zu retten", kritisiert Wendt.

Staatsanwaltschaft ist wenig begeistert

Auch die zuständige Duisburger Staatsanwaltschaft ist wenig begeistert. Die Behörde habe Schaller in einem Schreiben "dringend aufgefordert, das Material der sieben Überwachungskameras aus Gründen der Pietät und Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen nicht zu veröffentlichen", sagt Wendt. Nach seinen Informationen sehe die Staatsanwaltschaft Duisburg jedoch keine Möglichkeit, die Pläne Schallers juristisch zu stoppen.

Tatsächlich sind auf der eigens eingerichteten Seite ein Dutzend Videos zu sehen, auf denen Loveparade-Besucher im Zeitraffer kreuz und quer durchs Bild trippeln. Aufnahmen, die nicht im Ansatz die Dramatik dieses Tages widerspiegeln. Es sind Filme, die für sich selbst genommen nicht verstören, nichts verdecken, nichts erklären. Eine Vorstellung von den Ereignissen rund um die berüchtigte Rampe und den Tunnel, in dem unzählige Menschen dicht gedrängt um ihr Leben kämpften, ergibt sich erst durch die ebenfalls veröffentlichten Erklärungen zum Ablauf, die zeitliche Einordnung einzelner Entscheidungen, die Berichte Beteiligter und die Dokumente zum Ablauf der Loveparade. Eine subjektive und sicher nicht uneigennützige Zusammenstellung, die den schwer unter Beschuss geratenen Veranstalter Schaller entlasten soll und dennoch einiges zur Aufklärung beitragen kann. Denn sollte die fachliche Auswertung der Aufnahmen die Echtheit und Unverfälschtheit des Materials bestätigen, wäre die von der Polizei und der Stadtverwaltung Duisburg an Lopavent gerichtete Schuldzuweisung zumindest in einigen Punkten nicht mehr zu halten.

Erhebliche "Dissonanzen" zwischen Lopavent und Polizei

Schon kurz nach der Katastrophe hatte Security-Mann Schneider gegenüber stern.de erklärt, dass es bereits am Nachmittag des 24. Juli erhebliche "Dissonanzen" zwischen dem Sicherheitsdienst von Lopavent und der Polizei gegeben habe. Gegen 15 Uhr "waren wir im Bereich der Rampe 08. Ich hörte auch immer wieder, dass der Funker sagte, dass die Polizei trotz unseres Nein die Leute auf das Gelände ließ und unsere Einsatzkräfte somit überging. Es war nicht mehr in unserer Hand, den Einlass zu regeln, so wie wir es gewohnt waren." Schneider: "Da sagte ich ihm, dass das ein böses Ende nehmen wird."

Zwar steht im Lopavent-"Briefing der Security im Eingang West/Ost" vom 10. Juli unter dem Punkt formale Befugnisse: "Den Anweisungen von Polizei & Feuerwehr ist Folge zu leisten!" Doch generell war Lopavent während der Veranstaltung für die Ordnung auf dem Gelände zuständig, während die Polizei alle ordnungsrechtlichen und polizeilichen Sicherungsmaßnahmen außerhalb des Veranstaltungsortes sowie auf den Zuwegen zu leisten hatte. Schneider: "Es gab immer wieder Diskussionen mit der Polizei, bei denen wir gesagt haben, dass wir die Polizeitaktik für falsch halten und bei denen wir gefordert haben, dass wir entscheiden, was auf dem Gelände zu tun ist. Aber es hatte keinen Sinn."

"Gäste sollen im Tunnel NICHT lange STEHEN BLEIBEN"

Glaubt man der Videodokumentation und den darin festgehaltenen Abläufen, tun sich tatsächlich Fragen nach dem Sinn der polizeilichen Sperrmaßnahmen auf. Im Lopavent-"Briefing der Security im Eingang West/Ost" vom 10. Juli ist zu lesen, dass eine "Tunnelpatrouille" das Publikum ständig zu beobachten hat. "Bei Stau im Tunnel ist sofort der Bereichsleiter zu verständigen, Gäste sollen im Tunnel NICHT lange STEHEN BLEIBEN o. sich SETZEN". Verstöße dagegen seien schriftlich zu dokumentieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es soll keine einheitliche Einsatzleitung gegeben haben, und die, die es gab, habe nicht kapiert, was auf dem Gelände los war

Strategisch grob falsche Organisation

Dass diese Forderung ab 16 Uhr zum blanken Zynismus wird, habe, so suggeriert es das Dokumaterial, ganz entscheidend etwas mit der strategisch grob falschen Organisation der Polizeisperren zu tun. Schneider: "Den Verdacht hatten wir schon am Tag selbst. Ich habe mit Beamten gesprochen, die wütend auf ihre Einsatzleitung geschimpft haben, weil die nicht kapierten, was auf dem Gelände los war."

Das bestätigt auch ein Beamter, der an dem Tag bei der Loveparade im Einsatz war stern.de. Der ganze Einsatz sei fragwürdig organisiert gewesen. Es habe keine wirklich einheitliche Einsatzleitung gegeben, lediglich Telefonkonferenzen zwischen Polizei, Rettungsdiensten und Stadt.

Was die umfangreiche Lopavent-Doku allerdings verschämt verschweigt, ist die eigene Rolle bei der Planung der Veranstaltung. Kein Wort davon, dass es im Vorfeld mehrere Warnungen gab, die Loveparade auf dem begrenzten Güterbahnhofsgelände mit ebenso begrenzten Zuwegen zu organisieren - und dass diese Warnungen ganz offensichtlich auch von Lopavent nicht ernst genommen wurden. Ebenfalls kein Wort gibt es zum Einsatz des eigenen Security-Personals, das sich im Chaos angeblich irgendwann zum Teil "im Stich gelassen" fühlte und auf "Eigensicherung" verlegte.

Die Anzahl kann kein Sicherheitsdienst alleine stemmen

Schneider: "Alles war so unwirklich, und die Angst um die Kollegen war so schrecklich, dass man alles nur noch ausblendet und seiner Arbeit wie gewohnt nachging. Diejenigen von uns, die bereits um 14 Uhr das Weite suchten, sind nur dabei gewesen, weil wir das sonst nicht hätten leisten können. Die Anzahl kann kein Sicherheitsdienst alleine stemmen. Also wird alles dahin gebracht, was zwei Beine hat."

Eine solide geplante Großveranstaltung mit hunderttausenden Besuchern sieht anders aus. Ob das möglicherweise außer Kontrolle geratene Lopavent- Management allerdings strafrechtlich relevante Fehler machte, müssen die Richter entscheiden.

Dass der WDR inzwischen berichtet, es sei in der kritischen Phase im Lagezentrum von Veranstalter und Polizei nach Angaben einer Sicherheitsfirma zu technischen Störungen gekommen, macht die Aufklärung des Falles Loveparade nicht einfacher. Es habe Kamerabilder gegeben, die plötzlich verschwunden seien, sagt der Geschäftsführer der Kölner Sicherheitsfirma R.A.D., Robert Ahrlé, dem Sender. Die Kameras seien ausgefallen, weil sie von Ravern bei ihrer Flucht aus einem Tunnel unbeabsichtigt beschädigt worden seien.

*Name von der Redaktion geändert