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Loveparade-Katastrophe: Ein Gutachten sieht Verantwortung beim Veranstalter

Die Verantwortung für Sicherheit auf dem Loveparade-Gelände hat beim Veranstalter, der Lopavent GmbH, und der Stadt Duisburg gelegen. Zu diesem Schluss kommt zumindest ein Gutachten des nordrhein-westfälischen Innenministeriums, das am Mittwoch präsentiert wurde. Doch es ist nicht das einzige Gutachten zu dem Unglück in Duisburg.

Mehr als fünf Wochen nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg mit 21 Toten hat ein Wettstreit mit Unschuldsgutachten begonnen. Fast gleichzeitig wurden am Mittwoch in Duisburg und Düsseldorf Gutachten im Auftrag der Stadt und des NRW-Innenministeriums präsentiert, die jeweils den Auftraggeber entlasten.

Der Chef der Veranstalterfirma Lopavent, Rainer Schaller, hatte bereits zu Wochenbeginn den Schwarzen Peter weitergereicht: Nach einem aus Aufnahmen von Überwachungskameras zusammengeschnittenen Film, den Schaller ins Internet stellte, soll eine Polizeikette auf der Hauptrampe zum Loveparade-Gelände Hauptursache der Katastrophe sein. Seinen Auftritt in der Sat.1-.Sendung "Kerner" am Donnerstag, zu der Zuschauer elektronisch Fragen einreichen durften, sagte er am Mittwochabend ab. Der öffentliche Druck auf Schaller sei zu groß geworden, hieß es vom Privatsender in einer Mitteilung.

Eine Rekonstruktion der Abläufe und Zuordnung der Verantwortlichkeiten liegt in weiter Ferne, die drei wichtigsten Beteiligten an der Unglücksveranstaltung schieben die Verantwortung weiter hin und her.

Mitte September soll in einer Sondersitzung des Duisburger Rates über eine mögliche Abwahl des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland (CDU) entschieden werden. Seine Sprachlosigkeit und sein "katastrophales Krisenmanagement" vergrößerten täglich den Schaden für die Stadt, hatte die SPD-Ratsfraktion dem vor der Katastrophe beliebten Stadtoberhaupt vorgehalten.

Sauerland will sich am Donnerstag persönlich rechtfertigen, wenn der Innenausschuss des Landtags sich erneut mit der Katastrophe befasst.

Das Gutachten für das nordrhein-westfälische Innenministerium sieht die Verantwortung für die Sicherheit bei der Duisburger Stadtverwaltung und dem Veranstalter Lopavent. Die Polizei habe laut Ordnungsrecht nur eine nachgeordnete Zuständigkeit gehabt. In erster Linie sei der Veranstalter zuständig für die Sicherheit gewesen. Die Stadt hätte auch am Tag der Loveparade kontrollieren müssen, ob der Veranstalter alle Sicherheitsauflagen einhält, heißt es in dem Gutachten einer Bonner Rechtsanwaltskanzlei. Bei Mängeln hätte die Stadt dafür sorgen müssen, dass sie abgestellt werden.

Ganz anders dagegen die Darstellung des von der Stadt Duisburg beauftragten Gutachtens. "Die Stadt hat bei der Planung und Vorbereitung der Loveparade nicht gegen Amtspflichten verstoßen. Die Mitarbeiter haben rechtmäßig gehandelt", lautet das Resümee eines 130 Seiten starken Abschlussberichtes, den am Mittwoch in Duisburg eine Anwaltskanzlei im Auftrag der Stadt vorlegte.

Der Veranstalter Lopavent habe aber beispielsweise Zäune auf der Zugangsrampe nicht entfernt und dadurch Wege eingeschränkt. Die Ermittlungsbehörden müssten prüfen, ob die Stagnation im Tunnel und auf der Rampe verursacht wurde, weil die Rampe gesperrt, die Eingänge aber nicht gleichzeitig geschlossen wurden. Die Gefahrenabwehr auf dem Veranstaltungsgelände sei Sache der Polizei und der Veranstalter gewesen.

Kritik an der Polizei wies der innenpolitische Sprecher der SPD- Landtagsfraktion, Thomas Stotko, bei der Präsentation des Düsseldorfer Gutachtens zurück: Die Duisburger Ordnungsbehörden hätten das Gelände auf dem ehemaligen Güterbahnhof zuletzt am Vorabend der Veranstaltung kontrolliert. Am Tag der Loveparade habe es nach den ihm vorliegenden Unterlagen keine Kontrolle gegeben. Ob die Polizei am Tag der Katastrophe früher eingreifen "und den Laden" hätte übernehmen müssen, könne nur die Staatsanwaltschaft klären, sagte Stotko.

Die ohnmächtige Wut und die Trauer vieler Duisburger äußerte sich bisher in Plakaten, zahllosen Kerzen und Blumen an der Unglücksstelle. Damit ist jetzt aber bald Schluss: Der Unglückstunnel wird als wichtige Straßenverbindung in der Ruhrgebietsstadt für den Verkehr gebraucht. Ende der Woche werden deshalb die Trauergaben eingesammelt und eine Gedenktafel wird enthüllt. Dann rollen die Autos wieder - ohne Antwort auf die große Frage: "Wie konnte es dazu kommen?"

APN/DPA / DPA