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New Orleans: Behördenstreit um Hilfsaktion

In New Orleans liegen zunehmend die Nerven blank. Wegen der schleppend angelaufenen Hilfsmaßnahmen für die überflutete Stadt ist nicht nur George W. Bush in die Kritik geraten. Nun streiten sich auch die Regionalpolitiker mit den Ministern seiner Regierung.

Knapp eine Woche nach dem Hurrikan "Katrina" haben die Rettungskräfte mit einer systematischeren Suche nach Überlebenden und der Bergung von Leichen in New Orleans begonnen. US-Heimatschutzminister Michael Chertoff hat die Öffentlichkeit unterdessen auf grausige Bilder bei den Bergungs- und Aufräumarbeiten vorbereitet. Leichen trieben in den Kanälen, lagen verlassen in Rollstühlen, auf den Straßen oder versteckt auf Dachböden. "Es wird so furchtbar, wie man es sich nur vorstellen kann", sagte Chertoff dem Sender "Fox News".

Die Senatorin von Louisiana, die Demokratin Mary Landrieu, griff Heimatschutzminister Chertoff, der die mangelnde Informationspolitik der lokalen Behörden kritisiert hatte, scharf an. Sie sagte, sie werde es nicht zulassen, dass Bundesbehörden die lokalen Bemühungen schlechtmachten. "Wenn eine Person sie kritisiert, oder noch ein Wort sagt, und sei es der Präsident der Vereinigten Staaten, dann wird er von mir hören", so die Demokraten im Sender "ABC". "Noch ein Wort darüber nach dieser Sendung und ich würde ihm wahrscheinlich eine runterhauen - im wahrsten Sinne des Wortes."

Unterdessen häufen sich die Berichte über eine wachsende psychische Belastung der Einsatzkräfte. Mindestens zwei Polizisten setzten ihrem Leben mit einem Schuss in den Kopf ein Ende. Die Rettungskräfte rechnen daher damit, dass nicht allen Opfern des Hurrikans "Katrina" geholfen werden könne. Ein Hauptmann der Küstenwache sagte dem Nachrichtensender CNN am Montag, obwohl alle seine Männer bis zur totalen Erschöpfung arbeiteten, werde für viele die Hilfe zu spät kommen.

Gesundheitsbehörden rechnen mit bis zu 2000 Toten

Eine erste Behördenbilanz listete 59 Tote auf, davon zehn im Superdome. In einem Gefängnis von St. Gabriel wurde eine Leichenhalle eingerichtet; allein dort rechneten die Gesundheitsbehörden mit 1000 bis 2000 Toten. Die Behörden befürchten, dass die hohe Zahl nicht geborgener Leichen das Seuchenrisiko erhöht.

Präsident George W. Bush wurde am Montag erneut in der Katastrophen-Region erwartet. Seine Regierung sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie habe zu spät und nur unzureichend mit den Hilfs- und Rettungsmaßnahmen begonnen. "Wir sind von unserem eigenen Land im Stich gelassen worden", sagte Aaron Broussard, Präsident des Verwaltungsbezirks Jefferson südlich von New Orleans, im Fernsehen. Bush räumte ein, dass die Hilfsaktionen bislang unzureichend seien, und schickte zusätzliche Helfer. Außerdem reisten Minister in die Region, um den Menschen ihre Unterstützung zuzusichern.

Aaron Broussard schilderte dem Fernsehsender "NBC" erregt, dass die Mutter eines für das Katastrophenmanagment zuständigen Mannes in einem Altenheim gefangen gewesen sei. "Jeden Tag rief sie ihn an und sagte: ’Kommst Du, mein Sohn? Kommt jemand?’ Und er sagte, ’Ja, Mama, jemand wird Dich am Dienstag holen. Jemand wird Dich am Mittwoch holen. Jemand wird Dich am Donnerstag holen. Jemand wird Dich am Freitag holen.’ Und am Freitagabend ist sie ertrunken."

Die meisten Hurrikan-Opfer sind Arme und Schwarze, die sich nicht in Sicherheit bringen konnten. Einige schwarze Politiker erhoben daher den Vorwurf, die Regierung hätte schneller gehandelt, wenn es sich bei den Betroffenen um reiche Weiße gehandelt hätte. Außenministerin Condoleezza Rice widersprach dem: Niemand sei auf Grund seiner Rasse allein gelassen worden, sagte sie.

Am Sonntag kam es zu einer Schießerei auf der Danziger Brücke über einen Kanal, der den See Pontchartrain mit dem Mississippi verbindet. Dabei erschossen Polizisten mindestens fünf Männer, die das Feuer auf Arbeiter auf dem Weg zu einer Dammreparatur eröffnet hatten. Die 14 Arbeiter waren im Auftrag einer Pioniereinheit der Armee im Einsatz und wurden nach Angaben eines Militärsprechers von Polizisten eskortiert.

Mit Material von DPA/AP/Reuters / AP / Reuters