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Presseschau

Brand von Notre-Dame: "Wie dumm es doch erscheint, so zu tun, als wären wir nicht alle Europäer"

Im Schmerz geeint blickten die Franzosen am Montagabend auf die lodernden Flammen, die ihre Notre-Dame zerfraßen. Aber nicht nur die Franzosen, ganz Europa schaute mit Entsetzten nach Paris. Auch die europäische Presse trauert mit.

Das Innere von Notre-Dame nach dem Brand

Das Innere von Notre-Dame nach dem Brand

AFP

Es scheint, als ob in dem Augenblick, in dem die Notre-Dame verloren schien, nicht nur Frankreich zusammenrückte, sondern ganz Europa. In den sozialen Netzwerken bekunden Tausende ihr Trauer, Wut und Entsetzten. Die europäische Presse macht auf ihren Titelseiten deutlich: Wir stehen Frankreich bei.

Frankreich: "Le Figaro"

Notre-Dame ist untrennbar mit der Geschichte Frankreichs verbunden. In das kollektive Gedächtnis haben sich die großen Stunden der Nation eingegraben: königliche Hochzeiten, Reden, die Krönung Napoleons und das Te Deum des Sieges von 1945 (...). Dieses Meisterwerk im Herzen von Paris hat Kriege und Plünderungen erlebt. Aber niemals hat die Kathedrale eine Widrigkeit solchen Ausmaßes erlitten, niemals ist sie durch ein so spektakuläres Feuer zerstört worden. Die Ergriffenheit ist gewaltig.

Großbritannien: "Guardian"

Notre-Dame wird wieder auferstehen. Paris wird dies überleben, wie es schon so vieles andere überlebt hat. Und Frankreich wird zusammenrücken. Doch die traumatischen Folgen dessen, was der französischen Lebensweise in der Osterwoche 2019 in Paris angetan wurde, können nicht einfach so abgetan werden. Dem Selbstvertrauen einer Stadt, einer Nation, einer Kultur, eines ganzen Kontinents wurde ein Schlag versetzt. Die Kathedrale wird zu gegebener Zeit wieder auferstehen. Dieser schreckliche Brand ist kein Ereignis, das bagatellisiert oder banalisiert werden sollte. Wie dumm es doch in einem Moment wie diesem erscheint, so zu tun, als wären wir nicht alle Europäer. In Frankreichs Stunde des Kummers stehen wir an seiner Seite. Und wir werden uns niemals abwenden.

Italien: "Corriere della Sera"

Notre-Dame ist nicht nur ein Symbol der Christenheit und der französischen Geschichte. Sie ist kein isoliertes Gebäude, keine einfache Touristenattraktion (...). Die Kathedrale ist Teil der Stadt (...). Die Zeitung "Le Parisien" erzählt ihre Geschichten als wäre sie ein Lebewesen und nennt sie oft "die kranke alte Frau". Wegen ihrer unzähligen Beschwerden, der baufälligen Wasserspeier, von denen im September einer sogar herunterfiel, weshalb die Straße unten abgesperrt werden musste. Doch immer auf liebevolle Weise, als wäre sie ein lieber, übel zugerichteter Verwandter.

Belgien: "De Standaard"

Wenn die Flammen gelöscht sind, wird es eine Untersuchung geben, um alle offenen Fragen zu beantworten. Wie konnte das passieren? Wer war unvorsichtig? War es ein einfacher Kurzschluss? Gab es keine Sprinkleranlagen? Warum ist die Feuerwehr nicht schneller zur Stelle gewesen? Gab es genügend Feuerlöschsysteme, um mit einem Brand dieser Größenordnung fertig zu werden? Vielleicht gibt es zufriedenstellende Antworten, vielleicht aber auch nicht. Wir werden dann nach den Namen derjenigen suchen, die möglicherweise geschlampt haben. Den sprichwörtlichen Sündenböcken. Vielleicht werden Entlassungen folgen, Geldbußen, Strafen. Vielleicht aber auch nicht.

Niederlande: "de Volkskrant"

"Wenn der Brand von Notre-Dame symbolisch für etwas ist, dann für Verbundenheit und Tatkraft. Ein ergreifender Abend von weltweiter Trauer, schrieb die (französische Zeitung) "Le Monde". Das war keine Übertreibung: Überall auf der Welt sahen die Menschen mit angehaltenem Atem zu, wie Notre-Dame im Herzen von Paris vom Feuer verschlungen zu werden schien.

Der Verlust der Kathedrale wäre auch in einer säkularisierten Welt unerträglich gewesen. Notre-Dame ist ein Symbol der europäischen Zivilisation, der Ewigkeit und Spiritualität in einer Welt, die so oft von Vergänglichkeit und Materialismus geprägt ist."

Frankreich: "Les Dernières Nouvelles d'Alsace"

Es ist das Herz von Paris, das gestern Abend gebrannt hat. Und in der ganzen Welt hat man vor dem (...) Schauspiel dieser brennenden Kathedrale geweint. Sie verkörpert - man hat Schwierigkeiten, darüber in der Vergangenheit zu sprechen - Frankreich und seine Geschichte. Als der Mittelturm zusammenstürzte, um kurz vor 20 Uhr, zieht sich das Herz des Landes schmerzhaft zusammen. Man muss nicht katholisch oder christlich zu sein, um dieses Gefühl eines enormen Verlustes voll und ganz zu verspüren.

Klaffendes Loch im Dach: Videos zeigen die schweren Schäden im Inneren von Notre-Dame

Schweden: "Dagens Nyheter" 

"Ein Teil von uns" habe an diesem Abend gebrannt, schrieb Präsident Macron über die Tragödie, und vielleicht meinte er damit zuallererst die Franzosen. Aber es waren noch viele mehr, die das Feuer ins Mark traf: Christen, Katholiken, Europäer, Mitmenschen. Nun werden sich gute Kräfte aus aller Welt versammeln, um beim Wiederaufbau zu helfen. Weil wir Menschen so funktionieren, wenn wir am besten sind: Wir trauern, richten uns auf, blicken nach vorn und fangen an, zu bauen. 700 Jahre lang war Notre-Dame Ursprung von Schönheit, Trost, Bewunderung, Hingabe und Weltliteratur. Es ist schwer, daran zu glauben, wenn die Welt Bildern von Flammen, grauem Rauch und zusammengestürzten Türmen folgt - aber das wird die Kathedrale wieder sein.

Spanien: "La Vanguardia"

Die live übertragenen Bilder haben die Zuschauer überall in Schrecken versetzt. Sofort und auf der ganzen Welt trat ein Gefühl des Verlustes ein (...). Die europäischen Hauptstädte verfügen über ein reiches monumentales Erbe, das zu ihren geschätztesten Identitätszeichen gehört. Dieses Erbe sorgt für große Einnahmen, es erfordert aber auch hohe Instandhaltungskosten. Es ist zwar nie ausgeschlossen, dass ein Unfall zu einer Katastrophe wie der gestrigen führt. Es gibt einige Präzedenzfälle, die frisch in Erinnerung sind: Der Brand auf Schloss Windsor im Jahr 1992 etwa, oder das Feuer im Gran Teatre del Liceu in Barcelona 1994. Aber es liegt auf der Hand, dass die zuständigen Behörden jetzt nicht nur die Zerstörung von Notre-Dame bedauern werden, sondern auch, dass sie nicht mehr getan haben, um die Katastrophe zu verhindern.

Schweiz: "Tages-Anzeiger

"Die Notre-Dame von Paris war und ist trotz allem das Symbol für ein Frankreich, das in architektonischer, kultureller und religiöser Hinsicht für die Entwicklung nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt Vorbildcharakter hatte und immer noch hat. Sie steht dank ihres Alters auch für die Kontinuität einer kulturellen Entwicklung, die im frühen Mittelalter ihren Anfang nahm. (...) Wie ein Phönix aus der Asche soll sie wieder erstehen, die gotische Kathedrale auf der Île de la Cité, die im Moment ihrer Zerstörung zum Symbol der christlich-abendländischen Kultur geworden ist."

Schweiz: "NZZ"

"Natürlich schlägt jetzt die Stunde der Politiker. Während die Glocken von Notre-Dame verstummt sind, klingelt es unablässig auf Twitter. Die eine äußert Betroffenheit, der andere findet Schuldige, der Dritte fordert Einkehr und Besinnung. Präsident (Emmanuel) Macron ergreift die Gelegenheit, um sich als Chef des Wiederaufbaus in Szene zu setzen und Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Immerhin ist ihm dank dem Brand eine heikle Fernsehansprache an die Nation vorerst erspart geblieben, und er kann hoffen, dass am kommenden Samstag der übliche Krawall ausbleibt. (...)

Eine Stadt wie Paris kann vieles einstecken, sie ist nicht wegen eines ausgebrannten Dachstuhls am Ende, und auch eine ganze Serie von Unglücken wird sie nicht auf Dauer lädieren. Man hofft und wartet darauf, dass das Geläut der Glocken von Notre-Dame sich demnächst wieder über die Dächer von Paris ergießt."

Russland: "Iswestija"

Natürlich ist ein Wiederaufbau der Kathedrale möglich, auch wenn sie durch dieses schreckliche Feuer schwer beschädigt worden ist. Die Experten sind sicher in der Lage, die historischen Skizzen zu nutzen und es gibt auch noch einen ähnlichen speziellen Stein in Frankreich, aus dem das Gebäude ursprünglich gebaut worden ist. Allerdings wird so ein kolossales Projekt eine riesige Summe an Geld verschlingen, wir sprechen von Hunderten Millionen Euro. Gleichzeitig heißt es, die französischen Behörden hätten nicht einmal genug Geld gehabt, um die ursprünglich geplanten Renovierungen zu finanzieren. Die Arbeiten würden mindestens noch weitere fünf Jahre andauern. Man muss aber auch bedenken: Die Welt hat nicht nur fast eines ihrer größten Meisterwerke verloren. Der Brand kann auch eine neue riesige Unzufriedenheit mit den Behörden auslösen.

Spanien: "El Mundo"

"Notre-Dame hat Kriege, Revolutionen und auch die Zerstörungen heiliger Denkmäler beim reformatorischen Bildersturm überlebt. Sie wird auch den Brand überleben, der ihr Dach verwüstet hat. Der von (dem französischen Präsidenten Emmanuel) Macron bereits angekündigte Wiederaufbau wird dem Symbolcharakter der Kathedrale eine neue Bedeutung geben. Sie wird künftig auch die Gültigkeit der europäische Werte ungeachtet jener europaskeptischen oder offen europafeindlichen Tendenzen symbolisieren, die vor der neuen Wahl des Brüsseler Parlaments verzeichnet werden. Wie (Frankreichs Ex-Premier) Manuel Valls heute in unserer Zeitung schreibt: "Es wird in Notre-Dame keine Ruinen geben". Das Wehklagen um das Verlorene wird der Hoffnung auf eine Stärkung der europäischen Idee weichen."

Griechenland: "Kathimerini"

In den neun Jahrhunderten ihrer Geschichte hat die Liebe Frau von Paris viele Prüfungen erlebt, besonders während der Französischen Revolution. Und doch hat sie nie eine Katastrophe größeren Ausmaßes erlitten. Ihre Glocken, uns allen seit der Kindheit bekannt, als wir das Drama um Esmeralda und Quasimodo lasen, läuteten zu den frohen und den traurigen Ereignissen in Frankreich, von der Herrschaft Napoleons bis zu den fatalen Terrorattacken im Jahr 2015."

ivi