VG-Wort Pixel

Neues Verbot in Texas "Ich habe große Angst": Schülerin ändert heimlich Abschlussrede und geißelt Abtreibungsgesetz

"Wir haben abgetrieben" – Masha Sedgwick, Mithu Sanyal, Adriana Beran und Jenny Beck berichten über ihre Abtreibung
Sehen Sie im Video: "Schwangerschaftsabbruch darf keine Straftat mehr sein" – Was sich in Deutschland ändern muss.
Mehr
Die Jahrgangsbeste einer Highschool in Dallas hat ihre Abschlussrede unabgesprochen verworfen und das neue, restriktive Abtreibungsgesetz in Texas kritisiert. Für ihren Mut erhielt sie viel Zuspruch – auch von prominenter Seite.

Es ist eine beliebte Tradition in den USA: Als beste Absolventin des Jahrgangs 2021 durfte Paxton Smith bei der Abschlussfeier der Lake Highlands Highschool in Dallas, im US-Bundesstaat Texas, eine Rede halten. Ihr Manuskript hatte sie zuvor den Vorschriften entsprechend von der Schule absegnen lassen. Es ging darin um Medien und wie viel davon sie konsumiert und wie dieser Konsum ihre Sicht auf die Welt geprägt hat.

Doch eigentlich brannte Smith etwas ganz anderes auf der Seele: das neue Abtreibungsgesetzt, das die republikanische Regierung ihres Heimatstaates gerade verabschiedet hatte, und das im September in Kraft treten soll. Die sogenannte "Hearbeat Bill" verbietet Abtreibungen nach der sechsten Schwangerschaftswoche oder wenn ein Arzt einen Herzschlag des Fötus feststellt.

Abtreibung auch bei Vergewaltigung strafbar

Die meisten Frauen wissen zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht einmal, dass sie schwanger sind. Und das Verbot gilt auch für Frauen, die durch eine Vergewaltigung oder Inzest schwanger wurden. Einzige Ausnahme sind medizinische Notfälle. Außerdem erlaubt es die Neuregelung jedem Bürger und jeder Bürgerin in Texas, Ärzte zu verklagen, die den Eingriff außerhalb des gesetzlichen Zeitrahmens durchgeführt haben. Auch Privatpersonen, die Frauen in irgendeiner Weise beim Schwangerschaftsabbruch geholfen haben, könnten wie Mediziner vor Gericht gestellt und auf bis zu 10.000 Dollar Schadensersatz verklagt werden.

Smith wollte unbedingt etwas gegen dieses Gesetz tun. Sie sprach mit ihren drei Eltern darüber, ihre Abschlussrede ohne das Wissen der Schule zu ändern, wie sie dem "D-Magazin" berichtete. Zwei von ihnen hätten ihre neue Ansprache gelesen und ihren Plan gebilligt, der dritte Elternteil sei nicht begeistert gewesen. Alle drei hätten sich aber bereit erklärt, Stillschweigen über das Vorhaben zu bewahren.

Am Tag der Abschlussfeier, am vergangen Sonntag, trat Smith schließlich ans Mikrofon. Mit zittriger Stimme bedankte sie sich zunächst bei einem ihrer Mathelehrer, der die Laudatio für sie gehalten hatte. Dann zog sie ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus dem Ausschnitt ihrer Robe und hielt ihre Rede:

"Wenn wir die Highschool verlassen, müssen wir unseren Stimmen Gehör verschaffen. Ich wollte hier oben stehen und mit Ihnen über Fernsehen und Inhalte und Medien sprechen, weil das Dinge sind, die mir sehr wichtig sind. Doch angesichts der jüngsten Ereignisse fühlt es sich falsch an, über etwas anderes zu sprechen als über das, was mich und Millionen andere Frauen in diesem Staat derzeit betrifft.
Kürzlich wurde in Texas die "Heartbeat Bill" verabschiedet. Ab September wird es ein Verbot für Abtreibungen geben, die nach der sechsten Schwangerschaftswoche stattfinden, unabhängig davon, ob die Schwangerschaft das Ergebnis einer Vergewaltigung oder eines Inzests war. Sechs Wochen. Das ist alles, was Frauen bekommen. Die meisten Frauen wissen bis dahin nicht einmal, dass sie schwanger sind. Bevor sie also die Zeit haben zu entscheiden, ob sie emotional, körperlich und finanziell stabil genug sind, um eine Schwangerschaft auszutragen, bevor sie die Chance haben zu entscheiden, ob sie die Verantwortung übernehmen können, einen weiteren Menschen auf die Welt zu bringen, wurde die Entscheidung für sie von einem Fremden getroffen. Eine Entscheidung, die den Rest ihres Lebens beeinflussen wird, wird von einem Fremden getroffen.
Ich habe Träume und Hoffnungen und Ambitionen. Jedes Mädchen, das heute seinen Abschluss bekommt, hat diese. Wir haben unser ganzes Leben damit verbracht, auf unsere Zukunft hinzuarbeiten, und ohne unseren Beitrag und ohne unsere Zustimmung wurde uns die Kontrolle über unsere Zukunft entzogen. Ich habe große Angst, dass, wenn meine Verhütungsmittel versagen, ich habe große Angst, dass, wenn ich vergewaltigt werde, dass dann meine Hoffnungen und Bemühungen und Träume für meine Zukunft nicht mehr relevant sein werden. Ich hoffe, Sie können nachempfinden, wie quälend es ist, ich hoffe, Sie können nachempfinden, wie entmenschlichend es ist, wenn man Ihnen die Autonomie über Ihren eigenen Körper wegnimmt.
Und ich spreche darüber heute, an einem so wichtigen Tag, an einem Tag, an dem die Anstrengungen der Schüler aus zwölf Jahren Schule gewürdigt werden, an einem Tag, an dem wir alle zusammengekommen sind, an einem Tag, an dem Sie am ehesten geneigt sind, eine Stimme wie meine anzuhören, die Stimme einer Frau, um Ihnen zu sagen, dass dies ein Problem ist. Ein Problem, das nicht warten kann. Ich weigere mich, diese Plattform herzugeben, um für Selbstgefälligkeit und Frieden zu werben, wenn es einen Krieg gegen meinen Körper und einen Krieg gegen meine Rechte gibt. Einen Krieg gegen die Rechte Eurer Mütter, einen Krieg gegen die Rechte Eurer Schwestern, einen Krieg gegen die Rechte Eurer Töchter.
Wir können nicht schweigen."
An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Youtube integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.
DATENSCHUTZ-EINSTELLUNGEN
Hier können Sie die Einstellungen für die Anbieter ändern, deren Inhalte sie anzeigen möchten. Diese Anbieter setzen möglicherweise Cookies und sammeln Informationen zu Ihrem Browser und weiteren, vom jeweiligen Anbieter bestimmten Kriterien. Weitere Informationen finden Sie in den Datenschutzhinweisen.

Smith erzählte dem US-Sender CBS 11 einige Tage nach ihrer Rede, sie sei "ein bisschen nervös" gewesen und habe befürchtet, dass man ihr den Ton abdrehen würde. "Sie sollen einem das Mikrofon ausschalten, wenn man vom Skript abweicht", erklärte die junge Frau. "Und ich bin weit vom Skript abgewichen."

Lob von Hillary Clinton

Der Richardson-Independent-Schulbezirk, zu dem Lake Highlands gehört, kündigte dem Sender zufolge für das nächste Jahr eine Überprüfung der Kontrollen der Schülerreden an, um eine Wiederholung eines solchen Vorfalls zu verhindern. "Der Inhalt der Botschaft jedes Schülers ist die private, freiwillige Bekundung des einzelnen Schülers und spiegelt nicht die Befürwortung, Unterstützung, Position oder Bekundung des Bezirks oder seiner Mitarbeiter wider", hieß es in einer Erklärung. Dem D-Magazin berichtete Smith, sie habe aus Kreisen der Schulverwaltung gehört, dass man ihr Diplom einbehalten könnte. Das sei aber nicht geschehen.

Stattdessen erhielt die frischgebackene Highschool-Absolventin viel Lob. Sie sei überwältigt von den positiven Reaktionen, die sie erhalten habe, vom Applaus im Wildcat-Stadion, wo die Abschlussfeier stattfand, bis hin zu Social-Media-Nachrichten von Leuten, die ihre Rede auf Youtube gesehen hätten, sagte Smith dem "Advocate Magazine" aus Lake Highlands.

Und auch von prominenter Seite kam Lob: Die Komikerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Sarah Silverman nannte Smiths Rede auf Twitter "mutig". Und die frühere  demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton twitterte: "Das war mutig. Danke, dass Du nicht geschwiegen hast, Paxton."

Smith selbst ist nach ihrem Auftritt erleichtert und glücklich: "Es fühlt sich großartig an. Es fühlt sich auch ein wenig seltsam an", erzählte sie dem "D-Magazin". "Wann immer ich Meinungen habe, die als politisch oder kontrovers angesehen werden können, behalte ich sie für mich, weil ich nicht gerne Aufmerksamkeit für diese Art von Dingen erhalte. Aber ich bin froh, dass ich etwas tun konnte, und ich bin froh, dass es Aufmerksamkeit erregt. Es fühlt sich für mich persönlich einfach komisch an, dass ich mit der Aufmerksamkeit, die die Rede bekommen hat, in Verbindung gebracht werde."

Quellen: "D-Magazin", CBS 11"Advocate Magazine",  Youtube, "Complex"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker