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Überlebende von "Costa Concordia": Das Geschäft mit der Katastrophe

Sie haben das Unglück der "Costa Concordia" überlebt. Nun wollen die Passagiere Entschädigung. Doch so einfach ist das nicht. Über das juristische Geschäft mit dem Unglück.

Von Malte Arnsperger

Es wirkt makaber: Noch immer werden 16 Leichen irgendwo auf den überschwemmten Decks oder in den überfluteten Kabinen des gekenterten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" vermutet. Und während die Angehörigen verzweifelt auf Nachricht über den Verbleib ihrer Liebsten hoffen, werden bereits millionenschwere Entschädigungen versprochen. Weltweit stürzen sich Anwälte auf den Fall. Ihr Ziel: Sie wollen die Rechte der Betroffenen vertreten und mit dem Unglück möglichst viel Geld für die Opfer und damit auch für sich rausschlagen. Vier Kanzleien aus Deutschland, Italien und Großbritannien haben dafür sogar die "Costa Concordia Action Group" gegründet. Doch die rechtliche Gemengelage ist so schwierig, dass sich die Juristen uneinig sind darüber, welcher Weg für die Opfer der beste ist.

Die Ausgangslage ist klar: Rund 3200 Passagiere waren an Bord der "Costa Concordia", als sie vor der Insel Giglio kenterte. Die meisten Passagiere kamen mit dem Schrecken und einigen Schrammen davon, einige wurden verletzt, mindestens 16 sind tot. All diese Menschen und ihre Angehörigen haben Anspruch auf umfangreichen Schadensersatz. Unstrittig sind die Entschädigungen, die den Passagieren aus dem Vertrag mit dem Veranstalter (nicht Reisebüro) zustehen: Deutsche Reiserechtler gehen in so einem Fall davon aus, dass der Reisepreis sowie Fahrtkosten vollständig zurückbezahlt werden müssen und die Betroffenen Anspruch auf nochmal dieselbe Summe für die sogenannte "nutzlos aufgewendete Urlaubszeit" haben. Auch für immaterielle Schäden, wie etwa die psychische Beeinträchtigungen, muss der Reiseveranstalter aufkommen. Die Reederei "Costa Crociere" hat bereits angeboten, diese Kosten zu übernehmen.

An wen richtet sich das 11.000-Euro-Angebot?

Kompliziert bleibt der Kampf um Schmerzensgeld und den Schadenersatz für die verlorengegangenen Gepäckstücke. Um dies abzugelten, hat die Reederei den Passagieren ein Angebot von je 11.000 Euro gemacht, wenn sie im Gegenzug auf jegliche Klagen verzichten. Doch an wen genau richtet sich diese Offerte? An alle Passagiere oder nur die unverletzten?

In dem Angebotstext selber heißt es zwar, es seien damit nur die "emotionalen und psychischen Auswirkungen des Unfalls" gedeckt. Deshalb gehen die deutschen Verbraucherzentralen davon aus, dass verletzte Personen nicht angesprochen sind und diese separat entschädigt werden sollen. Bei der Hamburger Kanzlei Schwenke, die für die "Costa Concordia Action Group" deutsche Passagiere vertritt, ist man dagegen der Meinung, dass "Costa Crociere" auch Verletzte ködern will. Doch für diese Personen sei die Summe auf jeden Fall zu niedrig. Das sieht Anwalt Hans Reinhardt, der rund 20 Opfer vertritt, ähnlich. "Die Verletzten haben dieses Angebot auch bekommen und empfinden es als Schlag ins Gesicht. Eine Mandantin hat einen schweren Hüftschaden erlitten. Die ist stinksauer. Verletzte sollten das Geld auf jeden Fall ausschlagen."

USA, das gelobte Klageland

Wie sollten sich aber Passagiere verhalten, die tatsächlich mit einem blauen Auge davon gekommen sind? Anwalt Paul Degott vertritt sechs von ihnen. "Leuten, die nicht verletzt wurden, empfehle ich, die 11.000 Euro zu nehmen." Ähnlich sehen es auch die Verbraucherzentralen. Die sofort fällige Entschädigungssumme sei relativ hoch im Vergleich zu dem, was in Deutschland üblich sei. Zudem müssten die Betroffenen keinerlei Nachweise vorlegen und hätten keine zusätzlichen Anwaltskosten für einen Gang vor Gericht. Die Kanzlei Schwenke erklärt aber - wohl nicht ohne eigennützigen Hintergedanken. "Wir empfehlen, sich das sehr gut zu überlegen. Denn man verzichtet damit auf jegliche Klagen und auch in Deutschland könnte man vor Gericht womöglich mehr bekommen."

Das gelobte Land in Sachen Schmerzensgeld sind aber die USA. Kein anderes Rechtssystem der Welt spricht Opfern von Prügeleien, Autounfällen oder Ärztefehlern so viel Geld zu wie das amerikanische. Entschädigungen in Millionenhöhe sind da fast schon an der Tagesordnung. Und die Anwälte bekommen davon einen dicken Batzen von teilweise mehr als 40 Prozent ab.

Insbesondere Unglücke mit vielen Opfern ziehen die US-Anwälte magisch an. Sammelklage heißt das Zauberwort. Mit nur einer Klage, an die sich mehrere Betroffene dranhängen können, lässt sich die Gesamtentschädigung vervielfachen.

Einer der Vorreiter in dem Fall der "Costa Concordia" scheint die Kanzlei Proner & Proner aus New York zu sein. Gleich auf der Startseite der Kanzlei-Homepage wird der Besucher auf die mit einer italienischen Verbraucherorganisation eingereichte Sammelklage hingewiesen. Mit einfühlsamen Worten versucht Anwalt Mitchell Proner weitere Mandanten zu gewinnen. "Ganz sicher" werde dieses Unglück als einer der "vermeidbarsten und herzzerreißendsten Tragödien des 21.Jahrhundert in die Geschichte eingehen", schreibt er. Das Leben der Opfer und Angehörigen sei nun völlig in "Aufruhr", ihr Zukunft unsicher. "Das ist nicht richtig und ist nicht fair". Die so gebeutelten Menschen sollten sich auf ihre "psychische und psychische Erholung" konzentrieren und es ihm überlassen, sich um die rechtlichen und finanziellen Dinge zu kümmern. 460 Millionen Dollar fordere man insgesamt von der Costa-Mutterfirma Carnival Cruise Lines, die ihren Sitz in Miami hat. Jeder Passagiere könne mindestens mit 160.000 Dollar rechnen, für Verletzte oder gar Verstorbene sei noch viel mehr Geld drin, verspricht Proner.

Klage gegen Italien?

Bei solchen Summen sind offensichtlich auch einige deutsche Opfer hellhörig geworden. 20 von ihnen haben sich an den Opferanwalt Reinhardt gewendet. Der wurde vor einigen Tagen mit den Worten zitiert: "Wir beabsichtigen, uns einer Klage eines Kollegen in New York anzuschließen." Doch nun rudert Reinhardt im Gespräch mit stern.de zurück. Das weitere Vorgehen werde noch geprüft. Reinhardt weist auf die Unwägbarkeiten in den USA hin: "Es ist völlig unklar, welche Summe eine Jury den Opfern in ein paar Jahren zuspricht. Und wenn es am Ende nur 30.000 Euro sind, bleibt nach Abzug der Anwaltsgebühren nicht mehr übrig als die jetzt angebotenen 11.000 Euro."

Auch andere Juristen haben große Zweifel, ob eine Klage in den USA sinnvoll und vor allem möglich ist. Anwalt Degott meint: "Als Europäer, der in Italien auf einem italienischen Schiff war, muss ich erst mal darlegen, warum ein US-Gericht überhaupt meine Klage verhandeln soll. Ich halte das deshalb nicht für eine echte Option." Er empfiehlt vielmehr den Verletzten, das 11.000 Euro-Angebot nicht anzunehmen und mit der Reederei individuell über eine Entschädigung zu verhandeln.

Sein Kollege Reinhardt hält derzeit einen dritten Weg für den Vielsprechendsten: Er prüfe eine Klage in Italien. Die Schmerzensgeldsummen seien dort vergleichbar mit denen in den USA, also viel höher als in Deutschland. 100.000 Euro für jeden Passagier seien dort durchaus realistisch. Zudem sei das italienische Rechtssystem berechenbarer als das amerikanische. Denn, so Reinhardt, "mit einer Klage in den USA begibt man sich auf sehr hohe See".

Das können die "Costa"-Passagiere wahrscheinlich als allerletztes gebrauchen, sind sie doch eben erst dem Meer vor Giglio entkommen.