HOME
stern-Reportage

Vergewaltigungen in der US-Armee: Ihr Körper ein Schlachtfeld

Tausende US-Soldatinnen werden während ihres Dienstes vergewaltigt. Von den eigenen Kameraden. Schweigen die Opfer nicht, gelten sie als Verräterinnen. Und können alles verlieren: ihren Ruf, ihren Job. Und manche ihr Leben.

Natasha Schuette, 21, wurde von ihrem Ausbilder in Fort Jackson, South Carolina, missbraucht und von seinen Kollegen schikaniert, als sie ihn angezeigt hatte

Natasha Schuette, 21, wurde von ihrem Ausbilder in Fort Jackson, South Carolina, missbraucht und von seinen Kollegen schikaniert, als sie ihn angezeigt hatte

Sie möchte niemanden treffen, Connie Sue Foss ist nur am Telefon zu sprechen. Für den Elternabend ihrer Tochter vor über zwei Jahren hatte sie sich das letzte Mal unter Menschen getraut. Aber das brachte sie schnell an ihre Grenzen. Als eine Mutter fragte: "Wie geht es dir?" , fing Connie Sue Foss an zu schreien. Trat um sich. Prügelte mit ihren Fäusten zwei große Löcher in die Rigipswand neben der Tafel. Dann rannte sie davon. "Ich fühlte mich wie ein Tier im Käfig", erzählt sie.

"Heute bin ich ein Wrack"

Connie Sue Foss war einmal eine amerikanische Heldin, lange ist das noch nicht her. Sie war Soldatin der US Navy und dort eine der ersten Flugzeugmechanikerinnen in der Geschichte der USA. "Heute bin ich ein Wrack", sagt sie.

Die Armee, Dein Feind
Einst war sie Flugzeugmechanikerin, eine Heldin des US-Militärs. Heute ist Connie Sue Foss arbeitslos, lebte mit Tochter Ally auf der Straße

Einst war sie Flugzeugmechanikerin, eine Heldin des US-Militärs. Heute ist Connie Sue Foss arbeitslos, lebte mit Tochter Ally auf der Straße

Sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Nicht, weil sie für ihr Land in den Krieg gezogen ist und Menschen hat sterben sehen. Ihr Körper wurde zum gemacht. Dreimal wurde sie vergewaltigt. Von Soldaten der eigenen Einheit.

Von ihren Kameraden.

Von zwei Vorgesetzten und einem Militärarzt.

Die ist der größte Feind der eigenen Soldatinnen. Jede Dritte wird während ihrer Dienstzeit sexuell belästigt oder vergewaltigt. Es gibt die Zahl der Anzeigen, 6083 waren das bei der letzten Zählung. Und dann gibt es die Dunkelziffer, die geschätzte Zahl der Übergriffe, die auch von der Armee selbst als realistisch eingeschätzt wird. Das sind bis zu 20 000 Opfer im Jahr. Die Mehrzahl der Frauen schweigt und leidet still. Aus Angst vor Nachteilen, aus Angst vor den männlich dominierten Kommandostrukturen. Wer anzeigt, gilt als Verräterin.

Connie Sue Foss war bereits mit 17 Jahren als Soldatin in stationiert. Direkt nach der Highschool ging sie zur Navy, in ihrer Familie haben Militärkarrieren Tradition. Als sie eines Nachts auf ihrer Basis Wache stand, fiel ein Soldat über sie her, riss ihr die Uniform vom Leib und verging sich an ihr. Sie meldete den Angriff bei ihrem Vorgesetzten. "Ich dachte, ich tue das einzig Richtige", sagt die heute 42-Jährige. "Aber danach jagten sie mich durch die Hölle."

"Aber danach jagten sie mich durch die Hölle"

Auf dem Stützpunkt sprach sich schnell herum, dass sie Anzeige erstattet hatte, Foss wurde zum Freiwild. Kameraden fassten sie an Busen und Po, schubsten sie herum, bedrängten sie. Und beschimpften sie als Schlampe: "Sie meinten, ich solle mich nicht so anstellen, es hätte mir doch auch Spaß gemacht."

Zwei Tage nach der sollte sie einen Gefangenentransport ins Militärgefängnis begleiten. "Als ich mich auf den Beifahrersitz des Transporters setzte, saß mein Vergewaltiger hinter mir", erzählt sie. Der Fahrer begrüßte den Mann mit den Worten: "Wer war noch mal die Hure, die dich angeschwärzt hat?‘"

Foss’ Peiniger wurde zu 30 Tagen Haft verurteilt und erhielt einen Eintrag in die Dienstakte. "Ein Witz", sagt sie. Seine Pflichtverteidigerin erzählte ihr nach dem Prozess, dass er sich zuvor bereits an fünf weiteren Frauen vergangen habe.

Eine Seite aus dem Tagebuch von Carri Goodwin. Ihr Vater, selbst Soldat, las erst nach Carris Selbstmord von ihren Qualen bei der Armee

Eine Seite aus dem Tagebuch von Carri Goodwin. Ihr Vater, selbst Soldat, las erst nach Carris Selbstmord von ihren Qualen bei der Armee

"Innerlich war ich tot", sagt Connie Sue Foss. Und doch blieb sie bei der Armee. Sie hatte sich ihrem Land für acht Jahre verpflichtet, sie war Soldatin. Foss stieg auf zur Unteroffizierin. Und wurde erneut Opfer sexueller Gewalt. Ein Militärarzt sollte sie wegen einer Erkältung krankschreiben, er vergewaltigte sie. Aber auch danach leistete sie eisern weiter Dienst: "Wegzulaufen war keine Option, ich hätte nur Schande über meine Familie gebracht."

Später wurde sie auf einem Stützpunkt mit 200 Männern stationiert, sie war die einzige Frau dort. Ein Soldat raunte ihr zu, dass er sie bald "vögeln" werde. In einer der folgenden Nächte kam ein anderer in ihre Kammer und vergewaltigte sie. Sie war 24 Jahre alt.

Am nächsten Morgen reichte sie ihre Entlassungspapiere ein. Die Vergewaltigung meldete sie nicht.

Ein eigener Ehrenkodex

Schon Präsident Obama versprach vor drei Jahren, dass "solche Verbrechen in der größten Armee der Welt keinen Platz" hätten. Viel wurde seither geredet in Anhörungen des Senats, in Ausschüssen der Armee, beim Pentagon. Doch das Ausmaß sexueller Gewalt ist heute noch so erschreckend wie damals.

In Zahlen: Die traurige Realität von sexueller Gewalt in Deutschland


Wer sich verpflichtet, der tritt ein in eine andere Welt

210 000 Frauen arbeiten und leben mit 1,2 Millionen Männern in den US-Streitkräften, schon seit 1775 gibt es weibliche Armeeangehörige. Inzwischen können sich Frauen für alle Waffengattungen und Truppenteile bewerben. Wer sich verpflichtet, der tritt ein in eine andere Welt. Sie hat einen eigenen Ehrenkodex, aber vor allem eine eigene Gerichtsbarkeit. Staatsanwälte, Richter, Verteidiger – alle sind Teil der Armee. Und es sind die Vorgesetzten, die entscheiden, ob einem Opfer geglaubt wird oder nicht. Ob es zur Anzeige kommt oder nicht. Und damit: ob öffentlich wird, was sich unter ihrem Kommando abspielt.

Führt ein Sexualvergehen zum Prozess – nach Schätzungen in weniger als einem von zehn Fällen –, fühlen sich viele Opfer erneut verraten. Der ehemalige Chefankläger der Air Force, Colonel Don Christensen, sagt: "Die Strafen zeigen, dass das Militär sexuelle Attacken nicht ernst nimmt."

Gary Noling bewahrt die braune Urne mit der Asche seiner Tochter Carri Goodwin in einem Wohnzimmerregal auf. "Ich kann Carri nicht beerdigen, ich kann sie nicht hergeben", sagt er. Auf dem Tisch vor ihm liegen Briefe der US-Armee und Carris Tagebücher. Erst Wochen nach ihrem Tod las Noling, was seine Tochter über ihre Qualen aufschrieb.

Die Marines gelten als Elitetruppe, nur die Härtesten sollen hier bestehen können, sagt der Mythos. So eine wollte Carri sein, das Mädchen mit der Gaumenspalte und der Leseschwäche, das von den Mitschülern gehänselt worden war. Die Marines sollten ihre Chance sein auf eine Ausbildung, auf Anerkennung. Bis dahin hatte sie nur Hilfsjobs gehabt. Carri stellte sich in einem der Rekrutierungsbüros in Alliance in Ohio vor. Der diensthabende Soldat bat sie ins Hinterzimmer und fiel dort über sie her. Als sie blutend und weinend am Boden lag, sagte er: "Halt den Mund, sonst nehmen wir dich nicht." Sie zeigte den Rekrutierer trotzdem an.

"Halt den Mund, sonst nehmen wir dich nicht"

Der Mann wurde versetzt, seine einzige Strafe. Carri strichen sie den Anwerbungsbonus von 25 000 Dollar, sie wurde als Lageristin eingeteilt, nicht wie versprochen als Krankenschwester. Sie beschwerte sich nicht, wollte das neue Leben nicht gefährden, das sie sich immer noch erhoffte. Aus Scham erzählte sie auch ihrem Vater nie davon, den sie zu dieser Zeit nur selten sah. Er erfuhr es aus ihren Tagebüchern.

Männergesellschaft: Marines treffen Frauen vor einer Bar nahe Camp Pendleton in Kalifornien

Männergesellschaft: Marines treffen Frauen vor einer Bar nahe Camp Pendleton in Kalifornien

Dort musste er auch lesen, wie sie zum zweiten Mal vergewaltigt wurde, von einem Vorgesetzten im Camp Pendleton in Kalifornien: "Ich wachte auf, als der kalte Stahl einer Pistole gegen meine Stirn drückte: 'Sag kein verdammtes Wort.'" Der Mann schlug sie nieder und drang in sie ein. Carris Tränen haben die Worte im Tagebuch zerlaufen lassen. Gary Noling fand auch eine Nachricht an sich in den Büchern, datiert vom 9. Dezember 2008: "Dad, ich wurde zwei Mal vergewaltigt. Ich fühle mich wie ein Arschloch für das, was mir passiert ist." Carri gab sie ihm nie.

Stattdessen sandte sie ihm Anfang 2009 eine Postkarte – mit einem einzigen Satz: "Ich komme nach Hause." Damals war sie erst knapp ein Jahr bei den Marines gewesen, arbeitete immer noch als Lageristin. Für vier Jahre hatte sie sich verpflichtet. Ihr Vater, selbst erfahrener Soldat, wusste, was das bedeutete: unehrenhafte Entlassung, ein Stigma, ähnlich einer Vorstrafe, das eine Zukunft in den meisten Fällen verbaut, auch im zivilen Leben. Gary Noling erlebte seine Tochter völlig verändert, zurückgezogen, schweigsam: "Ich kam nicht an sie heran."

Fünf Tage später war sie tot, 19 Jahre alt. Carri starb auf der Rückbank eines Autos, im Blut ein Mix aus dem Psychopharmakon Sertralin und einer großen Menge Alkohol.

Späte Eingeständnisse beim Thema Vergewaltigung

Noling schlägt eine Seite auf, darauf die Zeichnung eines zerschnittenen Handgelenks mit einem blutigen Messer daneben. "Wenn es nur so einfach wäre", schrieb Carri dazu. In den Militärunterlagen, die Noling sorgfältig aufbewahrt, steht, dass Carri unter einem "nicht durch einen Kampfeinsatz ausgelösten PTBS" litt. Ganz offiziell wird sie dort als Opfer sexueller Gewalt geführt.

Weil sie als Soldatin nicht mehr zu gebrauchen war, schickten die Marines die junge Frau einfach nach Hause. "Das Einzige, was sie ihr mitgegeben haben, war eine Packung Antidepressiva", sagt Gary Noling. Und die Warnung eines Arztes, dazu auf gar keinen Fall Alkohol zu trinken. Auch das notierte Carri sorgfältig in ihrem Tagebuch. Am Tag ihres Todes kaufte sie zwei Flaschen Bier und trank sie aus. Dann kam für sie jede Hilfe zu spät.

Connie Sue Foss, die Veteranin mit der großen Wut und Angst, lebte nach der Entlassung aus der Armee monatelang mit ihrer kleinen Tochter Ally im Auto und in Obdachlosenheimen. Nach langem Streit erkannte die US-Armee 2011 ihre Traumatisierung als Folge der Vergewaltigungen an, seitdem bekommt sie eine Rente. Heute lebt sie in der Nähe von Tampa in Florida.

Wenn sie morgens wach wird, spürt sie im ganzen Mund harte Krümel. "Das sind Reste meiner Zähne, die ich im Schlaf zerknirsche", sagt sie. Irgendwann lag ein Backenzahn auf ihrem Kissen, vier Stück hat sie so schon verloren. Entschuldigt hat sich die Navy bei ihr nie. Nur ihr Vater, ein Kriegsveteran, nahm sie in den Arm und sagte: "Ich bedauere zutiefst, was dir meine Kameraden angetan haben."

Text gegen sexuellen Missbrauch: Dieses Gedicht einer jungen Inderin müssen Sie hören
Themen in diesem Artikel