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Vermisster Flug MH370: Haben Cyber-Piraten den Geisterflug ferngesteuert?

Auch neun Tage nach dem Verschwinden fehlt von der Boeing jede Spur. Mehrere Theorien, was passiert sein könnte, sind im Umlauf. Wie wahrscheinlich sind Piloten-Selbstmord oder Cyber-Entführung?

Von Till Bartels

War es Sabotage, Entführung oder ein terroristischer Anschlag, der zum Verlust der Boeing 777-200 führte? Ermittler und Geheimdienste überprüfen die verschiedensten Theorien, was mit der Maschine von Malaysian Airlines nach dem Verschwinden von den zivilen Radarschirmen geschah. Noch immer gibt es keine heiße Spur, die die Ursache des Verschwindens erklärt. Im Internet kursieren mit jedem weiteren Tag neue Spekulationen, die zutreffen können, aber auch absurd erscheinen.

Fakt ist, dass die Suche nach der in Südostasien vermissten Passagiermaschine mit 239 Menschen an Bord am Wochenende auf 25 Länder ausgeweitet wurde. Gesucht wird unter anderem in zwei riesigen und erheblich von den bisherigen Gebieten abweichenden Flugkorridoren auch in den Weiten des Indischen Ozeans. Doch wie wahrscheinlich sind die Theorien zu Flug MH370? Wir spielen einige der Thesen durch.

Die Boeing wurde von Terroristen entführt

Die Regierung in Malaysia ermittelt unter anderem in Sachen Terrorakt. "Eine Entführung ist immer noch eine Option", sagt ein hoher Polizeivertreter. Begründet wird diese These wegen des bewussten Abschaltens der Datenübermittlungssysteme. Demnach müssten im Cockpit allerdings sehr flugerfahrene Terroristen das Kommando übernommen haben. Gegen einen Terrorakt spricht auch die Tatsache, dass es bis heute kein Bekennerschreiben vorliegt und keine Lösegeldforderung eingegangen ist.

Die Crew hat die Maschine entführt

Dieses Szenario gilt durchaus als realistisch. Erst im 17. Februar diesen Jahres hat ein Copilot von Ethiopian Airlines eine Maschine von Addis Abeba nach Rom in seine Gewalt gebracht, als er für einen Moment allein im Cockpit saß: Sein Kollege war kurz zur Toilette gegangen, als er den Piloten aussperrte und mit verriegelter Cockpittür in Genf landete, um dort politisches Asyl zu beantragen. Diese Entführung endete für die Passagiere glimpflich.

Selbstmord des Piloten oder Copiloten

Wenn nur ein Crew-Mitglied im Cockpit ist, kann die Situation auch ein anderes Ende nehmen. Zwei spektakuläre Fälle sind bekannt, in denen Piloten bewusst eine Maschine haben abstürzen lassen. 217 Menschen kamen Ende Oktober 1999 ums Leben, als eine Boeing von Egypt Air nach dem Start in New York ins Meer stürzte. Die Rekonstruktion des Unglücks geht davon aus, dass der Copilot, als er für einen Moment allein die Kontrolle hatte, den Autopiloten abschaltete und die Maschine in einen Sturzflug überging. Der ins Cockpit herbeigeilte Pilot konnte das Flugzeug nicht mehr abfangen. Die US-Behörden gingen in ihren Untersuchungen von einer Suizidabsicht des ersten Offiziers aus.

Der Absturz einer modernen Embraer 190 der Linhas Aéreas de Moçambique LAM in Namibia im November 2012 geht ebenfalls auf das Konto eines Crew-Mitglieds. Die Ermittler kam zu dem Schluss eines "in klarer Absicht" herbeigeführten Absturzes durch den Piloten, der den Autopiloten manipuliert hatte, als er ebenfalls allein im Cockpit war. Die akustischen Aufzeichnungen des Flugschreibers belegen, wie der verzweifelte Pilot beim Sturzflug zurück ins Cockpit wollte und gegen die Tür pochte. 33 Menschen kamen bei dem Crash ums Leben.

Im Falle von MH370 gilt diese Theorie als weniger wahrscheinlich. Die Boeing 777 wurde nicht wie in den geschilderten Fällen bewusst zum Absturz gebracht, sondern die Cockpit-Crew ging rätselhafter vor, schaltete zunächst das Datenfunksystem ACARS sowie auch den automatischen Transponder ab.

Die Boeing ist auf einem Flughafen gelandet

Diese Vermutung ist die große Hoffnung der Angehörigen. Sollte die Boeing doch nicht abgestürzt, sondern auf an einem geheimen Flughafen gelandet sein? Noch vier Stunden nach dem Absenden des letzten Identifikationssignals in der Luft verschickten die Rolls-Royce-Triebwerke Daten, die auf einen Weiterflug schließen lassen. Mit dem Kerosinvorrat für acht Stunden Flug ergibt sich nach dem Verschwinden von den Radarschirmen noch ein Reichweitenradius, in dem mehr als 600 Flughäfen liegen. Doch gilt die Theorie einer geglückten Landung als unwahrscheinlich, da sich an Land ein so großes Flugzeug kaum verstecken lässt.

Versehentlicher Abschuss durch das Militär

Zu den Verschwörungstheorien gehört auch ein versehentlicher Abschuss durch eine Rakete der Streitkräfte, von welchem Land auch immer. In großer Höhe soll die Maschine demnach von einer Boden-Luft- oder Luft-Luft-Rakete, die etwa bei einem Manöver abgefeuert wurde, irrtümlich getroffen und pulverisiert worden sein. Die Überreste fielen ins Meer. Dieses Argument wird gestützt von einer weiteren Verschwörungstheorie, der Vertuschungsthese.

Die Annahme fußt auf einer historischen Begebenheit, den Abschuss des Itavia-Fluges 870: Im Jahre 1980 stürzte eine italienische DC9 auf einem Inlandsflug ins Tyrrhenische Meer. Erst nach jahrelangen Ermittlungen wurde bekannt, dass damals ein Luftkampf zwischen zwei Maschinen der libyschen Luftwaffe und einer Gruppe von Nato-Flugzeugen stattfand. Durch eine Verwechselung soll die Zivilmaschine damals abgeschossen worden sein.

Im Falle des Verschwindens der Boeing der Malaysia Airlines spricht für diese Möglichkeit die von Anfang an intransparente Kommunikationspolitik der malaysischen Regierung und die schon häufig kritisierte Rolle des malaysischen Militärs, das seine Radaraufzeichnungen nicht schnell genug auswertete und Alarm schlug. Die mutmaßliche Explosion eines Großraumflugzeuges mit viel Kerosin an Bord müsste allerdings von anderen Zivilmaschinen am Nachthimmel wahrgenommen worden sein, ebenso von Fischerbooten oder chinesischen oder amerikanischen Überwachungssatelliten. Fazit: kaum glaubwürdig.

Die erste Cyber-Entführung weltweit

Eine weitere Hypothese kommt von der Anti-Terrorexpertin Sally Leivesley. Sie glaubt, dass nicht die Piloten, sondern Entführer die Malaysia-Maschine, sei es am Boden oder an Bord, in ihre Gewalt gebracht haben. Per App über ein Smartphone oder USB-Stick im Bordunterhaltungsprogramm ließen sich die Sicherheitssysteme austricksen. Die Entführer könnten so Einfluss unter anderem auf Geschwindigkeit, Höhe und Flugrichtung genommen haben, so ihre These. "Es könnte sich um die erste Cyber-Entführung handeln", sagte Leivesley der britischen Zeitung "Sunday Express". Theoretisch ließe sich ein Flugzeug sogar per Fernbedienung steuern. "Dies ist eine sehr frühe Version von etwas, das ich ein smartes Flugzeug nenne", so die Expertin.

Auf Fachkongressen wäre die Möglichkeit einer Cyber-Entführung bereits Gegenstand von Diskussionen, heißt es in dem Artikel. Damit wäre eine Zivilmaschine zur ferngesteuerten Drohne umfunktioniert. Da es bis heute immer noch keine plausible Erklärung für das Verschwinden von MH370 gibt, wird auch diese These in Betracht gezogen.

Noch sind alle Angaben zu der vermissten Boeing 777-200 der Malaysia Airlines widersprüchlich und alle Vermutungen hoch spekulativ. Zum Wochenanfang rücken die beiden Piloten immer stärker ins Visier der Ermittler. Inzwischen wurden die Wohnungen des Flugkapitäns Zaharie Ahmad Shah und des Copiloten Fariq Abdul Hamid durchsucht, ein Flugsimulator und weitere Computer sichergestellt. Auch einem politischen Motiv wird nachgegangen: Pilot Shah ist Mitglied der malaysischen Oppositionspartei des Politikers Anwar Ibrahim. Dieser war am Vortag des Flugs MH370 wegen des Vorwurfs der Homosexualität zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.