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Jesse Thistle Wie aus einem obdachlosen Junkie ein Uni-Professor und Bestseller-Autor wurde

Jesse Thickle
Jesse Thickle hat mittlerweile wieder gut Lachen. Bis er Anfang 30 war, deutete nichts auf ein Happy End hin.
© Jessethickle.com / stern
Er hatte von Anfang an keine Chance, aber er kriegte die Kurve. Der Kanadier Jesse Thistle wuchs ganz unten auf und blieb dort, bis er 32 war. Dann versuchte er, sich mit Lesen von seiner Crack-Sucht abzulenken – jetzt lehrt er an einer Universität.

Der Weg von der Straße zurück in ein "normales" Leben fällt vielen Obdachlosen schwer. In extremen Fällen sind sie kaum noch fähig, ein Sozialleben zu führen. Andere haben sich zu sehr an die Platte gewöhnt, und psychische Probleme oder diverse Abhängigkeiten sind dort eher die Regel als die Ausnahme. Bei Jesse Thistle fing es mit Kokain an. Sein Großvater, ein strenger Mann der ganz alten Schule, warf ihn deswegen aus dem Haus. Da war er 19 Jahre alt und die nächsten mehr als zehn Jahre würde er wohnungslos bleiben.

"Wir haben getrunken, gefeiert, sind auf Raves gegangen, haben Drogen genommen und das war dann mein Leben. Ich verlor mich in MDMA, Ketamin und Crystal Meth, drei, vier fünf Tage am Stück", sagt Jesse Thistle der BBC. Schicksale wie seines gibt es tausende, doch Thistle hat es geschafft, die Notbremse zu ziehen. In den Jahren auf der Straße, im Gefängnis, nahm er ungefähr alle Drogen. Heute ist Thistle Assistenzprofessor an der York University im kanadischen Toronto und Bestsellerautor.

Seine Autobiografie war erfolgreichstes Sachbuch

Seine Autobiografie "From the Ashes" (Aus der Asche) war das meistverkaufte Sachbuch in Kanada, auch einen Preis hat Thistle erhalten. Der Erfolg des Buches dürfte auch daran liegen, dass der jetzt 45-Jährige gleich eine doppelte Aufsteiger-Geschichte hingelegt hat. Sein Vater Sonny soff und war nie zu Hause. Seine Mutter Blanche stammte aus dem indigenen Volk der kanadischen Métis. Vor 30, 40 Jahren waren das Familienverhältnisse, die fast zwangsläufig in Armut und Aussichtslosigkeit endeten.

"Wegrennen war meine Art, mit dem Leben klarzukommen", sagt Jesse Thistle, aber als das einmal die beste aller schlechten Optionen gewesen wäre, tat er es nicht. Am 31. Dezember 1999, er war 23 Jahre alt, traf Jesse zufällig alte Bekannte, die ihm ihre Klamotten schenkten. Seine eigenen waren ihm kurz zuvor geklaut worden. Kurz darauf sah er im Fernsehen zwei Typen, die die Sachen trugen, die nun ihm gehörten. Sie waren dabei gefilmt worden, wie sie einen Taxifahrer ermordet hatten. Jesse wurde übel. Offenbar sollte ihm ein Mord angehängt werden.

"Ich stand also plötzlich vor der Wahl, meinen Mund zu halten, wie es sich auf der Straße gehört, oder das Richtige zu tun und Gerechtigkeit walten zu lassen." Er entschied sich für Letzteres, ging zur Polizei und galt fortan an als "Verräter". Alte Freunde mieden ihn, Fremde lauerten ihm auf, einmal wurde er so übel mit einem Baseball-Schläger zugerichtet, dass er kaum noch gehen konnte. "Ich war ein toter Mann", sagt er. Jesse verzweifelte immer mehr, bis er eine Überdosis Schmerzmittel nahm. Er landete im Krankenhaus. Nicht zum letzten Mal.

"Ich war dabei zu verwesen"

Einmal stürzte er aus dem dritten Stock, als er versuchte, in die Wohnung seines Bruders Jerry einzubrechen. Er überlebte mit zerschmetterten Fuß- und Handgelenken. Den körperlichen Schmerz betäubte er mit Crack, bis seine Zehen begannen abzusterben. "Ich war dabei zu verwesen", erzählt er und als der Arzt ihm sagte, er könne an der Entzündung sterben, tat er das, was er meistens tat: abhauen. "Ich wollte mich vor der Welt verstecken und vor meinen Süchten und vor allen Fehlern und vor Leuten, die ich verletzt hatte. Ich wollte verrotten und sterben."

Also beschloss er, einen Supermarkt zu überfallen, sich festnehmen zu lassen und in den Knast zu gehen. Es wäre sicher dort, vermutete Jesse, er hätte einen Platz zum Schlafen, immer etwas zu essen und medizinische Versorgung. Doch selbst das klappte nicht. Statt sich verhaften zu lassen, versteckte er sich mit der Beute von umgerechnet knapp 30 Euro in einem Müllcontainer. Ein paar Wochen später ging er dann zur Polizei und stellte sich.

Im Gefängnis wurde zwar seinem Bein geholfen, für seine Drogensucht aber war es der falsche Ort. Einen begleiteten Entzug gab es nicht, also durchlitt er eine "fürchterliche, fürchterliche Entwöhnung" von all dem Alkohol und den anderen Drogen, die er nahm, seit er ein Teenager gewesen war. Anschließend begann der damals inzwischen 32-Jährige eher zufällig ein neues Leben. Um sich von der Gier nach Crack abzulenken, brachte er sich Lesen und Schreiben bei. Als Kind hatte er es nur oberflächlich gelernt, weil er in der Schule die meiste Zeit mit Streit und Prügeleien verbracht hatte. Um das Drogenproblem auch nach seiner Entlassung aus dem Knast im Griff zu behalten, begann er, Lexika zu lesen. Daneben besuchte er Kurse, in denen er lernte, wie man am Tisch sitzend isst, sich wäscht "und all die anderen Sachen, die ich in den ganzen Jahren verlernt hatte".

Und plötzlich war seine Mutter wieder da

In dieser Zeit erlebte Jesse Rückschläge, doch eines Tages begegnete er seiner Mutter. Es war ein tränenreiches Wiedersehen. Denn sie hatte ihre Kinder, Jesse und seine beiden Brüder, nicht freiwillig weggegeben. Hatten Ureinwohner Probleme mit ihrem Nachwuchs, wurde der einfach in weiße Familien gebracht. "The Sixties Scoop" hieß diese Praxis in Kanada.

Als Teenager landete Jesse bei seinem überstrengen Großvater. Die Großmutter, so erzählt es seine Mutter Blanche nun, viele Jahre später, lag im Sterben. Jesses Abschiedsbesuch bei ihr führte ihn auf den Weg, den er heute noch beschreitet: Die alte Dame, wie ihr Mann offenbar keine Freundin von allzu viel Drumherumgerede, wusch dem Enkel den Kopf. Enttäuscht sei sie von ihm, sagte sie und nahm ihm ein Versprechen ab: "Bilde dich weiter fort, geh zur Universität. Komm voran so weit du kannst." Zwei Wochen später starb sie.

Danach ging sein Leben weiter wie in einem Film: Jesse traf seine alte Schulfreundin Lucie wieder und verliebte sich in sie. Er begann mit 35 Jahren ein Geschichtsstudium, durch das er auf seine eigene Familiengeschichte stieß. Er schrieb Abhandlungen über seine Métis-Vorfahren und deren Kampf gegen die Regierung und entwickelte sich zum Experten für die Geschichte der Ureinwohner. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, demnächst wird er wohl eine ordentliche Professur an der York-Universität erhalten.

Die Drogendämonen aus seiner Vergangenheit sind immer noch da, aber Jesse kann mit ihnen besser umgehen. Seinen Vater würde er gerne einmal treffen, doch der ist vermutlich tot, wurde wohl 1982 ermordet. Sein zweites Leben und seine Frau betrachtet Jesse Thistle wie einen "Lotteriegewinn". "Ich war nur ein Typ von der Straße, aber wenn dich jemand liebt und dir vertraut, dann ist man bereit, alles zu geben."

Quellen: BBC, Jesse Thistle.com, Brand Eins


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