HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolumne Winnemuth: Aufräumen auf Japanisch

Warum Strümpfe auch mal entspannen müssen und der Abschied von Büchern ein Segen sein kann. Ratschläge einer Auftragskillerin.

Von Meike Winnemuth

Socken sollen sich in der Schublade von der harten Arbeit an unseren Füßen erholen: Das ist die Philosophie von Marie Kondo, die Kolumnistin Meike Winnemuth sich zu Herzen nimmt

Socken sollen sich in der Schublade von der harten Arbeit an unseren Füßen erholen: Das ist die Philosophie von Marie Kondo, die Kolumnistin Meike Winnemuth sich zu Herzen nimmt

Kürzlich postete ein Facebook- Freund das Foto einer kleinen Sammlung, die er angelegt hat: 14 schwarze Socken und eine weiße, die im Laufe ihrer Karriere allesamt ihren Partner in der Waschmaschine verloren haben – "Herrgott, so was kann doch nicht sein, oder?" Nun, das Phänomen des Großen Sockenverschwindens ist schon oft besungen worden, Erklärungen gibt es zur Genüge. Tatsächlich kommt es vor, dass ältere Frontladergeräte Socken fressen: Die fädeln sich bei Überladung an der Gummidichtung vorbei in die Ritze zwischen Trommel und Bottich, verfangen sich am Heizstab und werden dann allmählich von der Hitze und der Drehung der Trommel aufgelöst. Sehr viel öfter jedoch verschwinden Socken in Kopfkissenbezügen oder Hosentaschen, um eines fernen Tages zur Verblüffung aller wieder aufzutauchen. Oder sie kleben elektrostatisch aufgeladen in Wäschetrocknern, was dazu führt, dass in den besseren Waschcentern dieser Republik ein Körbchen mit der Aufschrift "Sockenfundgrube" steht. Darin liegen herzerweichend fiepend die vergessenen, verlassenen, todunglücklichen Einzelsocken, die vergeblich auf Abholung warten.

Wenn Sie finden, dass ich bedenklich viel Gefühl für Socken hege, liegt das an Marie Kondo. Im April wurde sie vom "Time Magazine" neben Angela Merkel und #link;http://www.stern.de/politik/ausland/kim-jong-un-90324978t.html;Kim Jong Un# zu einer der 100 einflussreichsten Personen des Jahres erklärt, was einigermaßen erstaunt: Die Frau räumt zwar auf, aber nicht die Welt, sondern Geschirrschränke und Unterwäscheschubladen. Sie ist eine japanische Entrümpelungs- und Ordnungsspezialistin, deren Buch "Magic Cleaning" sich weltweit drei Millionen Mal verkauft hat und seit vier Monaten auf Platz eins der „New York Times“-Bestsellerliste steht, Abteilung Lebenshilfe.

Socken müssen auch mal relaxen

Kondos Methode ist im Konzert der vielen Wegwerfratgeber so drastisch wie originell: Es gehe nicht darum, was man entsorgt, sondern was man behält. Nämlich nur das, was für tokimeku sorgt, wie es auf Japanisch heißt: was das Herz hüpfen lässt. Man solle jedes, aber auch wirklich jedes einzelne Kleidungsstück aus dem Schrank räumen und jedes einzelne Buch aus dem Regal, dann alles in die Hand nehmen und sich fragen: Macht mich das glücklich? Wenn nicht: weg damit. (Und keine Ausflüchte wie: "Aber es könnte mich eines Tages glücklich machen, wenn ich fünf Kilo abgenommen habe oder mal dazu komme, 4000 Seiten 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' zu lesen".) Vor dem Wegwerfen solle man allerdings den Dingen unbedingt für die schönen Stunden danken, die man mit ihnen verbracht hat – im Zweifel auch nur dafür, dass man von ihnen gelernt hat, nie wieder was von Alexander Kluge oder was mit Blümchenmuster zu kaufen.

Das bringt uns zu den Socken. Was mich an Frau Kondo so entzückt, ist ihre verschrobene Liebe für die Dinge, obwohl sie doch im Herzen eine Auftragskillerin ist. Socken zum Beispiel sollen sich in der Schublade von der harten Arbeit an unseren Füßen erholen und endlich mal – ich scherze nicht – "relaxen" dürfen. "Strumpfwaren generell lieben es nicht, wenn man sie auf links dreht", man solle sie also nicht zu kartoffelförmigen Knäueln zusammenwurschteln, sondern sorgfältig aufeinanderlegen, glatt streichen und dann sachte zu Sushi rollen. Damit habe ich heute morgen eine glückliche halbe Stunde verbracht, es war sehr tokimeku. Aufräumen ist ein Dialog, sagt Frau Kondo, und wir hatten ein gutes Gespräch, meine Socken und ich. "Na, du kleiner Kniestrumpf? Wo ist denn dein Kumpel abgeblieben? So, jetzt spielt mal Löffelchen, und schlaft euch aus. Schublade zu, gute Nacht." Gott, wenn mich jemand gehört hätte …

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern

Themen in diesem Artikel