HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

stern-Kolumne "Winnemuth": Vorausschauender Jahresrückblick

Jahresrückblicke sind eine zähe Angelegenheit, vor allem bei einem Jahr wie diesem. Viel spannender ist doch die Frage: Was wird in zwölf Monaten bedeutsam gewesen sein?

Von Meike Winnemuth

Schreib was über das vergangene Jahr, bat die stern-Redaktion, es ist unser Jahresrückblick. Och nö, sagte ich, bitte nicht. Immer diese Jahresrückblicke um diese Zeit, im Fernsehen quälende Dreistünder mit irgendwelchen Sportlern und irgendwelchen One-Hit- Wonders und irgendwelchen irre lustigen Youtube-Stars, alle mit einer Halbwertzeit von fünf Minuten, und alle sollen noch mal sagen, wie das damals war, als sie im April …

Überhaupt, immer dieses rituelle Zusammenfegen um diese Jahreszeit. Dieses Resümieren, dieses Achja- das-hatten-wir-ja-auch-noch, die Tops, die Flops, sauber zusammengefaltet, gestapelt, in den Schrank gepackt, um sie nie wieder herauszuholen.

Was bringt das? Hat man dadurch irgendwas begriffen? Ich jedenfalls nicht. Und wenn, dann vielleichterst nach Jahren, wenn die Zusammenhänge wirklich klar werden.

2013 - War da etwa was?

Ich habe keine Meinung zu 2013. Es war kein besonderes Jahr, fand ich. Kein Jahr, das man sich merkt wie 1989 oder 2001. Wenn ich spontan auflisten soll, was mir zu 2013 einfällt, komme ich auf NSU, NSA, Syrien, Lampedusa, Brüderle-Aufschrei, Pferde-Lasagne, Uli Hoeneß, Heino als Rocker, die Flut, noch eine Flut, den Untergang von Boris Becker, das Royal Baby, Sylvie Wie-heißt-sie-jetzt-noch-mal, Bayern & Borussia in Wembley, den neuen arschcoolen Papst, Steinbrücks Stinkefinger, die GroKo-Wahl, Angelina Jolies Brust-OP, den Mainzer Bahnhof, den Limburger Bischof, den Kunstfund in München. Und Mandela. Und die pubertären Kommentare zu Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin. Aber das wäre jetzt eine andere Kolumne.

Was vergessen? Bestimmt. Aber genau das ist ja auch das Problem. Man vergisst so viel, gottlob sogar das meiste, und einiges, woran man sich zu erinnern glaubt, ist sogar noch länger her. "Costa Concordia"? Nee, im Januar 2012. Fukushima? März 2011. Margot Käßmann? Februar 2010. Der arabische Frühling? Frühjahr, soweit klar, aber welches? (Schnell gegoogelt: Nicht mal Frühjahr, es begann im Dezember 2010.) Und wie lange genau wird der Berliner Flughafen eigentlich schon nicht eröffnet, wann fing das an?

Nee, Leute, erspart es mir. Ich finde Jahresrückblicke nämlich nur dann interessant, wenn sie in die Zukunft gerichtet sind, wenn der Rückblick also vorausschauend geschieht.

Bitte was? Ich meine es so: In der Schule haben wir doch mal die schöne Verbform Futur II gelernt, eine Form, die praktisch nie verwendet wird: Ich werde etwas getan haben. Darüber nachzudenken, was ich im nächsten Jahr erlebt haben will, worüber ich mich am Jahresende freuen können möchte, das finde ich die einzig vernünftige Form von Jahresrückblick.

Was bleibt von all dem?

Es gibt eine schöne Frage, die mir ein Freund beigebracht hat. Eine Frage, die sofortigen Seelenfrieden bringt, die jeden momentanen Ärger killt und jeder aufgepumpten Bedeutung die Luft ablässt. Die Frage ist mein persönliches Weihnachtsgeschenk an Sie, und sie lautet: "Wird es in einem Jahr noch wichtig sein?" Was mir da gerade passiert, worüber ich mich gerade mit jeder Faser aufrege – werde ich mich in einem Jahr überhaupt noch daran erinnern? (Oder in einem Monat? In einer Woche?) Es ist unfassbar, wie schnell sich die meisten Dinge in Luft auflösen, wenn man sie mit dieser Frage im Hinterkopf betrachtet. Jede schmerzhafte Niederlage, jede empörende Ungerechtigkeit, jeder kleinliche Triumph und 95 Prozent aller Kämpfe: alles wurscht – im Futur II betrachtet.

Eine Frage als Ansporn

Aber die Frage spornt auch an. Das, was ich gerade tue, worauf ich so viel Energie verwende: Wird es in einem Jahr noch wichtig sein? Dient es einem höheren Zweck, ist es ein Baustein für ein größeres Ganzes, macht es mich langfristig glücklich, ist es (ich hasse das Wort, aber sei's drum) nachhaltig? Werde ich in einem Jahr froh sein, es getan zu haben? Oder wird es völlig egal und vielleicht sogar längst vergessen sein? Ha! Jetzt haben Sie was zum Nachdenken bis Silvester, richtig?

Ach, was ich selbst so vorhabe im nächsten Jahr, wollen Sie jetzt natürlich wissen? So ein Zufall, dass Sie fragen, denn Sie können mir dabei helfen. Einige haben von meiner Weltreise gehört, die ich – warten Sie mal – 2011 gemacht habe: zwölf Monate in zwölf Weltstädten, nachzulesen in "Das große Los".

Im nächsten Jahr beginne ich meine nächste Reise, dieses Mal durch das exotischste Land von allen: zwölf Monate in zwölf deutschen Städten. Nach meiner Rückkehr habe ich nämlich festgestellt: Die Welt kenne ich jetzt ein bisschen, mein eigenes Land aber überhaupt nicht. Wo bin ich hier überhaupt? Ich habe in den vergangenen 30 Jahren immer nur in Berlin, Hamburg und München gelebt und gearbeitet, und wie wir alle wissen, haben die nur wenig mit Deutschland zu tun (insbesondere München).

Zurück auf Los

Wie unbekannt mir dieses Land ist, habe ich bei einer Lesereise im Herbst gemerkt. Alsfeld, Kamp- Lintfort, Dinklage, Menden, Schwarzenberg, Nordhorn, Werther, Büdingen – ich hätte vorher nicht sagen können, wo die liegen. Bei Büdingen hätte ich gewettet, irgendwo im "-ingen-Land" rund um Stuttgart. Falsch. In der Wetterau, nordöstlich von Frankfurt am Fuß des Vogelbergs. Und natürlich wusste ich auch nichts von der mittelalterlichen Altstadt (einer der besterhaltenen Europas), vom Jerusalemer Tor und den Hexenprozessen.

Oder Schwarzenberg im Erzgebirge: bezaubernd. Und Schauplatz des gleichnamigen Romans von Stefan Heym, in dem es um die kurze Phase im Jahr 1945 ging, als der Landkreis weder von amerikanischen noch russischen Truppen besetzt war und ein "antifaschistischer Aktionsausschuss" kurzentschlossen die provisorische Regierung in den 21 Dörfern und Örtchen des Niemandslands übernahm. Was für eine Geschichte, was für Geschichten! Und ich hatte keine Ahnung.

Ahnungslosigkeit ist heilbar. Deshalb das Projekt im nächsten Jahr, das mich nach Trier, Spiekeroog, Potsdam, Konstanz, Bamberg, Stralsund, Bielefeld, Alsfeld, Bochum, Görlitz, Erfurt führen wird (die Reihenfolge kann sich noch ändern) und zum Schluss in meine Geburtsstadt Neumünster, die mir fast so fremd ist wie die anderen Orte. Ich bin nach dem Abitur gegangen und nur unter vorgehaltener Waffe zu Familienfeiern zurückgekommen. Wie ist es da, wo ich herkomme? Wirklich so schlimm, wie ich es Ende der Siebziger fand? Schlimmer? Oder vielleicht: viel besser?

Helfen Sie mir, liebe stern-Leser!

Wenn Sie, liebe stern-Leser, mit mir zusammen dieses Land besser kennenlernen und einen Abenteuerurlaub vor der eigenen Haustür erleben wollen, würde ich mich freuen. Sie können mich auf meinem Reiseblog "Zurück auf Los" begleiten (www.zurueckauflos.com) und mir Aufträge für die Städte und deren Umgebungen erteilen.

Was soll ich tun, was lassen? Wo muss ich hin, wen soll ich treffen? Soll ich was für Sie erledigen? Auskundschaften? Einer Tante Blümchen bringen, eine uralte Rechnung begleichen, Grüße ausrichten? Das mache ich gern, schreiben Sie mir eine Mail (meike@zurueckauflos. com), und ich lege los. Zusammen werden wir uns dieses tolle, fremde Land anschauen und, da bin ich sicher, lieb und lieber gewinnen. Das will zumindest ich am Jahresende 2014 getan haben.

print
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.