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Cumaringehalt: Zimtsterne - gefährlich für Kinder?

Diese Nachricht verdarb so manchem den Appetit: Zimt enthält Cumarin - einen leberschädigenden Stoff. Nun streiten Verbraucherschützer, Industrie und Ministerien darüber, wie viel Cumarin erlaubt ist.

Von Angelika Unger

Zimtsterne und Glühwein, das gehört zur Vorweihnachtszeit wie "Stille Nacht" und Türchenöffnen am Adventskalender. Doch in diesem Jahr dürfte das Weihnachtsgebäck vielen Menschen nicht recht schmecken. Der Grund: eine Empfehlung der Verbraucherschutzminister der Länder. Nicht mehr als vier Zimtsterne am Tag solle ein vierjähriges, etwa 15 Kilogramm schweres Kind essen, heißt es darin. Erwachsenen wird maximal die doppelte Menge empfohlen.

Denn Zimt enthält den natürlichen Aromastoff Cumarin. "Wir können nicht ausschließen, dass es bei empfindlichen Personen zu einer Beeinträchtigung der Leber kommt, wenn sie die tolerierbare tägliche Cumarinmenge regelmäßig überschreiten", sagt Jürgen Kundke vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Die tolerierbare tägliche Menge liegt bei 0,1 Milligramm Cumarin pro Kilogramm Körpergewicht. "Ein 15 Kilogramm schweres Kind sollte also maximal 1,5 Milligramm Cumarin täglich zu sich nehmen", so BfR-Experte Kundke. Für eine 60 Kilo schwere Frau liegt der Wert entsprechend bei sechs Milligramm.

Die Debatte startet pünktlich zur Vorweihnachtszeit

Diese Menge ist schnell erreicht. Als die nordrhein-westfälische Lebensmittelüberwachung Anfang des Jahres 13 verschiedene Sorten Zimtgebäck untersuchte, stellte sie Cumaringehalte bis zu 76,8 Milligramm pro Kilo Gebäck fest - mehr als drei bis vier dieser Zimtsterne hätte das Kind also nicht essen sollen.

Lange Zeit interessierten diese Ergebnisse niemanden so richtig. Doch nun rückt Weihnachten näher - und zwischen Verbraucherschützern, Industrie und Ministerien entbrennt eine Debatte, in deren Mittelpunkt die Frage steht: Wie viel Cumarin ist erlaubt im Zimtstern, im Glühwein, im Lebkuchen?

Vier Zimtsterne - oder eine Portion Milchreis. Beides wäre zu viel

Nach der europaweit geltenden Aromastoff-Richtlinie dürfen Lebensmittel nicht mehr als zwei Milligramm Cumarin pro Kilogramm enthalten. Doch es ist strittig, ob Zimt überhaupt ein Aromastoff ist oder vielmehr ein Gewürz - dann würde die Richtlinie nicht greifen. Zudem gibt es in der EU ohnehin Pläne, Cumarin aus der Richtlinie zu streichen.

Daher haben die Verbraucherministerien der Länder länderübergreifende Eckdaten erarbeitet, um zu bewerten, ob ein Lebensmittel sicher ist. Ihnen liegt folgende Überlegung zugrunde: Wie viele Zimtsterne verzehrt ein Kind durchschnittlich täglich, wie viel Milchreis mit Zimt und Zucker? Aus dieser durchschnittlichen Verzehrmenge wird dann errechnet, wie viel Cumarin ein Produkt enthalten darf, damit ein Kind nicht zu viel davon aufnimmt. Die Grenzwerte, die auf diese Weise zustande kommen, sind erheblich großzügiger als die zwei Milligramm der Aromastoff-Richtlinie. "Bei Zimtsternen sind dies beispielsweise 67 Milligramm pro Kilo oder bei Milchreis 8 Milligramm pro Kilo", erläutert Wolfgang Raber, Pressereferent des Verbraucherministeriums in Rheinland-Pfalz. "Diese Höchstmengen können bei Kindern durch den Verzehr von vier Zimtsternen oder einer Portion Milchreis pro Tag erreicht werden."

BfR-Experte Kundke warnt jedoch, es sei unrealistisch anzunehmen, dass ein Kind nur Zimtsterne isst und keine anderen cumarinhaltigen Lebensmittel. "Wir gehen davon aus, dass die Hälfte der tolerierbaren täglichen Cumarinmenge durch andere Produkte als Weihnachtsgebäck aufgenommen wird: zum Beispiel aus zimthaltigen Cerealien, Lebkuchen oder Yogi-Tee."

Erste Zimtsterne werden zurückgerufen

Doch selbst wenn man die großzügigen Grenzwerte der Verbraucherministerien zugrunde legt - die Produkte einiger Hersteller liegen bei den Cumarinwerten noch darüber. Die Hersteller Arko und Schulte mussten bereits Zimtsterne zurückrufen, in den nächsten Tagen könnten weitere Firmen folgen. "Hier in Rheinland-Pfalz sind Lebensmittelproben genommen worden, die derzeit untersucht werden. Nach meinen Informationen laufen solche Untersuchungen auch in anderen Bundesländern. Wenn Lebensmittel als nicht sicher eingestuft werden, wird die nicht sichere Ware vom Markt genommen, die Rückrufaktion von den Überwachungsbehörden überwacht und die Öffentlichkeit entsprechend informiert", bestätigt Pressereferent Raber.

Der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch geht das nicht weit genug: Sie fordert eine bundesweite Rückrufaktion aller Lebensmittel, die über dem strengen Grenzwert der Aromastoff-Richtlinie liegen. Foodwatch ist der Auffassung, dass eine formale Überschreitung des Grenzwertes zu einer Gesundheitsgefahr führt. Diese Auffassung teilen wir nicht", sagt Torben Erbrath, Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie. Vielmehr orientiere man sich an den Eckdaten der Verbraucherminister.

"Unnötige Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung"

Hinter der Debatte um Grenzwerte vermutet Foodwatch vor allem eines, wie Barbara Hohl sagt: "Es geht darum, die Ware, die jetzt schon im Regal liegt, abzuverkaufen - die Debatte ist ein reines Hinhaltemanöver." Denn nach Meinung von Foodwatch hatten die Hersteller mehr als genug Zeit, ihre Rezepturen anzupassen - als die nordrhein-westfälische Lebensmittelüberwachung ihre Untersuchung veröffentlichte, war Weihnachten noch fern. "Es ist eine völlig unnötige Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung, dass mehr als ein halbes Jahr später hoch belastete Zimtprodukte im Regal liegen", sagt Barbara Hohl von Foodwatch.

Die Hersteller wollen sich nun dem öffentlichen Druck beugen und die Cumarinwerte ihrer Produkte senken. "Es ist geplant, künftig cumarinärmere Zimtsorten zu verwenden, die aber nur begrenzt verfügbar sind", erläutert Verbandssprecher Erbrath. Für die Umstellung der Rezepturen brauche man jedoch Zeit.