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150 Jahre Sigmund Freud: Auf der Suche nach dem gelobten Land

Er heilt den "Wolfsmann" und wird so berühmt, dass Hollywood Drehbücher von ihm will. Er schreibt über Krieg und Tod, über das dreigespaltene Ich, identifiziert sich mit Moses, raucht 20 Zigarren trotz Kieferkrebs. Und Tochter Anna wird zur heimlichen Ehefrau - bis in den Tod.

Von Birgit Lahann

Ein frühreifes Mädchen liegt auf Freuds Couch. Die Eltern haben sie geschickt, weil sie sich umbringen wollte. Freud lässt sie reden. Und es kommt heraus, dass sie ihren Vater liebt, dass der mit der Nachbarin schläft, dass die Nachbarin auch ein Auge auf das Mädchen wirft und dass der Mann der Nachbarin sich längst an die Kleine herangemacht hat. Freud nennt sie in seinen "Studien über Hysterie" verschlüsselt "Dora", und der Fall liest sich wie ein Schauspiel von Arthur Schnitzler.

Da ist der "Rattenmann", der vom zwanghaften Bedürfnis erzählt, sich die Kehle mit einem Rasiermesser durchtrennen zu müssen, der Ratten nackten Menschen in den Hintern kriechen sieht, der homoerotische Wünsche hat, aber auch mit seinen Schwestern schlafen möchte.

Er erzählt von seiner Schwester, die ständig mit seinem Penis spielte

Und da ist schließlich, ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, Freuds berühmtester Fall, der "Wolfsmann", ein reicher Aristokrat aus Odessa, der von Kant hört und seinen Glauben verliert, der sich umbringen will und depressiv wird, mit seinem Arzt und seinem Diener deutsche Psychologen aufsucht, nicht geheilt wird und schließlich auf Freuds Couch landet. Nach der ersten Sitzung berichtet der Analytiker vertraulich seinem Kollegen Ferenczi: er möchte mich von hinten gebrauchen und mir auf den Kopf scheißen.

Der 23-jährige Russe ist verblüfft, wie stoisch Freud reagiert. Und mit den Stunden, die teure 40 Kronen kosten, gräbt er seine Erinnerungen aus, erzählt von seiner Schwester, die ständig mit seinem Penis spielte, erzählt von seiner Angst, kastriert zu werden, und davon, wie er seine fromme Kinderfrau mit Blasphemien bombardiert und sie gefragt hat, ob Jesus, wenn er denn ein Mensch war, auch richtig scheißen konnte.

Und eines Tages träumt er dann jenen Traum, der seinen Fall weltberühmt machen wird. Er träumt, dass es Nacht ist und er in seinem Bett liegt. Es ist Winter. Und plötzlich öffnet sich von selbst das Fenster. Ganz lautlos. Und zu seinem Schrecken sitzen draußen im Nussbaum sechs oder sieben Wölfe. Weiße Wölfe. Sitzen reglos in den Ästen und starren ihn an. In panischer Angst, gefressen zu werden, schreit er - und erwacht in Schweiß gebadet. Es folgen jahrelange Tierphobien, sexuelle Ausschweifungen mit Dienern und Dienstmädchen, was ihm Panikträume, Verstopfung und eine Gonorrhö einbringt. Nach vier Jahren auf Freuds Couch ist er von seiner infantilen Neurose geheilt.

Freud erscheinen seine Söhne in der Nacht

Der Erste Weltkrieg bricht aus, und die Magie der Fackeln und Fahnen umnebelt die Jugend. Wer weiß denn noch, wie Krieg aussieht - nach einem halben Jahrhundert Frieden? Der Patriotismus geht auch an Freud nicht vorbei. Ich fühle mich aber vielleicht zum ersten Mal seit 30 Jahren als Österreicher, schreibt er. Und der junge Freund Ernest Jones, der in England die Psychoanalyse so gut vertritt und später Freuds Biografie schreiben wird, bekommt nun als politischer Feind keine Briefe mehr in englischer Sprache. Freud schreibt ihm bis zum Ende des Krieges auf Deutsch.

Die Euphorie ist von kurzer Dauer. Freuds drei Söhne werden eingezogen. Und die Soldaten, die überleben, kommen mit Kriegsneurosen zurück nach Wien. Ihre Träume schäumen über von Marschmusik und zerfetzten Körpern. Freud, dem fleißigen Träumer, erscheinen seine Söhne in der Nacht. Er träumt ihren Tod und bangt mit Martha um sie, bis alle drei wohlauf zurückkehren.

Er sammelt Kriegswitze

Seit Kriegsbeginn bleiben die Patienten aus. Freud schätzt seine Verluste schon im Frühjahr 1915 auf 40.000 Kronen. Aus alter Gewohnheit - er hatte zehn Jahre zuvor "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" veröffentlicht - sammelt er wieder Witze, Kriegswitze: "Es hatten sich viele Telefonistinnen zum Roten Kreuz gemeldet, wurden aber nicht angenommen, weil bekannt ist, wie schlecht sie verbinden."

Trauer und Melancholie sind Freuds Grundstimmung, als er 1915 "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" schreibt. Und er, der sich bei seinen Patienten auf der Couch über nichts wundert, ist nun sprachlos, wie Menschen über den Tod von Menschen jubeln können, wie der Homo sapiens zum Mörder wird. Und je länger der Krieg dauert, je üppiger blüht der Schwarzhandel. Es gibt keine Kohle, kein Holz, kaum Milch, nur Sauerkraut oder Reis; ich bin Fleischfresser gewesen, schreibt Freud, aber vielleicht hängt ja die großartige Besserung in meiner Darmtätigkeit mit dem harten Kriegsbrot zusammen.

Freud nimmt sich eine Englischlehrerin, paukt Grammatik

Er ist enorm produktiv, schreibt und hält Vorlesungen an der Universität, brillant wie immer. Und immer lehrt er nach der sokratischen Methode: Er unterbricht seinen Vortrag und stellt Fragen. Zum Beispiel, ob nicht die Millionen von Geführten mitschuldig sind am Weltkriegsgemetzel, wenn man an das Unmaß von Brutalität, Grausamkeit und Verlogenheit denkt, das sich in der Gesellschaft breit macht. Und was für ein Land bleibt 1918 übrig? Ein Rumpf mit Haupt und ohne Glieder. Die Länder der k. u. k. Monarchie sind weggerissen. Alle Fabriken, die einst den Moloch Wien gefüttert haben, stehen nun auf fremdem Territorium. Ich bin ja kein Patriot, schreibt Freud, aber es ist schmerzlich zu denken, daß so ziemlich die ganze Welt Ausland sein wird.

Freud nimmt sich eine Englischlehrerin, paukt Grammatik, büffelt Vokabeln, schließt die Lücken in der fremden Sprache. Warum? Weil seine Patienten jetzt Engländer und Amerikaner sind. Weil sie Geld haben und sich Analysen leisten können. Und weil sie cash in Pfund und Dollar zahlen. Schecks müsste Freud in Kronen umtauschen lassen. Und Kronen sind nichts mehr wert. Die galoppierende Inflation hat bereits all seine Ersparnisse gefressen. 150.000 Kronen fürs Alter - perdu.

Seelendramen, sieben Stunden am Tag

So liegen denn flüsternde oder Slang sprechende Hysteriker, Neurotiker und manisch Depressive - die Jones ihm aus London schickt - unter der Wolldecke auf der Couch und erzählen ihm sieben Stunden am Tag ihre Seelendramen. Und Freud sitzt oft frierend, trotz langer Unterhosen und dicker Socken und wärmender Zigarre, die er bei großer Kälte auch schon mal mit Handschuhen raucht, hinter ihnen.

Aber der Dollar rollt. Ich bin durch den Erwerb in gutem, fremden Geld ... relativ reich geworden, schreibt Freud seiner Schülerin und Freundin Lou Andreas-Salomé, die einst eine Lehranalyse bei ihm gemacht hat. Und großzügig, wie er ist, schickt er ihr Reisegeld, damit sie sich, verarmt wie fast alle nach dem Krieg, bei ihnen in der Berggasse erholen kann.

Die Operation geht schief

Im Frühjahr 1923 spürt Freud wieder diese bedenkliche Erhebung am Gaumen, diese Geschwulst, die kommt und geht und die er bis jetzt immer verdrängt hat. Er will einfach nicht hören, dass er aufhören soll zu rauchen. Aber nun rebelliert das Gewebe, und Freud lässt es von Arthur Schnitzlers Schwager, den er nicht mal für einen kompetenten Arzt hält, untersuchen. Er soll das wegmachen lassen, sagt der. Ambulant. Bei ihm. Er kann morgens kommen und mittags wieder gehen.

Die Operation geht schief. Blutbefleckt wird Freud in eine Kammer verfrachtet, in der schon ein Zwerg liegt. Als Freuds Wunde wieder aufreißt und ihm das Blut aus dem Mund schießt und er niemanden herbeiholen kann, weil die Klingel defekt ist, schlägt der Zwerg Alarm und rettet den Analytiker vorm Verbluten. Die alarmierte Familie ist entsetzt. Niemand hatte eine Ahnung von dem Eingriff.

Die Diagnose - Krebs. In den nächsten 16 Jahren, also bis zu seinem Tod, wird er noch 32 Operationen ertragen müssen, bei denen immer mehr vom Gaumen weggeschnitten wird. Noch immer im Maul gequält, schreibt er. Und immer wieder muss er sich an neue Prothesen gewöhnen, die drücken und schmerzen, ihm das Sprechen erschweren; mein Essen verträgt keine Zuschauer, wird er verbittert schreiben und schließlich alle Mahlzeiten nur noch allein einnehmen.

Das Über-Ich passt höllisch auf

Vor der zweiten, der Radikaloperation, veröffentlicht Freud "Das Ich und das Es", seine Geschichte der Seelenteilung. Das Es ist bei ihm ganz unten, da, wo die wilden Triebe wohnen, da, wo es brodelt, wo der Störenfried Eros versucht, den mächtigen Todestrieb zu überlisten. Und das Es will hoch zum Ich, will sich ins Bewusstsein bringen, will seine Lust ausspielen. Da ist das brave Ich oft überfordert. Traut sich nicht, will aber auch nicht schroff sein, macht Konzessionen, verdrängt die Konflikte und benimmt sich dem Es gegenüber wie ein unterwürfiger Knecht, der um die Liebe seines Herrn wirbt. Und es fürchtet sich vor dem Über-Ich.

Denn das Über-Ich ist für Freud die Realität und die Moral, und die fuchtelt dauernd vor dem Ich herum, passt höllisch auf, dass es sich nicht mit den niedrigen Instinkten der Libido verbrüdert. Und das arme Ich wird dabei ganz wuschig und kommt einfach nicht zur Ruhe. So sind denn das Über-Ich, das Ich und das Es die drei Provinzen, in die Freud von nun an den Seelenapparat eines Menschen zerlegen wird.

Er fährt ein letztes Mal nach Rom

Und er fährt ein siebtes und letztes Mal nach Rom, fährt mit seiner Tochter Anna in die Ewige Stadt. Sie wandern zum Forum, Pincio, Palatin und Pantheon, stecken lachend die Hand in die Bocca della Verità, den Mund der Wahrheit, fahren nach Tivoli, wo vermooste Monster Wasser speien, besuchen den Moses von Michelangelo und Amor, der Psyche küsst. Nach drei Wochen sind sie vorbei, die paradiesischen Tage von Rom, wo, wie Freud einmal schrieb, die Römerinnen merkwürdiger Weise auch noch schön sind, wenn sie häßlich sind.

Rom ist Freuds letzte große Reise. Und Anna, die auf die 30 zugeht, wird von nun an für ihn da sein. Sie begleitet ihn zu Vorträgen, liest seine Texte vor, weil ihm jedes Wort im Munde wehtut. Und es ist nicht Martha, seine Frau, sondern Anna, seine Tochter, die ihn auf geradezu intime Weise pflegt. Sie hilft ihm Tag für Tag, die Prothese zu lösen, zu säubern und wieder einzusetzen, was manchmal länger als eine halbe Stunde dauert.

Freud ist ein mustergültiger Patient. Hält still und klagt nicht. Nur manchmal hat er diesen gequälten Blick. Und wenn der Vater wieder operiert wird, sitzt Anna am Krankenbett und häkelt ein Kleid für Lou Andreas-Salomé. Am meisten, schreibt sie der Freundin, schafft sie, wenn Papa schläft.

Anna ist verliebt in ihren Vater

Ach, seine Anna! Sie ist verliebt in ihren Vater und eifersüchtig auf seine vielen reichen, schönen Patientinnen, die tief verschleiert in der Berggasse klingeln und sich dann auf seiner Couch breit machen. Freud selbst ist ebenfalls eifersüchtig auf seine Tochter. Als die mit 19 nach England gereist war, schickte er gleich dramatische Briefe hinterdrein. Ich weiß aus den besten Quellen, daß Dr. Jones ernsthafte Absichten hat, um Dich zu werben.

Da ist er wieder, Freuds ewiger Kontrollzwang. Und an Ernest Jones schreibt er, dass seine Tochter ihm versprochen hat, erst in zwei oder drei Jahren zu heiraten - was frei erfunden war -, schreibt: Sie verlangt nicht, als Frau behandelt zu werden, ist noch weit entfernt von sexuellem Verlangen und lehnt Männer eher ab. Das klingt nun tatsächlich nach einem konventionellen Bourgeois, der nie Freud gelesen hat, schreibt Peter Gay in seiner meisterhaften Freud-Biografie.

Anna wird nie heiraten. Sie ist ja schon heimliche Ehefrau - ihres Vaters. Und als sie den Herzkranken eines Tages ins Sanatorium begleitet und das Zimmer neben ihm belegt, schreibt er an einen Kollegen, dass seine Anna sich im Laufe des Tages in Frau und Tochter zerlegt, nachtsüber wohl regelmäßig die letztere bleiben wird.

Ärzte haben doch keine Ahnung

Und natürlich ermuntert er Anna, Analytikerin zu werden. Therapeuten brauchen keine medizinische Ausbildung. Im Gegenteil. Die meisten Ärzte, sagt Freud mit durchaus boshaftem Unterton, sind für die Übung der Psychoanalyse nicht ausgerüstet. Immer wieder sitzen in seinem Wartezimmer Patienten, die von Amateuranalytikern in Angst und Schrecken versetzt worden sind.

Wie die ältere Dame, die nach der Trennung von ihrem Mann unter schweren Angstzuständen leidet. Ein junger Modearzt hatte ihr geraten: Gehen Sie zu Ihrem Mann zurück, oder nehmen Sie sich einen Liebhaber, oder befriedigen Sie sich selbst. Freud ärgert sich natürlich über solchen Missbrauch seiner Wissenschaft. Ärzte, die sich einbilden, nebenbei ein bisschen Seelenmassage machen zu können, haben doch keine Ahnung, was für ein kompliziertes Gewirr aus Lust, Angst, nervösen Störungen, bewussten Gefühlen und unbewussten Trieben bei Neurosen erkannt werden muss.

Doch Freud selbst ist auch nicht frei von Fehlern. Er legt seine Tochter, die als künftige Psychologin eine Analyse machen muss, bei sich auf die Couch. Das ist der schlimmste Verstoß gegen alle Regeln, die Freud selbst aufgestellt hat. Dass er Anna analysiert, hat natürlich einen Grund. Freud hat es immer vermieden, Privates oder gar Intimes über sich nach außen dringen zu lassen. Nicht auszudenken also, wenn Anna diesen Teil der Ausbildung bei einem neugierigen Kollegen gemacht hätte. Seiner Lou schreibt Freud aber ziemlich offen, dass er versuchen wird, Annas Libido aus dem Schlupfwinkel, wohin sie sich verkrochen hat, herauszutreiben. Sie hat sich zwar prächtig entwickelt, aber kein Sexualleben.

Man bietet ihm 100.000 Dollar für ein Drehbuch

Freud ist nun, in den Goldenen Zwanzigern, weltberühmt. Er korrespondiert mit Romain Rolland, Sinclair Lewis, Thomas Mann und Arnold Zweig, wird als Wissenschaftler mit Albert Einstein verglichen, steht immer wieder auf der Liste für den Nobelpreis, mal für Medizin, mal für Literatur wegen seines glänzenden Stils. Er bekommt den Goethe-Preis, und aus Amerika erhält er die unseriösesten Angebote: Er soll in spektakulären Mordprozessen Analysen der Mörder erstellen, und der Hollywood-Produzent Sam Goldwyn will für 100.000 Dollar ein Drehbuch von ihm haben, ein erotisches Drama, einen Großangriff auf die Herzen der Nation. Lehnt Freud alles ab.

Sein Leben in der Berggasse ändert sich nicht. Das Stubenmädchen Paula Fichtl lässt jeden Morgen heißes Wasser für den Herrn Professor in die Wanne laufen, legt ein frisches, recht kratziges Handtuch bereit, hängt den von 20 Zigarren geräucherten Anzug ans offene Fenster, macht ein Frühstück mit weichem Ei und Tatar zurecht und öffnet um halb neun dem Friseur die Tür, der Freud Tag für Tag für einen Schilling den Bart stutzt und die Haare kämmt. Und in abendlichen Mußestunden, wenn Martha, Minna und Anna stricken und häkeln, liest Freud auch schon mal einen Sherlock Holmes. Er wusste immer gleich, wer der Mörder war, sagt Paula Fichtl, aber wenn's dann doch wer anders war, hat er sich geärgert.

Er lässt seine Gefühle überlaufen

Auf seiner Couch liegt 1933 die amerikanische Dichterin Hilda Doolittle, die sich H. D. nennt und in London zum Kreis um James Joyce, Ezra Pound und D. H. Lawrence gehört hatte. Sie erzählt Freud von ihrem Übervater, ihrer kaputten Ehe, von Halluzinationen und Nervenzusammenbrüchen, Schreibblockaden, Nazi-Überfällen und verrückten Träumen: Einmal träumt ihr, dass ein Beamter ins Abteil kommt. Er findet ihre Cognacflasche und eine zweite unterm Sitz, dann eine dritte und vierte. Er sammelt alle ein und befiehlt ihr, ihm zu folgen. H. D. fragt sich, ob der Beamte Freud sein könnte.

Eines Tages passiert etwas Außerordentliches. Mitten in der Analyse schlägt Freud plötzlich mit der flachen Hand auf das Kopfende des Sofas und sagt: Das Schlimme ist - ich bin ein alter Mann - Sie halten es nicht für der Mühe wert, mich zu lieben. H. D. schießt vom Sofa hoch und weiß nicht, was sie sagen soll. Will er sie schockieren? Ihren Widerstand in der Analyse brechen? Aber er ist doch sonst so distanziert. Und nun verletzt er die eigene Grundregel und lässt seine Gefühle überlaufen, benimmt sich, wie sie in ihrer herrlichen "Huldigung an Freud" schreibt, wie ein Kind, das mit dem Breilöffel auf den Tisch hämmert. Dann ist Ruhe. Sie legt sich wieder, und die Stunde geht weiter, als sei nichts gewesen.

Nie hat sich Freud mehr als Jude gefühlt

Am 10. Mai 1933 fliegen bei der großen Bücherverbrennung in Berlin auch Freuds Werke in die Flammen - mit der Parole: Gegen die seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele. Die Nazis werden nun von Jahr zu Jahr enthemmter. Hitler lässt Kanzler Engelbert Dollfuß ermorden und hat von da an einen Fuß in der Tür zu Österreich. Nie hat Freud, der Atheist, der seiner Frau verboten hatte, koscher zu kochen oder die Sabbatkerzen anzuzünden, nie hat er sich mehr als Jude gefühlt wie in diesen Jahren und in dieser Umgebung von bigotten Christen, von feigen, heuchlerischen Wienern.

In dieser Stimmung schreibt er an seinem Buch "Der Mann Moses und die monotheistische Religion". Er fragt darin, wie der Jude geworden ist und warum er sich diesen unsterblichen Haß zugezogen hat. Ich hatte bald die Formel heraus, schreibt er an Arnold Zweig, Moses hat den Juden geschaffen. Für Freud ist Moses ein Ägypter, der, wie König Echnaton, nur einen Gott anbetet. Als der Pharao stirbt, werden vom Nachfolger die alten Götter wieder hervorgezerrt, und Moses muss sich entscheiden: Emigration oder Opportunismus. Er emigriert. Aber nicht still und heimlich, sondern mit einem Trompetenstoß. Er flieht mit den unterdrückten Juden aus ägyptischer Gefangenschaft.

Doch nach jahrelangem Herumirren rebellieren die Israeliten gegen ihren selbst ernannten Religionsstifter, beten ein goldenes Kalb an und ermorden Moses. Dann regt sich ihr schlechtes Gewissen. Wie kann der Mord gesühnt werden? Durch einen Messias? Einen Erlöser, der alle Sünden vergibt? So entsteht das Christentum - mit Entsagung, Triebverzicht, Askese und zehn Geboten.

Die Juden aber bleiben Moses treu. Moses hat sie geprägt, hat sie geführt, hat sie stark gemacht und zäh. Welch ein Abenteuer war dieser Zug durch die Wüste! Welch ein Erlebnis zwischen Sand und Sonne und Mond und Sternen auf der Suche nach dem gelobten Land. Sie haben Geschichten erzählt, ihren Verstand geschult und den Geist poliert, waren frei und zusammengeschweißt, wurden aufgenommen und wieder ausgespien - sind Auserwählte. Und damit sind sie die idealen Sündenböcke. Der Antisemitismus blüht seither.

Nie hat Freud so viel von sich selbst preisgegeben wie hier. Ja, er identifiziert sich mit Moses. Und wie der im brennenden Dornbusch Gott schaut und den Auftrag erhält, das hebräische Volk aus den Klauen des Pharao zu befreien und Gründervater zu werden, so erfüllt Freud seinen selbst gestellten Auftrag, geplagte Seelen aus den Klauen von Neurosen zu befreien und Gründervater der Psychoanalyse zu werden. Moses war von den Tänzern ums goldene Kalb verhöhnt worden wie Freud von missgünstigen Ärzten. Doch beide sind stark bis zum Starrsinn, machen keine Konzessionen, eher zerschmettert der eine die Gesetzestafeln und trennt sich der andere von Abweichlern. Sie wollen alles oder nichts.

Sturmtrupps der SA rauben ihm Geld und Pässe

Der Nationalsozialismus ist unterdessen unaufhaltsam in Österreich eingesickert. Alle Schicksale, schreibt Freud an Arnold Zweig, haben sich mit dem Gesindel verschworen. Und als Hitler vor hysterischen Massen auf dem Wiener Heldenplatz spricht, notiert Freud lakonisch im Tagebuch: Finis Austriae. Schlägerbanden rennen nun mit Listen durch jüdische Viertel, klingeln Sturm, überfallen die Besitzer in ihren Wohnungen, knüppeln auf Menschen ein und rauben, was sie tragen können. Heil Hitler!

Sturmtrupps der SA machen auch in der Berggasse Razzien. Martha Freud versperrt den gestiefelten Braunhemden die Tür zum Esszimmer. Nehmen Sie doch im Vorzimmer Platz, sagt sie kühl und beherrscht. Und legen Sie Ihre Gewehre ab. Dabei deutet sie auf den Schirmständer im Flur. Aber es hilft nichts. Die Eindringlinge lassen sich den Safe öffnen, rauben Geld und Pässe, wühlen in Wäsche und Papieren, und der 81-jährige Freud steht hilflos in der Tür und wirft den Banditen einen flammenden Blick zu.

"Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen."

Dass er und seine Familie samt Schwägerin, Arzt und Stubenmädchen den Nazis in dieser Zeit überhaupt noch haben entfliehen können, verdankt Freud der Prinzessin Marie Bonaparte, der Urgroßnichte Napoleons, die mit dem Bruder des griechischen Königs verheiratet ist. Die amüsante, charmante, intelligente Frau mit dem ewig unerfüllten Sexualleben hatte mit einer ausgeprägten Zwangsneurose bei Freud auf der Couch gelegen, und er fand, dass sie ein ganz hervorragendes, mehr als nur zur Hälfte männliches Frauenzimmer ist. Sie ist es nun, die alle Hebel in Bewegung setzt, dass Anna unbehelligt von einem Verhör bei der Gestapo zurückkommt.

Sie sitzt nach den Razzien mit Pelzmantel, Hut und Krokodilledertasche vor Freuds Wohnungstür, um ihren Professor zu beschützen. Und sie schmuggelt aus dessen Wohnung Papiere und eine Goldmünzensammlung in die Griechische Botschaft, von wo aus alles als Diplomatengepäck nach Paris geschafft wird.

Kurz vor dem Aufbruch ins englische Exil stehen wieder SS-Männer vor der Tür. Freud soll unterschreiben, dass er nicht misshandelt worden ist. Das bestätigt er. Und setzt noch einen seiner lakonischen Sätze hinzu. Schreibt: Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.

Dali porträtiert ihn, Virginia Woolf diskutiert mit ihm

Sein Zug geht am 4. Juni 1938 von Wien durchs Deutsche Reich über die Rheinbrücke bei Kehl nach Paris, wo alle mit Blitz und Blumen und großer Presse begrüßt werden. Für die Weiterfahrt nach London übergibt die Prinzessin dem glücklichen Freud eine Göttin, seine bronzene Lieblings-Athene. Ja, auch die hat sie in Wien heimlich mitgehen lassen. Aus London wird er ihr dafür danken: nachdem wir 12 Stunden lang in Liebe eingehüllt wurden, sind wir stolz und reich unter dem Schutz der Athene abgereist.

15 Monate wird Freud noch in seinem schönen Haus in Hampstead, Maresfield Gardens, leben. Stefan Zweig und Hilda Doolittle besuchen ihn dort, Salvador Dali porträtiert ihn, und Virginia Woolf diskutiert mit ihm beim Tee über Hitler-Deutschland und die Versäumnisse der Engländer.

Kein Mittel, das den Geruch des faulenden Fleisches stoppen könnte

Und dann bricht der Krebs wieder mit Macht durch die inzwischen hauchdünne Haut. Taubheit - Knochenschmerzen - Röntgen - Radium, schreibt er ins Tagebuch und fügt bitter hinzu, alles sei immer noch schonender als Kopfabschneiden, was die andere Alternative wäre. Freud ist ganz dünn und zart geworden. Er mag nicht mehr essen, denn jeder Bissen tut ihm weh.

Durch die Röntgenstrahlen ist ein Teil seines Bartes zerstört, die Wange hat sich verfärbt, und der Knochenbrand frisst sich langsam durch die Haut, frisst ein Loch hinein. Und es gibt kein Mittel und kein Mundwasser, das den Geruch des faulenden Fleisches stoppen könnte. Sein Chow-Chow, an dem er so hängt, verkriecht sich in die äußerste Ecke des Zimmers, und nachts spannen sie ein Moskitonetz um sein Bett, damit die Fliegen ihn nicht belästigen.

So mag er nicht mehr leben

Nein, so mag er nicht mehr leben. Sein Arzt Max Schur, der mit ins Exil gegangen ist, hatte ihm vor Jahren schon versprechen müssen, ihn nicht im Stich zu lassen, wenn es soweit ist. Jetzt ist es so weit. Schur ist tief bewegt. Nie hatte er einen freundlicheren und geduldigeren Patienten, schreibt er in seinem Buch über "Leben und Sterben" Freuds. Dessen Selbstdisziplin geht so weit, dass er noch am Tag vor seinem Tod, wie immer, die Uhr auf seinem Schreibtisch aufzieht. Er habe sein Versprechen nicht vergessen, sagt Schur zu Freud und drückt ihm die Hand. Ich danke Ihnen, sagt Freud und fügt hinzu: Sagen Sie es Anna.

Nachdem die Familie informiert ist, injiziert Schur dem Sterbenskranken im Abstand von zwölf Stunden zwei Morphiuminjektionen. Freud schläft, wacht nicht mehr auf, die Schmerzenszüge glätten sich, und in der Nacht zum 23. September 1939 gleitet er hinab in den Tod.

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