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Spionage in der DDR Enthauptet, weil sie sich verliebt hatte – der Tod der Sekretärin Elli Barczatis

Die Berlinerin Helene "Elli" Barczatis
Die Berlinerin Helene "Elli" Barczatis
© RBB / Archiv
Es war das wohl einzige große Abenteuer ihres Lebens, und auch das letzte: Nachdem sie sich in einen Spion verliebt hatte, riskierte Elli Barczatis für den Geliebten alles. Ob sie wirklich begriff, was sie tat, ist bis heute unklar.

Sie war nicht das, was man gemeinhin hübsch nennt: Helene, genannt Elli, Barczatis war 37 Jahre alt, hatte ein eher kantiges Gesicht, eine hohe Stirn und eine spitze Nase. Sie kleidete sich ordentlich und adrett, aber sicher nicht gewagt oder verführerisch. Mit 37 war sie noch immer "ledig", und so würde es später auch in ihrer Sträflingsakte stehen. Dabei hatte Elli Barczatis im Jahr 1949 einen Mann kennengelernt. Einen Mann, der das genaue Gegenteil von ihr war: Charmant, extrovertiert, draufgängerisch. Ihr unerwarteter Liebhaber hieß Karl Laurenz.

Was klingt wie der Beginn eines Happy Ends für die fleißige, pflichtbewusste Sekretärin aus Berlin, war in Wirklichkeit der Anfang vom Ende. 1955 würde Elli Barczatis geköpft werden, ihr Liebhaber ebenfalls.

Eine Frau auf dem Weg nach oben

Elli Barczatis war eine vorbildliche DDR-Bürgerin. Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war sie aus freien Stücken der SED beigetreten, außerdem der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands. Sie hatte sich zur kaufmännischen Angestellten ausbilden lassen, ließ sich regelmäßig fortbilden und hatte sich Ende der Vierzigerjahre zur Sekretärin des Präsidenten der Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie, allgemein "Kohle" genannt, hochgearbeitet. Eine hohe Position innerhalb eines wichtigen Betriebs. Dort arbeitete auch Karl Laurenz, der jedoch, obwohl er Abitur und sogar ein abgeschlossenes Jurastudium hatte, einen vergleichsweise niedrigen Posten innehatte.

Auch Laurenz war anfangs durchaus Befürworter des DDR-Regimes gewesen, doch der zwischenzeitlich als Journalist arbeitende Berliner bemerkte schnell, dass sich sein Gerechtigkeitssinn und die Ansagen des Regimes nicht vereinbaren ließen. 1948 war er in die SED eingetreten, 1950 wurde er wegen "parteischädigenden Verhaltens" wieder ausgeschlossen. Er hatte sich unter anderem gegen die Parteispitze dafür eingesetzt, die bis dahin üblichen Wochenendzulagen für Kraftfahrer beizubehalten. Später, als er als Rechtanwaltsgehilfe arbeitete, wurde ihm "Gefangenenbegünstigung" vorgeworfen, er musste dafür sogar drei Monate ins Gefängnis. Einzelhaft.

In der DDR in Ungnade gefallen

Für Laurenz war spätestens da klar, dass seine Sympathien eher dem liberalen Westdeutschland galten. Da die Mauer noch nicht stand, konnte er relativ ungehindert Kontakte nach Westberlin knüpfen – ab wann er konkret für den Bundesnachrichtendienst (BND) arbeitete, und ob er überhaupt wusste, dass er für diesen tätig war, ist nicht sicher. Eine wichtige Rolle spielte dabei ein früherer Kollege aus der "Kohle": Clemens Laby. Der war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Westberlin gezogen und fungierte für Karl Laurenz als Kontaktmann zum BND. Angeblich bat Laby ihn lediglich, für den (immerhin nicht gänzlich gelogen) Chef eines "Nachrichtendienstes" "journalistisches Material" zu liefern.

Das war es auch, was er seiner Geliebten erzählte. Der vorbildlichen DDR-Bürgerin Elli Barczatis dürfte es anfangs falsch, in jedem Fall aber hochgeradig abenteuerlich vorgekommen sein, als Karl Laurenz sie fragte, ob sie nicht an ihrem Arbeitsplatz an interessante Dokumente käme. Eine Frage, die sich praktisch aufdrängte – denn die Sekretärin arbeitete zu diesem Zeitpunkt für niemand Geringeren als den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl. Ob und wie lange sie zögerte, ist nicht bekannt – doch schließlich tat sie ihrem Geliebten den Gefallen. Sie war überzeugt, damit lediglich seiner Karriere als Journalist weiterzuhelfen.

Ein Zufall ist der Anfang vom Ende

Das Paar geriet durch einen fatalen Zufall ins Visier der Stasi: Eine ehemalige Kollegin der beiden, die ebenfalls bei der "Kohle" tätig gewesen war, erkannte Barczatis und Laurenz in einem Café. Sie beobachtete, wie sie sich dort "kosnpirativ" trafen, die Sekretärin überreichte dem Mann Akten. Der Grund, weshalb dieses Treffen der Frau komisch vorkam, war offenbar vor allem die Tatsache, dass Elli Barczak in der Hierarchie des jungen Staates so viel höher stand als der in Ungnade gefallene Karl Laurenz. Sie hatte zuvor von der Beziehung der beiden nichts gewusst, offenbar bemühten sich beide um Heimlichkeit. Die Zeugin kannte Laurenz aus früheren Zeiten noch als Frauenheld, der im Betrieb mehrere Affären gehabt hatte.

Die Ex-Kollegin meldete das Treffen der Stasi. Die begann daraufhin, das Paar zu beschatten. Elli Barczatis wurde unter dem Codenamen "Gänseblümchen" in den Akten geführt. Doch, obwohl als Spione ungeübt und vermutlich nicht einmal zu einhundert Prozent im Klaren über die eigene Tätigkeit – der Sekretärin und dem Journalisten gelang es, sich der Stasi immer wieder zu entziehen. Obwohl ihre Telefone abeghört und ihre Post abgefangen wurde, fand man keine Beweise für Spionage. Deshalb griff man schließlich zu einem Trick: Eine Stasi-Mitarbeiterin präparierte eine Akte mit wichtigen Dokumenten so, dass man feststellen konnte, wenn sie unrechtmäßig von ihrem Platz im Büro des Ministerpräsidenten entfernt würde. Und Elli Barczatis tappte in die Falle.

Galante Geste des Geliebten

Am 4. März 1955 wurde die Sekretärin verhaftet, als sie das Haus verließ, in dem sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester wohnte. Auch ihr Geliebter wurde von der Stasi festgenommen. Beide verbrachten das kommende halbe Jahr getrennt in Untersuchungshaft. Sie wurden permanent aggressiv verhört, oft die ganze Nacht hindurch. Die Beamten versuchten, beide gegeneinander auszuspielen, doch das gelang nicht – Laurenz bemühte sich sogar bis zum Schluss, Elli zu entlasten. Ob er die Sekretärin wirklich geliebt hat, bleibt offen – der 50-Jährige hatte zuvor ein recht wechselhaftes Beziehungsleben gehabt, war seit 1929 sogar offiziell noch verheiratet (und hatte aus dieser Ehe zwei Kinder), er hatte in den Vierzigern die Herzen zahlreicher Kolleginnen gebrochen und war, als er mit Elli im Café gesehen wurde, wohl offiziell noch mit einem "Fräulein Rebstock" liiert.

Es ist möglich, dass er Elli Barczatis ganz bewusst im Hinblick auf seine Spionagetätigkeit umworben hatte, weil sie durch ihren Beruf Zugang zu wichtigen Unterlagen, und durch ihr unscheinbares Äußeres nicht oft Aufmerksamkeit von Männern bekommen hatte. Aber wie auch immer – in dieser Situation, in der es ihm eventuell Vorteile gebracht hätte, seiner Geliebten Schuld in die Schuhe zu schieben, tat Karl Laurenz genau das Gegenteil.

Ein gnadenloses Urteil

Doch schließlich brach die Sekretärin selbst unter den unerbittlichen Befragungen zusammen und berichtete, was sie getan hatte. Sie war reumütig und versicherte, ihre Fehler einzusehen. Am 23. September kam das Paar vor Gericht. Ihre Verhandlung dauerte nur einen einzigen Tag, keiner von beiden bekam einen Anwalt zur Seite gestellt. Obwohl ursprünglich für beide eine lebenslange Haftstrafe vorgesehen war, entschied sich der Richter, beide zum Tode zu verurteilen. Teile des Prozesses wurden auf Tonband aufgenommen, unter anderem Elli Barczatis' Reaktion auf das Urteil. Sie wirkt geschockt, so als sei ihr zuvor nie bewusst gewesen, welche Konsequenzen die gefährlichen Gefallen, die sie ihrem Geliebten getan hatte, haben könnten.

Genau zwei Monate nach der Urteilsverkündung wurde Elli Barczatis im Alter von 43 Jahren in Dresden hingerichtet – sie wurde mit dem Fallbeil geköpft. Am selben Tag erlitt Karl Laurenz dasselbe Schicksal. Ihre Leichen wurden eingeäschert und anonym bestattet, die Öffentlichkeit und auch Barczatis' Familie erfuhren lange Zeit nichts von ihrem Schicksal. Ihre Schwester Herta sagte ein Jahr später im Gespräch mit einem amerikanischen Journalisten, dass sie kürzlich erst erfahren habe, dass Elli als Spionin verurteilt worden sei und dass sie "vermute", sie sei bereits hingerichtet worden.

Erst 2006 wurde die unfreiwillige Spionin rehabilitiert

Es dauerte bis zum Jahr 2006, bis Elli Barczatis durch das Landgericht Berlin strafrechtlich rehabilitiert wurde. Eine der beisitzenden Richterinnen, die sie zum Tode verurteilt hatte, musste sich deshalb (und wegen anderer unverhältnismäßig harter Urteile) 1995 vor Gericht verantworten, und wurde zu einer Haftstrafe von fünf Jahren verurteilt. Absitzen musste sie diese aber nie.

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