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Kolumne "Kopfwelten": Europa ist weder Bank noch Museum

Unser Kontinent ist für viele nur noch ein Ärgernis. Doch auf seinem Boden und tief verwurzelt in seiner Geschichte haben wir Denken und Sprechen gelernt. Auch ungeliebt bleibt Europa unsere Heimat.

Von Frank Ochmann

Europa musste ich verlassen, um es für mich zu entdecken. Nach Krieg und Teilung waren wir "Baby-Boomer" kaum Deutsche, noch weniger Europäer. Wenn uns zu Zeiten Konrad Adenauers und Ludwig Ehrhards etwas Gemeinsames die Seele wärmte, dann waren es vor allem die Gewissheiten und Hoffnungen, die wir - und viel stärker noch unsere Eltern - mit der D-Mark verbanden. Das liebe Geld. Auch damals schon.

Als ich 1975, kurz nach der Schulzeit, zum ersten Mal auf amerikanischem Boden stand, fühlte ich auch zum allerersten Mal eine europäische Identität, spürte Verbundenheit mit meinem Heimatkontinent, mit seiner Geschichte und Kultur. Ich war damals in San Francisco, und meine Gastgeber stellten mir jedes Gebäude, das an die hundert Jahre alt war, so feierlich vor, als handelte es sich um eine archäologische Kostbarkeit. Ich sah hin und sah ein Haus. Was sonst? Unweit meiner Geburtsstadt Marl, deren beurkundete Geschichte ins 9. Jahrhundert zurückreicht, hatten römische Legionen kampiert. Im Baggersand des Halterner Stausees, so wurde uns Kindern erzählt, ließen sich mit Glück noch Münzen oder metallene Schließen aus der Zeit finden, als Römer und Germanen um diese Region kämpften. Das war Geschichte, nicht der Eisenbahnbau von Salt Lake City nach San Francisco in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Ferne weckt das Heimatgefühl

Bei meinem Besuch in den USA kam es vor, dass die Weite und Schönheit ihres Landes "from sea to shining sea" den Mangel an Historie für manchen meiner Gesprächspartner nicht kompensieren konnte. Dann schwärmten sie wie Verbannte von den Kanälen Venedigs und den Uffizien in Florenz, vom französischen Bordeaux und vom Brie, vom Rhein mit seinen Burgen und von Rothenburg ob der Tauber. Bewundernd erzählten sie von europäischen Reisen oder Träumen, sehnsüchtig, neidisch ab und zu. Dort, im fernen und auf seine Art faszinierenden Kalifornien, wurde mir vor Augen geführt, woher ich stamme und wohin ich gehöre.

Wir Deutschen machen uns gern über Amerikaner lustig, die das Land vom Nordkap bis Sizilien und von Santiago do Compostela bis Sankt Petersburg in acht oder zehn Tagen touristisch zu bewältigen versuchen. Doch zeigen sie uns mit solchen Wahnsinnstouren nicht auch, was in ihren Köpfen wie selbstverständlich zusammengehört, was wir aber gerade in diesen Zeiten nur so schwer zusammen denken können? "Good old Europe". Manchmal braucht es mehr Abstand, um klarer zu sehen.

Sondergipfel im Wochentakt

Das alles ist mir wieder eingefallen in den vergangenen Wochen, als ich mich, wie die meisten meiner Landsleute, über die unzuverlässigen Griechen und ihre unsägliche Lotterwirtschaft ärgerte. Raus mit ihnen! Oder über Italien, dessen Regierungschef seine ganz spezielle Synthese von Politik und Puff über Dutzende Vertrauensabstimmungen retten konnte. Weg! Mir fielen auch die europäischen Beamten und Abgeordneten ein, die ich neulich am Abend auf dem Brüsseler Flughafen mit belgischen Pralinenschachteln zu ihren Maschinen eilen sah. Ob diese Apparatschiks wohl kurz zuvor noch den erlaubten Krümmungsgrad einer EU-Gurke neu festgelegt hatten? Oder die Mindestdicke einer Pizza?

All dieser Aberwitz ist auch Europa. Und dazu nun schon seit Wochen und Monaten das schier endlose Geschachere um einige Milliarden Soforthilfe hier und einen vermeintlichen Rettungsschirm von "gehebelten" hunderten weiteren Milliarden dort. Sondergipfel im Wochentakt, Besserungsversprechen und Wortbrüche beinahe täglich. Unser Kontinent ist tief in der Krise, aber das nicht zum ersten Mal. Und Europa ist so viel mehr als es jetzt für viele verständlicherweise den Anschein hat. Der Schriftsteller und frühere tschechische Präsident Václav Havel hat Europa schon vor Jahren aufgefordert, "sein bestes Selbst zu sein, das heißt, seine besten geistigen Traditionen ins Leben zurückzurufen und dadurch auf eine schöpferische Weise eine neue Art des globalen Zusammenlebens mitzugestalten."

Ein wertvolles Erbe von Jahrhunderten

Wer aber soll das tun, wenn nicht wir? Europa, unsere Heimat, darf nicht den Gurkenkontrolleuren und Finanzjongleuren überlassen werden. Ich will keinen blasierten Stolz auf einen Kontinent, dessen Erde mit so viel Blut getränkt wurde. Es geht um Verwurzelung, Beheimatung, um die Rückbindung an Erfahrungen und Ideen von so vielen Generationen, die hier, wo wir sind, gelebt, geliebt und gelitten haben. Wir sind ein Teil davon, sind Erben von Jahrhunderten. Ohne den Blick zurück finden wir auch keinen sicheren Weg in die Zukunft. Das sagen nicht Nostalgiker, sondern Neurowissenschaftler. In "Europa" steckt der griechischen Wortherkunft nach die "weite Sicht", so lese ich. Doch derzeit ist Europa ein Kontinent der Kurzsichtigen, eine Beute von Taktierern und Täuschern. Umso mehr müssen wir Abstand nehmen und zur "weiten Sicht" zurückkehren, die wir, die Europäer, sogar im Namen tragen.

"Die geistige Zukunft Europas wird davon abhängen, dass die Europäer in ihrem Leben, ihrem Verhalten und Denken die Werte erkennen, die ihre Architektur, Malerei, Literatur, ihre Männer und Frauen von Genie darstellen", schrieb der britische Schriftsteller Stephen Spender in seinem Beitrag für einen Sammelband über den "europäischen Geist". Als diese Zeilen gedruckt wurden, 1946, war es Deutschland, dessen künftiger Platz auf einem zerschossenen und zerbombten Kontinent keineswegs unumstritten war. Heute geht es um Griechenland, um Italien, Irland, Spanien oder Portugal, und wer auch immer noch in finanzielle Bredouille kommt. Wollen wir die Grenzen europäischer Identität wirklich von Kredit-Ratings abhängig machen? Soll das Ende der Gemeinsamkeiten schon bei "BB-" eingeläutet werden oder doch lieber erst bei "B+"?

Wenn wir uns an Europa erinnern, das eigentliche Europa, dann umfasst dieser Begriff Werte. Ganz andere allerdings als jene, die bilanziert, beliehen und verzinst werden können und in diesen Tagen allein bestimmend zu sein scheinen. Europa droht zum Euro zu verkommen. Doch wie schon 1946 dürfen die europäischen Werte "keine toten Dinge sein wie das Geld in den Panzerschränken der Banken und Kunstwerke in den Museen". So Stephen Spender damals. "Europa darf weder eine Bank, noch ein Museum sein."