HOME

Malu Dreyer soll Rheinland-Pfalz regieren: Die überraschende Erbin von "König Kurt"

Malu Dreyer soll Nachfolgerin von Ministerpräsident Kurt Beck werden. Die bisherige Sozialministerin gilt als kompetent, beliebt und als ein Vorbild. Denn sie steht zu ihrer Multiplen Sklerose.

Malu Dreyer soll Ministerpräsident Kurt Beck in Rheinland-Pfalz beerben. Als Grund für seinen Rückzug nannte Beck am Abend seine angeschlagene Gesundheit. Ausgerechnet - denn seine Nachfolgerin ist an Multiple Sklerose (MS) erkrankt.

Lange war die 51-Jährige gar nicht im Gespräch, wenn über mögliche Nachfolger spekuliert wurde. In der SPD fielen in diesem Zusammenhang monatelang ganz andere Namen. Erst in den vergangenen Wochen häuften sich die Hinweise, dass es auf die langjährige Sozialministerin hinauslaufen könnte. Und nun heißt es tatsächlich in Mainz: Dreyer soll neue Regierungschefin werden.

Dreyer gilt in Partei und Land als beliebt. Teamgeist und Leidenschaft werden ihr zugeschrieben. Oft ist von ihrem gewinnenden Wesen die Rede. "Ihre positive Art wird ihr als Ministerpräsidentin viele Probleme ersparen", vermutet Dieter Pöhlau, der mit Dreyer in der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) zusammenarbeitet. Dreyer ist Schirmherrin des rheinland-pfälzischen Landesverbands der DMSG. Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die in Deutschland schätzungsweise 130.000 Menschen betrifft.

Dreyer geht mit ihrer MS-Erkrankung offen um

Dreyers Engagement für MS-Kranke kommt nicht von ungefähr. Seit gut eineinhalb Jahrzehnten ist Dreyer selbst an der Multiplen Sklerose erkrankt. Abgesehen von Bewegungseinschränkungen behindere die Erkrankung ihre Arbeit "in keiner Weise", stellte Dreyer klar, die ihre Krankheit vor einigen Jahren öffentlich machte. Zwar gehört Erschöpfung oft zu den Symptomen von MS, "doch auf Malu Dreyer scheint dies nicht zuzutreffen", sagt Neurologe Pöhlau. Außerdem sei Dreyer politisch so erfahren, dass sie wisse, worauf sie sich einlasse und ob sie den Stress als Ministerpräsidentin mit ihrer Erkrankung schultern könne.

Pöhlau freut sich, dass Dreyer Ministerpräsidentin werden soll. "Sie ist ein extrem gutes Beispiel dafür, dass Menschen mit MS aktiv leben können. Das räumt mit dem gängigen Vorurteil auf, dass Multiple Sklerose eine ganz schlimme Krankheit ist." Es sei schlicht weg falsch, dass MS-Kranke immer im Rollstuhl landen. Die Krankheit sei zwar nicht heilbar, aber gut zu behandeln. "Der Zustand von MS-Kranken muss nicht zwangsläufig schlechter werden, er kann sich auch wieder verbessern", erklärt Pöhlau, der Chefarzt einer MS-Klinik ist.

Quereinsteigerin mit Gerechtigkeitssinn

Eine steile politische Karriere war Dreyer keineswegs vorgezeichnet. "Ich bin eigentlich eine sogenannte Quereinsteigerin", sagte Dreyer einmal über sich. Der lange Weg durch die Partei, von den Jusos in die hohen Ämter, das war ihre Sache nicht. Dreyer, die in Neustadt an der Weinstraße als Tochter eines Schuldirektors und einer Erzieherin geboren wurde, war im Vergleich zu anderen Politikern eine Spätzünderin - erst 1995 mit 34 Jahren trat sie in die SPD ein.

An Beck fasziniere sie besonders, "dass er einen Urinstinkt für Gerechtigkeit hat", beschrieb Dreyer den Landesvater im vergangenen Jahr. "Er ist ein Mensch, dem muss man nicht viel referieren zu diesem Thema." Dreyer selbst schreibt sich ebenfalls das Thema Gerechtigkeit auf die politische Fahne. Schon vor ihrer Parteikarriere habe sie sich engagiert, erzählte sie einmal. "Vor allem für Gerechtigkeit, Solidarität, für Teilhabe."

Das Feld der Sozialpolitik beackerte Dreyer, die mit ihrem Mann und dessen drei Kindern in Trier lebt, von Beginn ihrer politischen Tätigkeit an: Als Bürgermeisterin von Bad Kreuznach war sie in den 1990ern auch für Soziales und Jugend verantwortlich. Seit 1997 arbeitete sie als Mainzer Sozialdezernentin, schließlich seit nunmehr zehn Jahren als Sozialministerin unter Kurt Beck.

Mögliches Damenduell bei der Landtagswahl 2016

Als Ministerpräsidentin wartet vermutlich noch mehr Arbeit und Verantwortung auf sie. Bereits in den kommenden Wochen oder Monaten soll sie die Nachfolge Becks antreten. Für die SPD könnte diese Entscheidung auch ein geschickter Schachzug für die nächste Landtagswahl im Jahr 2016 sein. Ihre Herausforderin dürfte dann CDU-Landeschefin Julia Klöckner sein, die Beck in den vergangenen Wochen vor allem wegen der Pleite am Nürburgring heftig attackiert hatte. Im Wettstreit mit Dreyer dürfte sich die Ausgangslage verändern. Dreyer hat zudem die Chance, sich in den kommenden Jahren einen Amtsbonus zu erarbeiten.

maj/AFP / AFP