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Pädagogik: Sitzenbleiben soll nicht mehr bleiben

Es ist teuer und pädagogisch sinnlos: Sitzenbleiben. Da Deutschland mit 250.000 Sitzenbleibern pro Jahr Weltmeister ist, wollen Politiker, Elternräte und Lehrerorganisationen die alte Regel abschaffen.

Für prominente Schulversager wie Bismarck oder Churchill bedeutete Sitzenbleiben oder das Scheitern bei einer Prüfung keinen Beinbruch für die spätere Karriere. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) gestand, dass sie mit 16 "stinkfaul" war und lieber in die Disko als in die Schule ging. Die Folge: Eine "Ehrenrunde". Saarlands Schulminister Jürgen Schreier (CDU) offenbarte kürzlich ähnliches. Als erstes Bundesland rüstet jetzt das schwarz-rot-regierte Schleswig-Holstein für einen Angriff auf diesen alten "pädagogischen Zopf".

Rund 10.000 Schüler müssen dort allein in diesem Jahr eine Klasse wiederholen. In Nordrhein-Westfalen, wo es am Mittwoch Zeugnisse gab, waren es fast 60.000. Rund 55.000 werden es Anfang August wieder in Bayern sein.

Selbstvertrauen der Schüler wird angeknackst, die Lernbereitschaft sinkt

Das zusätzliche Jahr für bundesweit 250.000 Sitzenbleiber pro Jahr kostet die Länder jeweils gut 1,2 Milliarden Euro. Das Geld, so die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, würde besser für mehr individuelle Förderung der Kinder aufgewandt, um Leistungsschwächen gezielt auszubügeln: "Doch durch das plumpe Wiederholen eines ganzen Jahres verlieren die Schüler nicht nur ein Jahr wertvolle Lern- und Lebenszeit. Häufig bekommen auch Selbstvertrauen und Lernbereitschaft einen Knacks - und der Familienfrieden ist gestört."

Mit ihrer Einschätzung steht die GEW nicht allein. Der Bundeselternrat, weitgehend auch die anderen Lehrerorganisationen unterstützen sie. Peter Heesen, Chef des Deutschen Beamtenbundes und früher selbst Gymnasiallehrer, propagiert Teil- oder Probeversetzungen - bei mehr Einzelförderung.

Das Sitzenbleiben gilt in der deutschen Schulforschung bereits seit Ende der 60er Jahre als wenig sinnvoll. Mehrere Untersuchungen zeigten seitdem, dass die meisten Schüler bereits nach den ersten Monaten der "Ehrenrunde" innerlich abschalten und nichts mehr dazu lernen - selbst in den Fächern, in denen ihre Leistungen bisher ausreichten, denn auch dort wird der Stoff bloß wiederholt.

Viele erfolgreiche Pisa-Staaten haben das Sitzenbleiben längst abgeschafft

Die Pisa-Schulstudien zeigen zudem, das Sitzenbleiben oft nicht einmal Lernzuwachs in den Fächern bringt, die Anlass für die Wiederholung der Klasse waren. Im internationalen Pisa-Vergleich gilt Deutschland als "Weltmeister" im Sitzenlassen seiner Schüler. Viele erfolgreiche Pisa-Staaten haben dagegen das Sitzenbleiben längst abgeschafft. Schulabbruch ist dort verpönt, und eine größere Zahl von Versagern ruft gleich die Schulaufsicht auf den Plan - bis hin zur Anordnung von Fortbildung für die Pädagogen.

Schleswig-Holsteins Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) will die Schulen ihres Landes motivieren, einmal aufgenommene Kinder nach der Orientierungsstufe (ab Klasse sieben) künftig "durch mehr individuelle Förderung gezielt zum Abschluss zu bringen". Dazu sind Modelle von SPD und CDU im Koalitionsvertrag vorgesehen. Schule soll sich den Worten der Ministerin stärker an den Gedanken des Fördern orientieren. Lehrer sollen die unterschiedliche Begabungen der Schüler erkennen, unterstützen und rechtzeitig vor Beginn "einer kritischen Phase eingreifen".

Zu den 250.000 Sitzenbleibern kommen in Deutschland Jahr für Jahr 200.000 Schüler hinzu, denen ein Schulwechsel verordnet oder ein Schulabbruch nahe gelegt wird. Wer vom Gymnasium zur Realschule oder zur Hauptschule "abgestuft" wird, wird nicht in der Sitzenbleiber- Statistik erfasst. Deshalb haben Gymnasien auch die geringsten Wiederholerquoten. Pisa brachte an den Tag, dass jeder vierte 15- jährige Schüler in Deutschland bis zur neunten oder zehnten Klasse mindestens einmal ein solches "Testat des Versagens" erhalten hat.

Karl-Heinz Reith, DPA