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Mut zur Veränderung: So gelingt der Start in ein neues Leben

Viele reden vom Neuanfang, doch kaum einer wagt ihn. Warum verharren wir oft im Alten? Wir erklären, wie Ihr Traum Realität werden kann - und wie Sie damit umgehen, wenn es nicht klappt.

Von Lydia Klöckner

Kurs nehmen auf Veränderungen: Viele träumen vom Abenteuer, doch kaum einer wagt es.

Kurs nehmen auf Veränderungen: Viele träumen vom Abenteuer, doch kaum einer wagt es.

Christine Brunner hatte es satt. Die aggressiven Autofahrer. Die grantigen Verkäuferinnen, die sie nicht einmal ansahen, wenn sie sie etwas fragte. Die ständige Angst um den Job. Und das täglich stärker werdende Gefühl, ihre Ziele und Wünsche niemals erreichen zu können. "Ich habe immer davon geträumt, ein sicheres Auskommen zu haben, ein schönes Auto zu fahren und vielleicht ein Haus zu kaufen", sagt die 34 Jahre alte Mediendesignerin. "Ich sehnte mich nach einem guten Leben, nach dem Tag, an dem ich nicht mehr aufs Geld gucken muss." Doch der Tag kam und kam nicht. Stattdessen arbeitete sie als unterbezahlte Volontärin in einem großen Verlag, der ständig Stellen abbaute. Sie fuhr einen klapprigen Wagen und lebte in einer kleinen Wohnung mit Ikea-Möbeln. "Ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten."

Als ihr damaliger Freund und heutiger Mann vorschlug, nach Neuseeland auszuwandern, haderte sie nicht lange mit sich. Das Paar war schon einmal zusammen durch Neuseeland gereist. Beiden gefiel das Land. "In Neuseeland ist die Welt noch in Ordnung: Alle sind entspannt und haben einen sicheren Job. Jeder kann in den Urlaub fahren und sich ein Haus kaufen", sagt Brunner. Alles, was für sie in Deutschland unerreichbar war, schien dort ganz normal zu sein. "Ich dachte mir: Wenn wir es nicht versuchen, werden wir uns ärgern."

Also wanderten die beiden im Herbst 2011 aus - und erfüllten sich Stück für Stück jeden einzelnen ihrer Träume: Ein Haus in Auckland. Drei Autos. Gut bezahlte Jobs. Nette Freunde. Inzwischen leben sie seit drei Jahren auf der anderen Seite der Erde. Heimweh haben sie nie. "Wenn ich mal ein Kind habe, möchte ich, dass es hier aufwächst - Deutschland würde ich ihm nicht antun wollen", sagt sie.

Christine Brunner und ihr Mann haben sich ein Leben aufgebaut, von dem viele Menschen träumen. Was sie erzählt, klingt wie das Happy End eines Wohlfühl-Films. Wir lieben solche Geschichten, die vom Wandel und vom Neuanfang handeln. Wir beneiden Menschen wie die Brunners und wünschen uns, wir könnten selbst so viel Mut aufbringen. Nicht jeder möchte gleich auswandern - manchen würde schon ein neuer Job reichen. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov ist die Hälfte der Deutschen unzufrieden mit ihrem Job und würde lieber etwas ganz anderes tun. Die Frage ist: Was hindert sie daran? Warum verharren Menschen häufig im Alten, sogar wenn sie ihm längst überdrüssig geworden sind?

Das faule Gehirn

Oft ist der alte Trott schlicht bequemer. "Um sich von bewährten Verhaltensweisen und Gewohnheiten zu lösen, brauchen wir Konzentration und Aufmerksamkeit. Beides verursacht unserem Gehirn hohe Energiekosten", erklärt der deutsche Philosoph und Hirnforscher Gerhard Roth. "Routinierte Handlungen laufen dagegen ganz automatisch ab, sind also viel billiger." Dem Gehirn sind ungewohnte Situationen und neue Erfahrungen manchmal einfach zu anstrengend. Zudem werden in unserem Körper körpereigene Belohnungsstoffe - sogenannte endogenen Opioide - freigesetzt, wenn wir uns wie immer verhalten. Normalerweise erfüllen Routinen ja auch einen sinnvollen Zweck: Ohne sie würde uns jeder banale Handgriff wie Zähneputzen oder Essen Konzentration abverlangen. Wenn man sein Leben verändern möchte, wird die Gewohnheitsliebe allerdings zum Hindernis.

Auch Angst spielt eine wichtige Rolle. Neues birgt immer ein größeres Risiko als Altbewährtes. Wer vom Auswandern träumt, fürchtet zugleich, in der neuen Stadt keine Freunde oder keinen Job zu finden. Wer seinen verhassten Job kündigen möchte, hat gleichzeitig Sorge, arbeitslos zu werden. Und wer sich von seinem Partner trennt, befürchtet, sich womöglich nie wieder zu verlieben.

"In Entscheidungssituationen lassen sich die meisten Menschen von der Furcht vor dem Scheitern viel stärker beeinflussen als von der Freude auf Erfolg", sagt Roth. Der Misserfolg hat ein schlechtes Image, vor allem in westlichen Gesellschaften. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett bezeichnete das Scheitern einmal als das "große Tabu" der Moderne. Dabei dient gerade das Scheitern, der absolute Tiefpunkt, als wichtiger Wegweiser: Nur wenn man sich ehrlich eingesteht, dass man in eine Sackgasse gelaufen ist, kann man auch wieder zur richtigen Route zurückfinden.

Vielen Menschen gelingt das aber nicht. Je mehr Zeit und Energie sie investiert haben, um eine bestimmte Lebenssituation zu erreichen, umso weniger sind sie bereit, diese infrage zu stellen: Wer will sich nach 40 Jahren Ehe schon eingestehen, dass er den falschen Partner gewählt hat? Dieses Phänomen erklären Wirtschaftspsychologen mit der sogenannten "Sunk Cost Problematik": Sunk Cost sind Verluste, die zwar nicht mehr rückgängig gemacht werden können, aber trotzdem einen Einfluss auf unsere Entscheidungen haben. Anstatt wertlos gewordene Aktien zu verkaufen, halten schlechte Spekulanten lieber daran fest - sogar wenn sie wissen, dass sie nie wieder den Kaufwert erreichen werden.

Bei Christine Brunner gab es das Problem nicht: Das Paar hatte sich in Deutschland noch nichts aufgebaut. "Wir hatten nichts zu verlieren", sagt sie. Zudem waren die beiden erst Ende zwanzig, also sehr jung. Studien deuten darauf hin, dass die Offenheit für Neues bei Menschen unter dem 30. Lebensjahr am höchsten ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Jüngere das Abenteuer lieben und Tipps, wie der Sprung ins kalte Wasser gelingen kann.

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Die Flucht in die Sehnsucht

Älteren Menschen fallen Veränderungen hingegen oft schwer. Während kleine Kinder das Abenteuer lieben und sich täglich auf die Suche nach neue Erfahrungen begeben, fühlen sich ältere Menschen in ihrer Komfortzone am sichersten. Aus evolutionärer Sicht ergibt auch das einen Sinn: Um ihren Platz im Leben zu finden und dazuzulernen, müssen junge Menschen offen, neugierig und risikofreudig sein. Bei Erwachsenen, die sich um ihren Nachwuchs kümmern müssen, sind Verlässlichkeit und Beständigkeit wichtiger.

Zudem scheinen Ältere mit ihren unerfüllten Träumen deutlich besser leben zu können als junge: Die Züricher Psychologin Alexandra Freund hat herausgefunden, dass jüngere Menschen Sehnsucht eher als negatives Gefühl bewerten. Ältere Menschen beschreiben es häufig als "bittersüß": Das Ersehnte bleibt ihnen zwar verwehrt, mithilfe der Sehnsucht können sie es aber auf der Imaginationsebene erleben.

Manche Menschen geben ihre Wünsche auch an ihre Kinder weiter. Der Psychoanalytiker Helm Stierlin stellte in den siebziger Jahren die Theorie auf, dass eine regelrechte "Delegation der Wünsche" stattfindet: Wir verabschieden uns von unserem Lebenstraum, geben aber unbewusst unseren Kindern den Auftrag, ihn zu verwirklichen.

Es kann also auch heilsam sein, sich von seinem Lebenstraum zu lösen. Wer das aber nicht kann, sollte vielleicht doch noch einmal seinen Mut zusammennehmen und es versuchen. Hier ein paar Tipps, wie der Sprung ins kalte Wasser gelingen kann:

1. Seien Sie ehrlich

Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Der Spruch mag abgedroschen klingen, enthält aber viel Wahrheit: Wenn man das alte Leben hinter sich lassen möchte, braucht man dazu einen guten Grund. Werden Sie sich also klar darüber, was Sie an Ihrer jetzigen Lebenssituation stört und wie sehr sie darunter leiden. Gestehen Sie sich ein, dass der Wandel nötig und wichtig ist.

2. Machen Sie Werbung

"Wenn wir Gewohntes aufgeben, entgeht dem Gehirn eine Belohnung. Um sich auf etwas Neues einzulassen, muss sich ihm also ein noch attraktiverer Bonus in Aussicht stehen", erklärt Hirnforscher Roth. Wer sein Gehirn von einer Veränderung überzeugen möchte, sollte ihm quasi einen mentalen Werbefilm präsentieren. Am besten wirken emotionale Reize: Die freundlichen Menschen in Neuseeland. Das tolle Arbeitsklima im neuen Job. Das Herzflattern, dass eine neue Liebe bei uns auslösen könnte.

3. Belohnen Sie sich für kleine Erfolge

Psychologen zufolge neigt unser Gehirn zum sogenannten "delay discounting": Es zieht sofortige Glückserlebnisse zeitlich verzögerten Belohnungen vor. Alles beim alten zu belassen ist erst einmal angenehmer als ein aufregender und riskanter Neuanfang. Pflastern Sie den Weg ins neue Leben also mit kleinen Belohnungen. Als Christine Brunner und ihr Mann in Neuseeland ankamen, haben sie erst einmal viel Zeit am Strand verbracht. So bekamen sie gleich das positive Resultat ihrer Entscheidung zu spüren.

4. Erweitern Sie Ihren Bekanntenkreis

"Du kannst doch nicht so weit wegziehen!", sagt die beste Freundin. "Und wer soll sich dann um uns kümmern?", fragen die Eltern. Freunde und Verwandte geben uns in schwierigen Lebenslagen Halt, doch sie können uns auch am Fortkommen hindern. Sie müssen zwar nicht gleich den Kontakt abbrechen. Es kann aber hilfreich sein, sich Bestätigung und Unterstützung durch neue Freunde mit ähnlichen Plänen oder Zielen zu suchen.

Auch Bücher oder Filme, in denen Menschen einen Neustart wagen, können beim Verwirklichen eigener Träume helfen. Mehr über Christine Brunners neues Leben in Neuseeland erfahren Sie in ihrem Blog Kiwifinch.

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