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Amerika: Rätsel um 500 Jahre alte Weltkarte

Sie ist 500 Jahre alt, aber überraschend aktuell und gibt Wissenschaftlern deshalb Rätsel auf: die Weltkarte des deutschen Kartographen Martin Waldseemüller. Jetzt wird sie in Washington ausgestellt.

Nur noch ein Exemplar der Weltkarte, die Martin Waldseemüller im Jahr 1507 erstellte, gibt es vermutlich. Dieses Stück erwarb die die Library of Congress in Washington vor vier Jahren. Ab Mitte Dezember soll das wertvolle Stück seinen Platz in der Dauerausstellung der Bibliothek einnehmen.

Das Werk bereitet den Forschern Kopfzerbrechen: Denn der Kartograph bezeichnete dort erstmals ein Gebiet als "America" - in späteren Dokumenten aber änderte die Namensgebung. Unklar ist auch, wie Waldseemüller Südamerika derartig akkurat umreißen konnte. Und warum zeichnete er - Jahre, bevor europäische Entdecker auf den Pazifik stießen - einen riesigen Ozean westlich von Amerika?

Die Karte entstand in einem französischen Kloster

Die Karte war ein ehrgeiziges Projekt des Herzogs von Lothringen. Er betraute zu Beginn des 16. Jahrhunderts - also wenige Jahre nach Columbus' Entdeckungsreise - den deutschen Kartographen Waldseemüller und weitere Gelehrte mit der Erstellung einer neuen Weltkarte. In einem französischen Kloster entstand das Dokument. Die Zeichner bedienten sich der Überlieferung zufolge aus den 1300 Jahre alten Werken des griechischen Geografen Claudius Ptolemäus und den Briefen des des florentinischen Seefahrers Amerigo Vespucci. Doch diese Quellen reichten nicht aus für ein derart akkurates Dokument, sagt John Hebert, Chef der Geografie- und Kartenabteilung der Library of Congress.. "Da muss es noch einen kartographischen Einfluss gegeben haben."

Tatsache ist, dass Waldseemüller erstmals den Namen "America" verwendete, angelehnt an den Vornahmen Vespuccis. In späteren Dokumenten bezeichnete der Kartograph das Gebiet jedoch als "Terra Inkognita" - unbekanntes Land. "Amerika ist aus seinem Wortschatz gestrichen", sagt Hebert. Auch die 1507 akkurat gezeichneten Umrisse des Kontinents sind in späteren Aufzeichnungen nur noch teilweise vorhanden, Waldseemüller zeichnete dann zudem eine Verbindung des Nordens mit Asien.

Wie konnte Waldseemüller, die Küste Südamerikas korrekt zeichnen?

Die Wissenschaft rätselt zudem, wie Waldseemüller Südamerika auf der Karte von 1507 derart genau aufzeichnen konnte. "Die Breite von Südamerika ist an bestimmten wichtigen Markierungen auf bis zu 100 Kilometer korrekt", sagt Hebert. Auch die Westküste Südamerikas ist verhältnismäßig akkurat getroffen. Soweit bekannt ist, hätten die Europäer zur damaligen Zeit diese Informationen noch nicht haben können, sagt der Wissenschaftler. Dem Stand der heutigen Geschichtswissenschaft zufolge erreichte der spanische Entdecker Vasco Nunez de Balboa den Pazifik über Land erst 1513. Der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan umrundete die Südspitze weitere sieben Jahre später.

Die aus zwölf Teilen bestehende Karte wurde erst 1901 in den Archiven des Adelsgeschlechts Waldburg-Wolfegg in Süddeutschland entdeckt. Mehr als 100 Jahre später verkaufte Fürst Johannes Waldburg-Wolfegg das Dokument für zehn Millionen Dollar an die Library of Congress. Mittlerweile ist die Karte ein Anwärter für das Unesco-Programm "Memory of the World", ein Weltregister herausragender Dokumente. Die US-Wissenschaftler hoffen, dass die Ausstellung der bisher selten gezeigten Karte Experten aus aller Welt zu weiteren Forschungen über derene Entstehung anregen wird. Doch selbst wenn nicht alle Rätsel gelöst werden, ist sich Hebert ihrer Bedeutung für die Menschheit sicher: "Sie ist im Grunde die erste Karte der Neuzeit - alles was danach kommt, basiert auf ihr."

Reuters / Reuters