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Frankreich: Die Austern sterben weg

Nicht nur die Bienenvölker sterben seit Jahren in ungewöhnlicher Menge. An den französischen Küsten erwischt es die jungen Austern. Seit 2008 herrscht Alarmstimmung. Jetzt soll die Ursache gefunden sein.

Austern von der französischen Küste sind bei Gourmets in ganz Europa begehrt. Doch mit dem Sommer droht den Meeresbewohnern Gefahr: Bereits zum dritten Mal in Folge sterben den Franzosen in diesem Sommer die jungen Austern, die die Basis der Zucht für die nächsten Jahre bilden, fast vollständig weg. Ein Ende des Problems ist momentan nicht abzusehen; die Folgen sind gravierend. Von den 4800 Betrieben mit ihren 15.000 Mitarbeitern, die im Muschelzüchter-Dachverband CNC organisiert sind, ist jetzt schon jeder vierte existenziell bedroht. Für Feinschmecker wird es richtig teuer: Da die jungen Austern drei Jahre wachsen müssen, bevor sie verkauft werden können, werden ab dem kommenden Jahr französische Austern zu Raritäten.

Das Phänomen des Sommersterbens ist an sich nicht neu: Seit Anfang der 1970er-Jahre, als die auch heute noch wegen ihrer Robustheit und ihres schnellen Wachstums geschätzte Japanische Felsenauster (Crassostrea gigas) in Frankreich etabliert wurde, traten immer wieder kurze Episoden einer solchen Sterbewelle auf. Auch die Ursache dafür ist bereits seit längerem bekannt, wie der französische Meeresbiologe Jean-Francois Samain in der August-Ausgabe des Magazins "Bild der Wissenschaft" erläutert: "Die steigende Wassertemperatur stimuliert die Auster zur Reproduktion. Sie konzentriert ihre gesamte Energie darauf, Keimzellen zu produzieren. Dadurch wird sie geschwächt." Ähnlich wie Menschen mit einem geschwächten Immunsystem ist auch die Auster in dieser Verfassung ein leichtes Opfer für Viren und Bakterien - selbst für solche, mit denen sie normalerweise friedlich zusammenlebt.

Das Massensterben begann 2008

Den Austern machen vor allem ein Virus namens Ostreid Herpes Virus 1 (OsHV-1) sowie zwei miteinander verwandte Bakterien, Vibrio splendidus und aesturianus, zu schaffen. Allerdings blieben die Ausbrüche immer regional und zeitlich begrenzt, so dass sich die Bestände problemlos wieder erholten.

Doch im April 2008 begann ein Massensterben unter den Jungtieren - erst am Mittelmeer, dann an der Atlantikküste und schließlich am Ärmelkanal. 40 bis 80 Prozent aller Jungtiere unter einem Jahr raffte die Todeswelle dahin, in manchen Gebieten waren es sogar 100 Prozent. Der Sommer 2009 brachte erneut ein landesweites Massensterben mit sich, und auch dieses Jahr scheint sich die Situation nicht zu bessern. Betroffen ist zudem nicht nur Frankreich: Auch die Zuchten an der amerikanischen Pazifikküste und sogar die an der Südküste Südkoreas kämpfen mit einem ähnlichen Problem.

Mit der Suche nach der Ursache des Massensterbens beschäftigt sich unter anderem das staatliche französische Meeresforschungsinstitut Ifremer. Viele Züchter glauben dagegen jetzt schon, den Schuldigen gefunden zu haben: die Triploiden. Dahinter verbergen sich Austern, die aufgrund einer chemischen oder genetischen Behandlung als Larve statt des normalen zweifachen einen dreifachen Chromosomensatz besitzen und sich nicht vermehren können. Da sie keine Energie in ihre Keimzellen stecken, investieren sie alle Ressourcen ins Wachstum, sind ansonsten aber nicht von ihren unveränderten Artgenossen zu unterscheiden. Die Innovation ist bei den Produzenten sehr beliebt, bringt sie doch größere Erträge. Offiziell distanzieren sich viele Züchter jedoch von dem Verfahren und den "unnatürlichen" Austern - ihnen kämen die behandelten Tiere als Sündenbock für das Massensterben gerade recht: Sie hätten die Umwelt "durcheinandergebracht".

Hoffnung auf resistente Austernstämme

Doch die Schuldzuweisung ist ungerechtfertigt, sagen die Meeresforscher am Ifremer. Sie haben einen anderen Verdächtigen identifiziert - auch wenn die Ergebnisse noch als vorläufig zu betrachten sind. "Das große Problem, dem wir uns stellen müssen, ist ein neuer Erreger. Es ist ein Abkömmling des alten Bekannten OsHV-1, wir haben ihn 'OsHV-1 microvariant' getauft", berichtet die Biologin Nathalie Cochennec, die am Ifremer das zentrale Forschungsprojekt leitet. In jeder zweiten Probe von Austerngewebe aus dem Jahr 2008 konnten die Wissenschaftler den neuen Erreger nachweisen, im Jahr 2009 fand er sich bereits in 96 Prozent der Proben, meist gemeinsam mit den beiden Vibrio-Bakterienarten. Es sei jetzt klar, dass das neue Virus, gemeinsam mit seinen bakteriellen Begleitern, die aktuelle Sommersterblichkeit auslöse, sagt Cochenne.

Immerhin existiert ein Hoffnungsschimmer für die Züchter, berichtet "Bild der Wissenschaft", denn einige Austern sind von Natur aus resistent gegen den neuen Erreger. Gelänge es, diese widerstandsfähigen Tiere zu identifizieren und gezielt zu züchten, könnten sie schon in wenigen Jahren die Basis für neue Bestände bilden. Auf dieses Ziel arbeitet daher nicht nur das Ifremer hin, zusammen mit einer Reihe von Universitäten, sondern auch die vier größten Austernlarvenzüchter des Landes. Letztere wollen bereits 2012 eine resistente Brut auf den Markt bringen, so dass ab dem Jahr 2015 wieder bessere Zeiten anbrechen könnten - für Austern, Branche und Feinschmecker.

DDP / DDP
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