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Klima: Heiße Warnung

Rekordtemperaturen und Unwetter der vergangenen Wochen passen für viele Forscher ins Bild vom Klimawandel. Der ist offenbar schon voll im Gange.

Glühende Hitze beherrscht seit Wochen Europa. In Italien ist der Po zum Rinnsal verkümmert, die Felder verdorren, den Kraftwerken geht das Kühlwasser aus. In Frankreich brannten 10.000 Hektar staubtrockener Kiefern und hinterließen eine Mondlandschaft, auch in Spanien und Portugal standen Wälder in Flammen.

In Deutschland fielen die Pegelstände vieler Flüsse so stark, dass die Schifffahrt streckenweise eingestellt werden musste. Auf der Autobahn A 1 bei Lübeck schwitzten Urlauber in kilometerlangen Staus, weil sich Betonplatten gehoben hatten, und auf der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck verbog die Hitze die Gleise. Der Deutsche Bauernverband beklagt die "schlimmste Dürreperiode seit 1947" und warnt vor verheerenden Ernteausfällen.

"Wir haben eine klassische Omega-Lage"

, sagt Dorothea Paetzold, Meteorologin vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach, "in dieser Konstellation gibt es die nur alle acht bis zehn Jahre." Das bedeutet: Hoch in der Atmosphäre bilden die Isobaren, die Linien gleichen Luftdrucks, über Europa die Form des griechischen Buchstabens Omega in gigantischer Dimension. Dadurch werden die Zugbahnen der Tiefs weiter unten blockiert. Aus ihrer Erfahrung wissen die Meteorologin und ihre Kollegen: Hat sich so eine Wetterlage einmal eingestellt, ist sie meist sehr stabil.

So war das beispielsweise im Sommer 1976, als ganze 29 Tage hintereinander die Sonne knallte. Oder 1990, als die Deutschen unter brütender Hitze stöhnten und mancherorts Bürger und die Wasserwerfer der Polizei ausrückten, um siechende Straßenbäume zu gießen.

Und nun wieder ein Rekordsommer. Eine Laune der Natur? Für viele Klimaforscher sind die Wetterkapriolen der vergangenen Wochen kein Zufall. Passen sie doch bestens ins Bild, das die Experten vom atmosphärischen Geschehen auf unserem Planeten entwerfen. Ihren Szenarien und Modellrechnungen zufolge heizt sich die Lufthülle der Erde dramatisch auf - ein globaler Temperaturanstieg um bis zu 5,8 Grad in diesem Jahrhundert, aber auch die Verschiebung von Klimazonen und zahlreiche Turbulenzen wie Stürme und Wolkenbrüche sind die Folgen.

Und die Modelle sagen auch deutlich, wer schuld ist am Klimawandel: vor allem der Mensch, der durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) produziert. Zwar zweifeln Kritiker diese Schlussfolgerung immer wieder an und behaupten, in den Rechnungen seien beispielsweise Einflüsse der schwankenden Sonnenaktivität zu wenig berücksichtigt. Folglich sei die Erwärmung natürlich und werde wahrscheinlich deutlich harmloser ausfallen als prognostiziert. Doch bei allen Meinungsverschiedenheiten plädieren die meisten Wissenschaftler dafür, CO2 sicherheitshalber zu reduzieren - und sich auch auf lokaler Ebene auf die Folgen der Erwärmung einzustellen.

So müssten in betroffenen Regionen neue Deiche oder Bewässerungsanlagen gebaut, von den Landwirten andere Sorten angepflanzt werden. In Brandenburg schreiten die Behörden, aufgeschreckt durch eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung inzwischen zur Tat. Weil im Lande zukünftig mit weniger Niederschlag zu rechnen ist, wird der Grundwasserspiegel sinken - was ein guter Teil des gegenwärtigen Nadelbaumbestands nicht überleben dürfte. Deshalb baut die Forstwirtschaft derzeit verstärkt den deutlich resistenteren Mischwald an.

Dass es eine Erwärmung

der Erde bereits gibt, lässt sich inzwischen an zahlreichen Indizien festmachen. So taut in den Alpen der Permafrostboden auf. An steilen Hängen verliert das Gestein den Halt, Geröll und Hänge rutschen. Beispiel: der Felssturz am Matterhorn Mitte des Monats, als sich in 3400 Meter Höhe über 1000 Kubikmeter Gestein lösten.

Und die Gletscher im Gebirgsmassiv schrumpfen dramatisch. Wo sich vor 100 Jahren noch mächtige Eiszungen bis in die Täler schoben, sind heute nur noch kleine weiße Reste zu entdecken. In anderen Hochgebirgsregionen der Welt sieht es nicht besser aus. Selbst aus dem Norden Alaskas kommt die Hiobsbotschaft, dass der vormals ganzjährig gefrorene Erdboden weich wird und Häuser abzusinken drohen. Immerhin gelten die Polkappen der Arktis und Antarktis noch als relativ stabil.

Nicht nur die Winter sind milder geworden, auch der Frühling kommt immer früher. In England haben Botaniker festgestellt, dass die Pflanzen im Mittel 4,5 Tage eher als noch vor 40 Jahren blühen. Zudem kehren zahlreiche Zugvogelarten zeitiger im Jahr in unsere Breiten zurück. So werteten englische Ornithologen 74 000 Beobachtungsprotokolle seit den 70er Jahren aus. Ergebnis: Im Schnitt beginnen die Vögel ihr Brutgeschäft heute fast neun Tage früher als in den 70ern.

Für die Zukunft sagen die Modellrechnungen einen noch weitaus gravierenderen Wandel voraus. Einem Forschungsbericht des Jackson Environment Institute im englischen Norwich zufolge werden im südlichen Europa in den nächsten Jahrzehnten die Ernten mager, mehren sich verheerende Stürme und Sturmfluten an vielen Küsten. Schwärme von Sandmücken infizieren die Bewohner des Kontinents mit Parasiten. Auf den Gassen und Plätzen der Lagunenstadt Venedig wird, so die Studie, immer öfter das Hochwasser stehen. Und an den Mittelmeerstränden soll die Sonne so sengen, dass die Urlauber zu Nord- und Ostsee umbuchen dürften.

Eine neue Analyse der dänischen Klimaforscher Jens und Ole Christensen von der Universität Kopenhagen prognostiziert ebenfalls nichts Gutes: Die europäischen Sommer werden gegen Ende des Jahrhunderts noch deutlich trockener als heute sein, heißt es da, gleichzeitig aber sollen starke Regenfälle zunehmen - und die können schon mal bis zu fünf Tage dauern. Die Folge: Immer wieder Hochwasserkatastrophen, ähnliche Desaster wie in den vergangenen Jahren an Elbe, Rhein und Oder.

Am härtesten trifft es

ausgerechnet jene Teile der Erde, die mit ihrer geringen Treibhausgasproduktion das Klima am wenigsten beeinflussen: die Dritte Welt. In Asien droht der lebensspendende Monsun zu versiegen, und tropische und subtropische Regionen werden von verheerenden Dürren heimgesucht. Allein der Anstieg der Meeresspiegel gefährdet Millionen Menschen in dicht besiedelten Gebieten wie am Nil- und Ganges-Delta. Obendrein werden in vielen Ländern Südamerikas und Asiens die Trinkwasserreserven schrumpfen. Und Afrika wird noch schlimmere Hungersnöte durchleiden müssen.

Da kommt Europa vergleichsweise gut davon.

Horst Güntheroth
Mitarbeit: Frank Gerstenberg, Daniela Horvath

DPA