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Ozeaneum: Schaufenster ins Meer

Eine neue Attraktion lockt in die alte Hansestadt Stralsund: Das Ozeaneum bietet einen faszinierenden Mix aus Museum und Aquarium - und das vor allem mit Fischen aus Nord- und Ostsee.

Von Wolfgang Metzner

Und plötzlich sind sie da, aus dem Dunkel. Erst glitzernde Köpfe. Dann schimmernde Leiber, die in perfekter Harmonie in einen Lichtkegel gleiten, mit Flossen, die in den tanzenden Strahlen spielen. Hunderte von Heringen ziehen wie ein silberner Sternenhaufen durchs Wasser, das keine Grenzen zu haben scheint. Während der Schwarm über ein Walskelett treibt, steigt eine Goldbrasse aus der Tiefe herauf und kommt immer näher. "Hallo, schöner Fisch!", ruft ein kleines Mädchen mit Käppi und versucht, das Tier zu streicheln. Aber da sind die 28 Zentimeter Acryl, 22 Tonnen schwer, gut zehn Meter breit, fünf Meter hoch: was für ein Schaufenster ins Meer!

Mecklenburg-Vorpommern hat einen neuen Magneten. Das Ozeaneum in Stralsund mit seinem riesigen Schwarmfischbecken lockt jeden Tag Schwärme von großen und kleinen Menschen an. 300.000 Besucher waren seit der Eröffnung Mitte Juli schon hier. Manchmal stehen sie Schlange vor dem neuen Wahrzeichen der Stadt zwischen historischen Backsteinspeichern und der alten "Gorch Fock". Warten Stunden, bis sie endlich in das von Licht durchflutete Foyer gelangen. Fahren mit der längsten freischwebenden Rolltreppe Europas wie auf einer Achterbahn in die Höhe, um auf einen Abenteuertrip durch die düstere Unterwelt des Planeten zu gehen.

Gleich im ersten Raum, in dunklem Schwarzblau gehalten, lauert ein Ungeheuer aus der Tiefsee: ein Anglerfisch mit ekelhaftem Maul und peitschenartigem Organ auf dem Rücken - in einer Vitrine, angestrahlt von einem Spotlight. Wie dieses Monstrum sind auch die knallbunten Barsche, der Eissturmvogel aus der Arktis und die wundersamen Muscheln aus aller Welt nicht lebendig, sondern Präparate in Schaukästen, einige sogar aus Plastik. Macht nichts, kann man hier doch aus wenigen Zentimetern Entfernung einer zwei Meter langen Robbe auf der Jagd nach einer Flunder zuschauen.

Kinder drücken sich die Nasen platt

Vor allem die Kinder drücken sich in den Ausstellungsbereichen "Weltmeer" und "Ostsee" die Nasen platt an hell ausgeleuchteten Vitrinen, die ausgestopfte Seehunde und Fischotter haarfein und zum Begreifen nah zeigen, aber auch ganze Lebensräume wie eine Salzwiese mit Vogelnestern. Daneben erklären Leuchttafeln mit interaktiven Monitoren wissbegierigen Landratten, warum Dorsche grunzen, wie Schweinswale ihre Speise mit Echo-Ortung fangen oder wie Bismarckheringe ihren Namen bekamen.

Wenn man dann hinunter zu den Aquarien steigt, wird aus dem Science-Center eine Liveshow. "Wir wollen eine Story erzählen", sagt Ozeaneums-Chef Harald Benke, während er in einem schwarzen Gang an leuchtenden Becken vorbeiläuft, "der Besucher soll quasi in Stralsund ins Wasser springen und durch Ost- und Nordsee bis zum Polarmeer tauchen." Im ersten Bassin, dem "Hafen", liegt ein verrostetes Fahrrad zwischen zerbrochenen Ziegeln. Darunter schauen Aale neugierig hervor. Im "Bodden" lugen Flundern mit ihrer perfekten Tarnung neben einem Schiffswrack aus dem Kiesboden, während sich an der "Kreideküste" dralle Dorsche und schlanke Hornhechte tummeln. Und im "Kattegatt" kokettieren rote und blaue Lippfische vor einem jungen Fan, der vor der Scheibe kniet. "Fühlt sich an, als ob ich gleich ins Wasser fall."

Spektakulär der Glastunnel unter "Helgoland". Dort zischen Katzenhaie über die Köpfe der Besucher, und ein blauer Hummer kauert zwischen rötlichem Sandstein. Im Brandungsbecken krachen Brecher zwischen aufgeregte Wolfsbarsche, und dann steht man vor der Scheibe des Schwarmbeckens, die mehr als 50 Quadratmeter misst. Harald Benkes Highlight: der "Offene Atlantik", 2,6 Millionen Liter Wasser. Und eine Menge Herzblut.

"Wir mussten expandieren"

"Das Ganze hat schon vor über zehn Jahren angefangen", sagt der 53-jährige Walforscher, der 1995 aus Kiel kam, nachdem auf Hiddensee ein Entenwal gestrandet war. Benke blieb in Stralsund, wurde Direktor des Deutschen Meeresmuseums, früher das meistbesuchte Museum der DDR. Der neue Chef setzte auf Wachstum: "Wenn wir nicht bloß ein unbedeutendes Regionalmuseum bleiben wollten, mussten wir expandieren."

So entstand die Idee für einen neuen "Leuchtturm" zwischen der alten Backsteingotik, ein Top-Ten-Aquarium in Europa. "Wir haben gesagt, okay, wir zeigen hier nicht Korallen und Tropenfische wie alle anderen, sondern die kalten Meere", erzählt Benke. "Und dann wollten wir eine schöne Hülle für unseren Traum."

Elke Reichel, eine junge Architektin aus dem Stuttgarter Büro Behnisch, das schon das Münchner Olympiastadion gebaut hat, setzte sich in einem europaweiten Wettbewerb gegen 400 Konkurrenten durch. Ihre Vision: "Ein offenes Haus mit Licht und Luft zwischen mehreren Baukörpern, die an von Wasser umspülte Steine erinnern."

Traum vom Bilbao-Effekt

Aber wie sollte sich dieses kühne Gebäude in die Weltkulturerbe-Stadt aus dem Mittelalter mit ihren Kirchen, Klöstern und Kontoren einfügen? "Wir wollten keinen glitzernden Luxustempel", sagt die 33-Jährige, "sondern etwas Maritimes, mit Blechen aus einer Werft, die wie weiße, geblähte Segel aussehen." Das war den Landespolitikern nur recht: Sie gerieten ins Träumen vom "Bilbao-Effekt" - dem Lifting jener Aschenputtel-Stadt in Nordspanien, die US-Stararchitekt Frank Gehry durch das spektakuläre Guggenheim- Museum zu neuem Leben erweckte. Im Herbst 2005 wurden die ersten Grundpfeiler in die Hafeninsel aus dem 19. Jahrhundert gerammt. Bauherr Benke allerdings hatte noch viele schlaflose Nächte, bis die Stuttgarter Vision endgültig in Beton gegossen war.

Es kam zu Verzögerungen durch Tausende archäologische Funde in der Baugrube. Es gab Klagen bis hin zum Kartellamt von Firmen, die bei der Ausschreibung keine Aufträge bekommen hatten. Die Kosten sprengten den 50-Millionen- Euro-Etat, weil der Stahlpreis am Weltmarkt explodierte, sodass Bund und Land zu einem Zuschuss von zehn Millionen gedrängt werden mussten. Im vergangenen Winter lief dann auch noch das gesamte Technikgeschoss voll Wasser, nachdem ein Rohr geplatzt war.

Wenn Benke an den Eröffnungstermin im Juli zurückdenkt, wird er nachdenklich: "Schon sehr sportlich, was wir uns da vorgenommen hatten." Noch Ende Juni standen im Foyer und im Schwarmfischbecken hohe Stahlgerüste. Überall lärmten Baumaschinen. Arbeiter zerkloppten mit dem Vorschlaghammer die Elektroanschlüsse anderer Firmen, damit die keinen Strom mehr aus dem überlasteten Netz zapfen konnten. Das Boddenbecken lief aus, Kratzer und Baustaub mussten von den Scheiben poliert werden. Bis kurz vor der Eröffnung wurden die Treppen betoniert, weil Naturstein nicht rechtzeitig geliefert werden konnte. Noch immer hängen hier und da lose Elektrokabel aus nackten Betonwänden, und die Fischsammlung ist längst nicht komplett. Aber als am 11. Juli Angela Merkel zum Festakt kam, strahlte sie. Vielleicht auch, weil Stralsund ihr Wahlkreis ist.

Aufwendige Technik hält die Tiere am Leben

"Ein Wunder, was hier trotz aller Probleme entstanden ist", sagt Nicole Kube, während sie sich nasse Strähnen aus der Stirn streicht. Die Meeresbiologin ist gerade aus dem Stör-Becken gestiegen, wo sie eine Pumpe repariert hat. Im tropfenden Taucheranzug steht die 31-Jährige, Herrin über die Aquarien, in ihrem Reich zwischen Dutzenden Vorratsbecken, Hunderten Ventilen, kilometerlangen Rohren. Ohne die aufwendige Technik könnten die Fische und Schalentiere in den Schaubecken nicht existieren.

Ganze Batterien von Salzsäcken, 500 Kilogramm pro Stück, liegen im Untergeschoss bereit. Damit wird destilliertes Reinstwasser so versetzt, dass es Meerwasser entspricht. Rund 80 Tonnen Salz wurden allein gebraucht, um das Wasser für die erste Füllung des Schwarmfischbeckens anzumischen. Der nahe Strelasund ist für das Aquarium viel zu dreckig und keimhaltig.

Alle Schaubecken sind in Kreisläufen mit Reinigungsanlagen hinter den Kulissen verbunden, wo UV-Strahler Keime killen, Abschäumer das Wasser mit Luft durchkämmen und auch Biofilter das Ammonium und Nitrit unschädlich machen. "Sonst würden sich die Tiere mit ihren eigenen Ausscheidungen vergiften", sagt Nicole Kube. Sie weiß, wie empfindlich die Meeresbewohner sind. Schließlich war schon die Beschaffung schwierig genug.

Vorsichtiger Fischfang

Gerade die Heringe konnten nicht einfach per Schleppnetz gefangen werden. "Ein Kratzer oder eine verlorene Schuppe kann tödlich sein, weil sich auf die verletzte Stelle sofort Bakterien oder Pilze setzen", sagt die Wissenschaftlerin. Deswegen mussten die Fische beim Laichen mit Stellnetzen und Reusen gefangen und in Eimern mit Meerwasser abgeschöpft werden. Hummer, Seesterne und Seeigel wurden per Hand aus norwegischen Fjorden gesammelt, winzige Dorsche, Lachse und Heilbutte bei Aquakulturen im norwegischen Ålesund gekauft. Ein Rügener Spezialtransport ("Wir fahren sonst toten Fisch") karrte sie in gekühlten Tanks nach Stralsund, wo die schnell verderbliche Ware gleich in Quarantäne kam.

"Wir mussten aufpassen, dass wir keine Bakterien oder Viren einschleppen, und wir haben bisher nur wenige Tiere verloren", sagt Nicole Kube. Dennoch gab es beim Fischzug für das Ozeaneum auch Kollateralschäden: Heringe starben zu Dutzenden auf dem Transport.

Umso mehr achten die Aquarianer in Stralsund jetzt darauf, dass die Tiere in ihrer neuen Heimat sicher sind. "Man muss schon wissen, welche Fische man zusammen in ein Becken setzen kann", sagt die Biologin. Zum Beispiel endet es für kleine Dorsche oft tödlich, wenn große Artgenossen im selben Bottich einziehen. Trotz aller Sorgfalt lassen sich tragische Totalverluste in der Stralsunder Quarantäne nicht vermeiden. "Neulich hat ein Lengfisch einen Pollack gefressen", berichtet Kube, "der hat jetzt Einzelhaft." Auch dort wird er nicht Hunger leiden. Die Ozeaneumsbewohner erhalten "nur das Beste vom Besten": Seelachsfilet aus dem Atlantik, Garnelen aus Malaysia, Tintenfische aus Kalifornien - kiloweise Tiefkühlware, maulgerecht portioniert.

Gesänge der Meeressäuger

Ein Glück, dass die größten Tiere im neuen Haus so genügsam sind. Die "Riesen der Meere" im letzten Gebäude sind hohl: innen Stahlgerüst, außen Styropor. Aber wie das sattgrüne Seegras in den Aquarien, das ebenfalls aus Kunststoff ist, wirken sie völlig echt. Und überwältigend: Wer in der tiefseedunklen Halle nach oben schaut, hat 26 Meter Blauwal über sich. Darunter einen von Seepocken besetzten Buckelwal mit einem Kalb, größer als ein Kleinwagen. Einen mächtigen, schwarzweißen Orca, der nach Beute abtaucht. Und dazu die Gesänge der Meeressäuger, die von tiefen Tuba-Tönen bis zu hohen Klicklauten reichen. Große Oper an einem Ort, der fast wie eine Kathedrale wirkt.

Hier hat Harald Benke jetzt schon seinen Lieblingsplatz. Er liegt gern auf einer der geschwungenen Pritschen, die unter dem Blauwal zur Andacht einladen, und gerät ins Grübeln: "Wenn Sie hier liegen, begreifen Sie, was für ein winziger Teil der Schöpfung wir im Vergleich zu diesen Giganten doch sind."

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