STAMMZELLEN Ein Fuß in der Tür


Reicht die eingeschränkte Einfuhr embryonaler Stammzellen, oder folgt am Ende doch das Klonen? Der Bundestagsbeschluss lässt wichtige Fragen offen.

Dürfen deutsche Forscher jetzt schon Stammzellen importieren?

Der Bundestagsbeschluss sieht ein neues Gesetz vor. Bis es rechtskräftig wird, dürfte kaum ein Forscher wagen, jetzt schon zu importieren und den Bundestag zu brüskieren. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat ihre Förderung an das künftige Gesetz gebunden. Die Bundesregierung hofft, es bis zum Juni durchs Parlament bringen zu können. Doch Verzögerungen sind möglich. Abgeordnete und auch Kirchenvertreter, die jede Form von Embryonenforschung ablehnen, haben angedeutet, dass sie womöglich das Bundesverfassungsgericht anrufen werden, um einen Import von Stammzellen generell zu verhindern.

Warum müssen embryonale Stammzellen importiert werden?

Weil sie bislang aus etwa eine Woche alten Embryonen gewonnen werden, die dabei sterben. Das ist in Deutschland nach dem geltenden Embryonenschutzgesetz von 1990 verboten. Zudem ist es bei der Reagenzglas-Befruchtung nicht erlaubt, »Überschuss-Embryonen« einzufrieren, die von den Eltern später für die Forschung freigegeben werden könnten.

Aus welchen Ländern könnten die Zellen bezogen werden?

Nach einer Untersuchung der amerikanischen Regierung gab es Mitte vergangenen Jahres menschliche embryonale Stammzelllinien in Australien, Indien, Israel, Schweden und den USA. Denn dort ist die Forschung an embryonalen Stammzellen entweder schon sehr weitgehend erlaubt oder, wie in Frankreich, kurz vor der Genehmigung. Schon heute arbeiten deutsche Spitzenforscher einen Teil des Jahres an ausländischen Universitäten oder unterhalten Labors jenseits des Geltungsbereiches unserer Gesetze. So arbeitet der Bonner Forscher Oliver Brüstle bereits eng mit amerikanischen und israelischen Kollegen zusammen.

Würden die jetzt schon existierenden Zellen für die Forschung ausreichen?

Kaum. Zwar lassen sie sich fast beliebig vermehren, doch gibt es schwerwiegende Zweifel an ihrer Qualität. Da die Alleskönner auf Mäusezellen herangezüchtet werden, könnten die menschlichen Zellen mit Mäuseviren infiziert und damit unbrauchbar sein. Doch selbst wenn sie nicht verseucht sein sollten, bleiben Probleme. So scheinen selbst eingefrorene Stammzellen im Laufe der Zeit ihr ursprüngliches Wandlungspotenzial zu verlieren. Jedenfalls werden in den führenden Zentren bereits neue Zelllinien hergestellt.

Dürften die dann auch in Deutschland genutzt werden?

Nach dem jüngsten Beschluss des Bundestages nicht. Denn danach soll ein künftiges Gesetz einen Stichtag festlegen, der nicht nach dem 30. Januar, dem Tag der Debatte, liegen darf. Nur davor gewonnene Stammzelllinien dürfen demnach in deutschen Labors erforscht werden. Und auch das nur, wenn weitere Bedingungen erfüllt sind: Forscher müssen nachweisen, dass ihre Projekte »hochrangig«, ohne embryonale Stammzellen nicht durchführbar sind und von einer Zentralen Ethikkommission gebilligt wurden. Eine noch zu gründende Kontrollbehörde - vermutlich im Bundesgesundheitsministerium - muss jeden Einzelfall genehmigen und überwachen.

Warum sind Stammzellen für die Forscher überhaupt so interessant?

Weil sich zumindest die aus Embryonen gewonnenen Stammzellen zu allen der über 200 verschiedenen Gewebetypen unseres Körpers entwickeln können. Haben Forscher erst einmal herausgefunden, wie sich dieser Wandlungsprozess steuern lässt, steht ihnen vermutlich eine unerschöpfliche Nachschubquelle für kranke Gewebe und Organe zur Verfügung.

Könnten dann also alle Krankheiten geheilt werden?

Sicher nicht. Aber zumindest für die Transplantationsmedizin wäre es eine Revolution, könnte man im Labor nach Wunsch Gewebe und später vielleicht sogar einmal ganze Organe erzeugen. Der Bonner Wissenschaftler Oliver Brüstle, dessen Förderungsantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Stammzell-Debatte bei uns ausgelöst hat, will aus embryonalen Stammzellen neue Nervenzellen, etwa für Parkinson-Kranke, gewinnen. Herzmuskelzellen zählen ebenfalls zu viel versprechenden Kandidaten und könnten Infarktpatienten helfen. Erfolge gibt es auch bereits bei so genannten Pankreas-Inselzellen, die bei Diabetes eingesetzt werden könnten.

Gibt es Stammzellen nur in Embryonen?

So genannte adulte Stammzellen kommen auch beim erwachsenen Menschen vor, im Knochenmark etwa. Auch diese Zellen sind überraschend wandlungsfähig. So konnten aus ihnen zum Beispiel schon Nerven-, Leber- und Herzmuskelzellen entwickelt werden. Vor kurzem wurde bekannt, dass es amerikanischen Wissenschaftlern gelungen ist, aus Knochenmark adulte Stammzellen zu gewinnen, die embryonalen nicht nachstehen. Und ein anderes US-Team konnte Affen-Eizellen ohne Befruchtung zum Wachsen anregen - Parthenogenese heißt diese Methode, »jungfräuliche Zeugung« - und sogar Stammzellen aus einem ohne Samen gezeugten Embryo gewinnen.

Warum beschränken sich Forscher nicht auf die ethisch unbedenklichen Zellen?

Nach den bisherigen Erfahrungen sind adulte Stammzellen weniger wandlungsfähig als embryonale. Außerdem scheinen sie sich schlechter vermehren zu lassen, und sie altern mit dem Körper, aus dem sie kommen. Deshalb ist fraglich, ob sich aus adulten Stammzellen klinisch verwertbare Ersatzgewebe entwickeln lassen. Aber selbst wenn das möglich sein sollte, brauchen Forscher den Vergleich von adulten mit embryonalen Stammzellen, um verstehen zu können, wie sich aus den Vorläufern ein ganz bestimmter Gewebetyp entwickelt. Auch Tierversuche können Experimente mit Humanzellen nicht völlig ersetzen, da sich zum Beispiel Mäusestammzellen anders entwickeln als menschliche.

Wurden in Deutschland nicht schon Herzpatienten mit adulten Stammzellen behandelt?

In Düsseldorf und Rostock hat es 2001 solche Versuche gegeben. Doch viele Forscher hielten sie für verfrüht, weil noch keiner genau weiß, was die den Patienten injizierten Stammzellen eigentlich tun. Es besteht die Gefahr, dass sie sich nicht nur zu Herzzellen entwickeln und auch in andere Teile des Körpers wandern können.

Ist denn sicher, dass embryonale Stammzellen die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen werden?

Nein. Ihr einziger Vorteil gegenüber den adulten ist bisher, dass sie leichter gewonnen und besser weiterentwickelt werden können. Es gibt noch ungeklärte Risiken - die Entstehung von Tumoren zum Beispiel -, die dazu führen könnten, dass sich die großen medizinischen Hoffnungen überhaupt nicht erfüllen oder zumindest erst, wenn Nebenwirkungen beherrschbar werden.

Wann könnten Stammzelltherapien in die Kliniken kommen?

Bei der Behandlung von Leukämie werden adulte Stammzellen schon seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt. Wann allerdings die ersten Ersatzgewebe zur Verfügung stehen - und darum geht es jetzt -, kann derzeit niemand sagen. Optimisten rechnen mit fünf bis zehn Jahren. Zurückhaltendere Forscher glauben, es könnten noch Jahrzehnte vergehen, bis Stammzelltherapien zur Routine werden.

»Lebensschützer« haben gewarnt, die Freigabe der Forschung an embryonalen Stammzellen sei ein Einstieg ins Klonen. Stimmt das?

Diesen Zusammenhang gibt es tatsächlich. Um zu lernen, wie aus Stammzellen bestimmte Gewebe entstehen, reicht es, mit bestehenden Zelllinien zu arbeiten. Anders sieht das bei einem künftigen klinischen Einsatz aus. Sollen Ersatzgewebe für einen bestimmten Patienten passen, müssen sie genetisch mit dessen Erbgut identisch sein. Anderenfalls würde das Gewebe vom Immunsystem abgestoßen. Genetisch identischer Ersatz aber kann nur durch »therapeutisches Klonen« gezüchtet werden. Dabei würde das Erbgut eines Patienten aus einer normalen Körperzelle herausgenommen und in eine leere Eihülle eingepflanzt. So entsteht ein künstlicher Embryo, der im Labor zum Wachsen angeregt werden kann. Nach etwa einer Woche bildet sich dann eine winzige Hohlkugel mit embryonalen Stammzellen im Inneren. Nach heutigem Wissen könnte nur aus ihnen genetisch passendes Gewebe oder ganze Organe gezüchtet werden.

Frank Ochmann


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker