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Andreas Petzold: #DasMemo: Winterkorn hat ganz Deutschland beschädigt

Unter VW-Chef Marin Winterkorn muss eine Kultur des "Ja-Sagens" im Unternehmen geherrscht haben. Das muss sich dringend ändern. Denn der Schaden des Abgas-Skandals ist nicht nur für das Unternehmen immens.

VW-Chef Martin Winterkorn steht am Redepult und macht ein bedrücktes Gesicht

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn (Archivbild vom März 2014) hat nicht nur bei Volkswagen einen großen Schaden hinterlassen

Die Konsequenzen der VW-Abgas-Affäre sind auf Monate hinaus noch nicht absehbar. Aber eines steht fest: Das Fehlverhalten einzelner Manager im Wolfsburger Konzern löst eine Lawine aus, die am Ende tausende Arbeitsplätze in bedrohen wird. Auch die Mitarbeiter in hunderten Zulieferer-Betrieben werden jetzt abends mit ihren Familien im Wohnzimmer sitzen und sich ausmalen, dass Entlassungen oder Kurzarbeit drohen. Ebenso das Bild bei den VW-Töchtern Skoda ins Tschechien und Seat in Spanien. Wie viele Kunden künftig auch andere deutsche Autohersteller unter Generalverdacht stellen, werden erst die Verkaufszahlen in den kommenden Monaten zeigen. 2014 gingen allein in die USA deutsche Waren im Wert von 96 Milliarden Euro, in erster Linie aus der Autoindustrie, Tendenz steigend im ersten Halbjahr 2015.

Das verdeutlicht, was auf dem Spiel steht. Noch ist ungewiß, in wie weit der gesamte deutsche Exportmotor durch die VW Affäre seine Leistung drosseln muss. Der Image-Schaden ist jedenfalls beträchtlich, aus "Made in Germany" ist "Fake in Germany" geworden. Das dürfte viele Prozentpunkte Rendite kosten, denn Reputation ist auch eine ökonomische Größe. Image entsteht immer durch Kommunikation und Produktleistung. Diese beiden Komponenten hat VW nicht fahrlässig sondern vorsätzlich missbraucht gefälscht. Und das im Herzen eines Industrielandes, das wie kein anderes auf Ansehen, Transparenz, Integrität und auf Forschung & Entwicklung angewiesen ist, um die Wirtschaft wachsen zu lassen. Moralisch betrachtet handelt es sich um einen deutschen Totalschaden.

Befehl und Gehorsam

Noch bevor die Schuld einzelner Manager erwiesen ist, lässt sich schon eine Erkenntnis aus dem Desaster ziehen: der Mutterboden für diesen größten anzunehmenden Betriebsunfall war auch die diktatorische Unternehmenskultur bei VW, vorgelebt vom nun geschassten Chef . Seine unbestrittenen Erfolge in den vergangenen Jahren fußten auch - zugespitzt - auf dem System Befehl und Gehorsam. Aber auch Top-Manager arbeiten nicht fehlerlos, brauchen ein Korrektiv. Wenn sie nicht fähig sind zur Selbstkritik und die Ja-Sager-Mentalität ihrer Mitarbeiter als Loyalität missdeuten, kann es gefährlich werden, für Umsatz und Unternehmensimage gleichermaßen. Das zeigen in jüngster Zeit nicht nur der Fall VW sondern auch die Affären beim ADAC und der Deutschen Bank.

Überall steckt meist das mittlere Management in einem Dilemma, gemeint ist die so genannte Lehmschicht, die von morgens bis spät abends in den Konzernzentralen an ihrem Aufstieg arbeitet. Wenn der Abteilungsleiter merkt, dass sein Chef mal falsch liegt - soll er ihm das unter vier Augen sagen, eine Mail schreiben mit cc an seinen Stellvertreter oder besser doch die Klappe halten? Zu oft geschieht Letzteres - nichts. Wer will schon seine Beförderung riskieren, und vielleicht weiß es der Vorgesetzte wirklich besser! So bleibt Opportunismus dann doch der effektivste Karriere-Treiber. Aber gerade Großbetriebe und multinationale Konzerne brauchen Mitarbeiter, deren innerer Kompass auf das Feld "Anstand" gerichtet ist, so pathetisch das klingt. Denn dass Korruption, Betrügereien oder Missmanagement öffentlich werden, ist in der digitalen Welt ein permanentes Risiko, nur einen Klick entfernt. Das wurde in der etwas zu selbstgefälligen VW-Welt ignoriert. Zwar hat es schon vor Jahren VW-Angestellter vor dem Abgas-Betrug gewarnt. Doch die Information ist in irgendeiner Management-Ebene hängen geblieben. Ob sie es bis in den Vorstand geschafft hat, wird jetzt intern und von der Braunschweiger Staatsanwaltschaft geprüft.

VW braucht "Nein-Sager"

Der Frust in den VW-Büros dürfte jedenfalls überbordend sein. Während Compliance-Manager festlegen, bis zu welcher Wertgrenze Mitarbeiter Weihnachtsgeschenke annehmen dürfen, während an den Produktions-Straßen jeder Fehler noch oben gemeldet wird, was in den vergangenen Jahren zu erheblichen Produktivitätsgewinnen geführt hat, verstößt das Top-Management gegen Gesetze, ruiniert den Ruf der Marke und setzt tausende von Arbeitsplätzen aufs Spiel. Rückruf-Aktionen und Milliarden-Strafzahlungen werden nicht reichen, um diesen Schaden zu reparieren. Auch die Arbeitskultur innerhalb der Konzern-Bürokratie braucht offensichtlich eine Restrukturierung. Vielleicht tauchen demnächst überraschende Stellenanzeigen der VW-Personalabteilung auf: "Nein-Sager" gesucht!