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Andreas Petzold: #Das Memo: Jetzt wissen wir, was Donald Trump wirklich über die Ultrarechte denkt

Donald Trump hat Rassisten öffentlich verurteilt - aber mehr auf Druck der Presse als aus eigenem Antrieb. Bei seiner jüngsten Pressekonferenz sprudelte aus ihm heraus, was er wirklich nach den Ausschreitungen von Charlottesville empfindet. Und das ist wenig präsidial.

208 Tage nach Amtsantritt hat den Vereinigten Staaten am Dienstag einen Tiefschlag versetzt, von dem sich viele Amerikaner nicht so schnell erholen werden. Mit einer total aus dem Ruder gelaufenen Pressekonferenz brach ihr Präsident mit der Tradition, Rassismus als solchen zu benennen, sich dem Nationalsozialismus und faschistischen Bewegungen entgegen zu stellen und den Zusammenhalt der kulturell so facettenreichen Großmacht oben an zu stellen. Eigentlich wollte Trump vor allem sein Infrastrukturprogramm vorstellen, 200 Milliarden Dollar soll der Kongress genehmigen, damit Straßen und Brücken renoviert oder neu gebaut werden können. Trump entrollte einen fast zwei Meter langen Papierstreifen, auf dem die verschlungenen Genehmigungswege für Gebäude und Highways abgetragen waren. Das Procedere würde manchmal Jahrzehnte dauern, klagte er… Eine Show, die er auch im Wahlkampf schon abgezogen hatte.

Seine engsten Mitarbeiter hatten ihm vorab dringend geraten, keine Fragen der Journalisten zu beantworten - wohl schon in böser Vorahnung, was kommen würde. Doch dann musste Stabschef John Kelly mit verschränkten Armen, den Blick fremdschämend auf den Boden gesenkt, 15 Minuten mit anhören, wie das Infrakstruktur-Thema vollkommen unterging und sein Chef stattdessen den , dem Klu Klux Klan und der Alt-Right-Bewegung Absolution erteilte: Bei den Auseinandersetzungen in Charlottesville gebe es "Verschulden auf beiden Seiten", dann fügte er noch an, dass es unter den rechtsextremen Schlägern "sehr anständige Leute" gebe (mehr dazu hier).

In diesem Duktus ging es minutenlang weiter. Dass diese "sehr anständigen Leute" für die Überlegenheit der weißen Rasse kämpfen, hässliche antijüdische Parolen durch die Straßen brüllten und einen jungen Schwarzen in der Ausfahrt einer Tiefgarage fast zu Tode prügelten, scheint in Trumps Weltanschauung keine Rolle zu spielen.

Trump beugte sich nur dem öffentlichen Druck

Damit riss der Präsident ein, was seine Berater ihm zuvor mühselig abgerungen hatten. Zwei volle Tage nach den Ausschreitungen im US-Bundesstaat Virginia, bei dem eine 32-jährige Frau getötet und 35 Menschen verletzt wurden, war der Präsident nach öffentlichem Druck vor die Presse getreten und verlas ein Statement, in dem er die rechtsextremen Krawalle verurteilte. Gerade, präsidiale Sätze, die seine Berater formuliert hatten. Was der Präsident jedoch wirklich denkt, sprudelte dann am Dienstag unkontrolliert aus ihm heraus.

Er legte damit seinen inneren Kompass, der eindeutig nach rechts außen zeigt, ungefiltert offen: "Okay, was ist mit der 'Alt Left', die angegriffen hat, was ist mit der 'Alt Left', die die 'Alt Right', wie Sie sie nennen, attackierte? Zeigen die so was wie Schuldgefühle?" Es dauerte dann auch nur ein paar Minuten, bis David Duke, Chef des Klu Klux Klan, via Twitter die warmen Worte des Präsidenten lobte: "Danke Präsident Trump für ihre Ehrlichkeit und den Mut, die Wahrheit über zu sagen und die linken Terroristen zu verurteilen." Es ist offensichtlich: Der braune Schwarm, kein neues Phänomen in den USA, sieht sich ermuntert, wieder an die Oberfläche zu schwimmen. Weil Trump den politischen Konsens in Amerika, Faschismus und Rassismus zu bekämpfen, aufgekündigt hat.

Eigentlich ein Brüller, wenn es nicht so traurig wäre

Die Frage-Antwort-Schlacht mit den Reportern am Dienstag Nachmittag fuhr deshalb dem ganzen Land, aber vor allem den Republikanern in die Glieder. Auf die Frage, ob diejenigen, die er als "Alt Left" bezeichne, dasselbe seien wie Neonazis antwortete Trump: "Nicht alle diese Leute waren Neonazis, glauben Sie mir das. Die waren nicht alle Rassisten, auf keinen Fall." Es klang, als sei der Präsident die Sprechpuppe seines strategischen Chefberaters Steve Bannon, der den Alt-Right-Gruppen immer gerne unter die Arme greift.

Und natürlich wollten die Journalisten auch wissen, warum es denn zwei Tage gedauert hatte, bis er sich zu dem Teleprompter-Statement am Samstag durchgerungen hatte? "Bevor ich mich äußere, will ich die Fakten kennen. Ich habe nicht lange gewartet. Anders als die meisten Politiker wollte ich sicher sein, dass das, was ich sage, korrekt ist." Eigentlich ein Brüller, wenn es nicht so traurig wäre. Denn bekanntlich ist die Faktentreue des Präsidenten so selten wie ein Meteoriteneinschlag.

Die Hoffnung, dass dieser Präsident die Republikaner zu neuen politischen Erfolgen führt, schwindet jedenfalls in atemberaubendem Tempo. Seine Parteifreunde aus der einst ruhmreiche Grand Old Party äußern teils offen Kritik in Talkshows und in sozialen Medien, erste Absatzbewegungen sind erkennbar. Und der neu ernannte Stabschef General muss erkennen, dass auch er den milliardenschweren Casinobesitzer nicht einhegen und steuern kann. Die Inkompetenz, die Wahrnehmungsdefizite, der Realitätsverlust des 45. US-Präsidenten sind eine schwere Bürde für das Land, das durch die testosteronschwere, ungestüme Agitation dieses Politik-Novizen in tiefe innen- und außenpolitische Konflikte verwickelt wird.

Seine Auftritte beendet Trump üblicherweise mit den Worten "God bless America". Da kann man sich nur anschließen.

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