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Pressestimmen

Annegret Kramp-Karrenbauer: "Dieser Tag könnte den Übergang von der Ära Merkel in die Zukunft einleiten"

Annegret Kramp-Karrenbauers Wechsel nach Berlin könnte wie ein Abstieg wirken: von der Ministerpräsidentin zur Partei-Generalsekretärin. Gäbe es da nicht eine Frau, die die Karriereleiter genau so erklommen hat: Generalsekretärin. Parteichefin. Kanzlerin. Die Pressestimmen.

Frauen an der Macht: Annegret Kramp-Karrenbauer, bald CDU-Generalsekretärin und Angela Merkel, CDU-Parteichefin und Kanzlerin

Frauen an der Macht: Annegret Kramp-Karrenbauer, bald CDU-Generalsekretärin und Angela Merkel, CDU-Parteichefin und Kanzlerin

Die Personalie kam überraschend, aber in der CDU überzeugt sie offensichtlich viele: Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin des Saarlands, wird Generalsekretärin der CDU. Sie will die verunsicherte Partei erneuern. "Attacke kann ich auch", sagt die Frau, die viele nur "AKK" nennen, der Presse. Und: Selbst parteiinterne Kritiker von Angela Merkel zeigen sich glücklich mit der Entscheidung. Nationale wie internationale Presse sind mit den Vorschusslorbeeren etwas zurückhaltender. Ein Überblick.

"Münchner Merkur": Annegret Kramp-Karrenbauer ist die Wunschnachfolgerin der Kanzlerin und das letzte Aufgebot der Merkelianer - aber eines, das deren konservative Kritiker um Jens Spahn nicht unterschätzen sollten. Unprätentiös im Auftritt, unideologisch in ihrem Politikansatz, aber gesellschaftspolitisch kantiger als ihre Fördererin und unerschrocken: Das sind die Attribute, die die Saarländerin mitbringt, auch wenn sie mit ihren 55 Jahren nicht für die versprochene Verjüngung der Parteispitze steht. Immerhin: Eine Frau, die ihr Ministerpräsidentenamt aufgibt, um sich als Generalsekretärin auf das Wagnis Kampf um die Kanzlerkandidatur einzulassen, hat Schneid. Die Frage ist nur: Reicht das am Ende? Für den Bruch mit der Ära Merkel, den sich viele in der CDU wünschen, steht nicht Kramp-Karrenbauer, sondern der 37-jährige Spahn.

"Der Tagesspiegel": Gerade eine CDU, die sich im moderat-progressiven Sinne als sozial versteht, die sich rückbesinnt auf einen Konservativismus, der verändern will, um zu bewahren, kann allen anderen Parteien gefährlich werden. Den Grünen, weil jeder Schwarze in der Definition von Annegret Kramp-Karrenbauer auch Grün ist; den Liberalen, weil eine solche Politik Liberalität erfordert; der SPD, weil es ums Christsoziale geht. Insofern ist ihre Berufung eine strategische Entscheidung. Wenn sie das neue Amt ausfüllt, warten die nächsten auf sie. Naheliegend ist das der CDU-Vorsitzenden, und wenn die Kohl-Doktrin weiter gilt, dann auch das Amt der Kanzlerin. Angela Merkel denkt über sich selbst hinaus, und wieder ist die CDU der SPD voraus: die erste Kanzlerin, die erste Frau an der Parteispitze, das erste weibliche Führungsduo.

"Frankfurter Rundschau": Nach bisherigem Verständnis der Parteiorganisation ist Kramp-Karrenbauers Schritt nach Berlin ein Abstieg. Der Generalsekretär, das ist oder war vor allem der Statthalter der Parteichefs, als Wadlbeißer vom Dienst. Er war der, der an Landtagswahlabenden in Fernsehrunden diskutiert und ansonsten die Wahlkämpfe organisiert. Eine Bewährungsprobe für Jüngere, ein Durchgangsposten, bei dem bei einer Regierungspartei Höheres folgte: Generalsekretäre wurden Minister oder Fraktionschefs. Das andere Modell geriet in Vergessenheit: Angela Merkel war erst Ministerin, dann Generalsekretärin. Sie stieg von dort auf zur Parteichefin und dann zur Kanzlerin. Das Bewusstsein für Symbolik ist der Kanzlerin durchaus zuzutrauen. 

"Süddeutsche Zeitung": Der 19. Februar könnte als der Tag ins CDU-Geschichtsbuch eingehen, an dem die Partei den Übergang von der Ära Merkel in die Zukunft eingeleitet hat. [...] Jetzt bekommt die Partei aber wieder Luft zum selber Atmen. Kramp-Karrenbauer ist bei aller Freundschaft zu Merkel zu machtbewusst, um nur Aufträge auszuführen. Aber das muss sie auch sein, wenn sie dereinst tatsächlich den Vorsitz oder gar die Kanzlerschaft erreichen will. Als langjährige Regierungspartei brauche die CDU noch stärker als die Konkurrenz inhaltliche Debatten, hat Kramp-Karrenbauer jetzt erklärt. Diese Erkenntnis ist so wahr wie überfällig. 

"Stuttgarter Zeitung": Im Unterschied zur potenziellen Konkurrentin Ursula von der Leyen ist die Saarländerin in der CDU beliebt und gut vernetzt. Bevor aus Merkels Damenwahl jedoch ein realer Machtanspruch erwachsen kann, stehen der Parteigeneralin schwierige Manöver bevor. Sie muss das Selbstbild der Union renovieren, neuen Zusammenhalt organisieren, verstaubte Grundsätze ins 21. Jahrhundert übersetzen, das programmatische Vakuum füllen, das Merkel hinterlässt. 

"Leipziger Volkszeitung": Die Riege der grantelnden jungen Männer in der CDU um Jens Spahn scharrte in letzter Zeit eifrig mit den Hufen. Doch ungerührt entschied sich Merkel für eine leise, loyale Frau in ihrer Parteizentrale. Damit drückt Merkel ihrer Partei noch einmal kräftig ihren ganz eigenen Stempel auf, nach bereits 18 Jahren als Vorsitzende. Man kann das als Nachlassregelung verstehen. Es ist aber auch ein Vitalitätszeichen: Die Kanzlerin macht sich über den Tag hinaus Gedanken, nicht zuletzt über die Herausforderung von rechts. 

"Neue Zürcher Zeitung", Zürich: Als Generalsekretärin wird Kramp-Karrenbauer den Kurs ihrer Chefin verteidigen müssen. Zum Amt des Generalsekretärs gehören auch Attacken auf die politische Konkurrenz. Selbst Leute, die es gut mit ihr meinen, hegen Zweifel, ob AKK dafür den Schneid hat. Eigentlich passe sie nicht auf den Posten, sagt ein CDU-Insider. Noch am Sonntag seien andere Namen für das Amt kursiert. Der Merkel-kritische Staatssekretär Jens Spahn hätte die Abteilung Attacke besser ausfüllen können. Spahn beherrscht die Provokation, ist Social-Media-Profi und pariert selbst Angriffe unter der Gürtellinie souverän. Inhaltlich hätte Spahn das konservative Profil der CDU wieder sichtbar gemacht, Reibereien mit Merkel wären aber programmiert gewesen. AKK gilt hingegen als locker und unprätentiös. Aus Merkels Sicht ist sie die logische Wahl, zumal sie im Gegensatz zu Spahn und anderen Konkurrenten das Logenabzeichen der Wahlsiegerin trägt.

"The Times", London: Die Entscheidung für die bisherige Ministerpräsidentin des Saarlands deutet darauf hin, dass Angela Merkel versucht, ihr Vermächtnis der Modernisierung des inzwischen geschwächten Mitte-Rechts-Lagers zu bewahren. [...] Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass diese wiederbelebte Allianz der wichtigsten Parteien der politischen Mitte fortgesetzt wird, dass Merkel jedoch unter dem Druck der Konservativen rechtzeitig vor den Wahlen 2021 zurücktreten wird. Das ist dann der Moment, an dem Kramp-Karrenbauer aufsteigen könnte.

pg / DPA / AFP