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"Flüchtlingskrise" auf der Insel: Großbritannien redet Staatskrise herbei

Was ist los im Vereinigten Königreich? "Tausende" Flüchtlinge stürmen auf die Insel, rechte Politiker rufen schon nach der Armee. Der Ton wird unappetitlich - und steht im krassen Widerspruch zur Wirklichkeit.

Ein Kommentar von Michael Streck, London

Fluechtlinge in Calais

Ausgebüxt: Im französischen Calais entkommen Flüchtlinge der Polizei

In den britischen Zeitungen ist Krieg. "Schickt die Armee", ätzt die "Daily Mail" auf dem Titel. Und sie greift damit nur auf, was Nigel Farage, Boss der sehr rechten UKIP, soeben vorgeschlagen hat. Das britische Militär soll im gesetzlosen Calais auf der anderen Seite des Tunnels für Ordnung sorgen. Denn Schuld an der "migrant crises", so heißt das hier, sind nicht nur die Flüchtlinge. Sondern natürlich auch die Franzosen, wie die "Mail", das Fachblatt für Xenophobie, notiert. Französische Wohltätigkeitsorganisation helfen den Menschen nämlich mit Essen, Kleidung und Zelten. Statt sie - das steht da wirklich - mit Bulldozzern, Wasserwerfen und Wachhunden zu vertreiben.


Der Ton wird unappetitlich und das Klima nicht besser, wenn Premier David Cameron von einem "Immigranten-Schwarm" spricht, der sich übers Mittelmeer Richtung europäisches Festland bewege mit Ziel Großbritannien. Das ist kein metaphorischer Ausrutscher, das ist zynisch und vor allem: falsch. Er wurde dafür vom UN-Migrationsbeauftragten Peter Sutherland völlig zu Recht gerüffelt. Der Ire sprach: "Ehe wir über Armee und Zäune reden, sollten wir über die humanitäre Krise reden." Die britische Darstellung der Dinge sei maßlos übertrieben und im Kern fremdenfeindlich.

Erschütternd eindimensionale Sicht

Die britische Sicht der Dinge ist bis auf gemäßigte Medien wie die BBC und "Guardian" erschütternd eindimensional und insular. Die 3000 Flüchtlinge am Eurotunnel werden zu einer nationalen Bedrohung hochgejazzt. Die, noch mal, "Daily Mail" entblödete sich nicht zur der Frage: "Wir haben Hitler ferngehalten. Warum können unseren kraftlosen Politiker nicht ein paar tausend erschöpfte Flüchtlinge stoppen?"
Es sind ja nicht mal "ein paar Tausend". Es sind in Tat und Wahrheit einige hundert arme Kreaturen, die wieder und wieder versuchen auf Lastwagen zu springen oder, nicht minder lebensgefährlich, in den Tunnel vorzudringen. Der Boulevard macht hierzulande eine Staatskrise daraus. Und verschweigt die Fakten. Von den knapp 183.000 Flüchtlingen in diesem Jahr beantragten gerade mal 5 Prozent Asyl in Großbritannien. In Deutschland waren fast 33 Prozent, in Frankreich zehn. Griechenland und Italien nahmen jeweils fast 80.000 Flüchtlinge auf. Und das ist immer noch ein Klacks verglichen mit den rund zwei Millionen Menschen, die in der Türkei in Flüchtlingscamps hausen.

Boat People auflesen und in Italien wieder abgeben

Die britische Hilfe beschränkt sich, immerhin, auf den Einsatz der Royal Navy, deren Fregatten in humanitärer Mission im Mittelmeer kreuzen und  boat people an Bord nehmen, die sie dann in italienischen Häfen wieder abladen. Mission accomplished.
Das sind die Fakten, die die Briten nur dann erreichen, wenn sie die richtigen Zeitungen lesen oder die richtigen Nachrichten gucken und hören. Stimmen der Vernunft gehen in dem Orkan des billigen Populismus leicht unter. Und also dominieren Farage und seine geistigen Verbündeten den öffentlichen Diskurs, "schickt die Armee". Als seien die verzweifelten Afrikaner und Syrer und Iraker eine ähnliche Bedrohung wie einst die Luftwaffe. Das ist peinlich. Und das lässt nichts Gutes erahnen für die nächste große politische Debatte, die auf die Insel zurollt: das Referendum über Austritt oder Verbleib in der EU.
Nigel Farage läuft sich dafür schon warm an den Klippen von Dover.