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Taktik im Ukraine-Krieg "Totale Katastrophe für Russland": stern-Experte über die Folgen des Cherson-Rückzugs

Sehen Sie im Video: "Totale Katastrophe für Russland" – stern-Experte über die Folgen des Cherson-Rückzugs.














Gernot Kramper (stern) Also wenn man jetzt das große Bild nimmt, ist das eine totale Katastrophe für die Russen. Da gibt es gar nichts dran zu beschönigen. // Die Ukraine ist inzwischen bei der fünften Mobilisierungswelle angekommen. Das heißt, die besseren Rekruten sind in der Mobilisierungswelle eins, die zweibesten in der zwei, also es wird immer schwieriger. // Also, bevor man die Truppen in einer aussichtslosen Situation aufopfert, um Putins Ego zu befriedigen, wurden die Truppen zurückgenommen.


Hendrik Holdmann (stern) Nach wochenlangen Kämpfen hat Russland die Stadt Cherson aufgegeben. Die Ukraine kontrolliert die Stadt wieder. Wie katastrophal war der Rückzug aus Cherson für die Russen?


Gernot Kramper (stern) Also wenn man jetzt das große Bild nimmt, ist es eine totale Katastrophe für die Russen. Da gibt es gar nichts dran zu beschönigen. Das eine ist natürlich der politische Imageverlust für Putin. Man muss sich daran erinnern, dass diese Gebiete mit großem Pomp illegal annektiert worden sind. Das wurde praktisch zum Mutterland Russland erklärt. Nun muss es aufgegeben werden. Das ist natürlich eine politische und PR-Niederlage allerersten Ranges und da gibt es auch gar nichts dran zu deuteln. Das andere ist das: Mit den Gebieten auf der Westseite des Dneprs hatten die Russen immer eine Position, in der sie die Ukraine angreifen konnten und bedrohen konnten. Das haben sie dann aus Unfähigkeit nicht wirklich realisieren können. Aber die Potenz hatte dieser Brückenkopf ja und da musste die Ukraine auch extrem Vorsorge für treffen, dass die Russen nicht Richtung Norden oder Richtung Westen daraus ausbrechen können. Das ist alles nicht möglich. Also haben wir das aufgeben müssen. Also das ist militärisch ein Riesen-Verlust. Es ist von der PR ein Riesen-Verlust und es beschneidet ihre strategischen Möglichkeiten in dieser Gegend sehr stark. Nun sind sie auf die andere Seite zurückgezogen und dadurch das der Dnepr ist es ein relativ breiter Fluss. Die Brücken sind auch allesamt zerstört, so dass nicht damit zu rechnen ist, dass die Russen in absehbarer Zeit im großen Maßstab offensiv dort wieder werden können. Dass man in irgendeiner Kommandoaktion an diesem Flussufer mal Soldaten übersetzt und das eine oder andere in die Luft sprengt oder auch so einen PR-Erfolg hat, indem man ein paar Wachsoldaten gefangen nimmt oder erschießt. Das ist immer möglich, das kann man nicht ausschließen. Aber dass man in großem Maßstab schwer ausgerüstete Truppen dorthin überbringt, das sehe ich im Moment gar nicht. Also ganz klare, große Niederlage im großen Bild.


Hendrik Holdmann (stern) Trotz dieser großen Niederlage, die du gerade angesprochen hast, scheint es ja so, als sei Russland militärisch – zumindest was das Material und die Soldaten angeht – mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Wieso?


Gernot Kramper (stern) Ich möchte mal daran erinnern Nach der Ankündigung des Rückzuges haben ja viele westliche Experten, also auch in gedruckter Form hat man das gefunden, sind davon ausgegangen, dass Russland in einem großen Maßstab Truppen am westlichen Ufer zurücklassen muss. Die werden ja alle gefangengenommen worden früher oder später oder wären eingekesselt worden. Und da war praktisch von Tausenden von Soldaten die Rede. Und davon ist im Moment jedenfalls gar nichts zu sehen. Und die Ukraine würde das natürlich zeigen. Also wer würde sich das entgehen lassen, wenn er jetzt so Marschkolonnen mit Hunderten von Gefangenen zeigen könnte? Das würden beide Seiten natürlich sofort machen. Das sehen wir nicht. Es sind sehr vereinzelt Soldaten gefasst oder gefangen genommen worden. Es ist natürlich Material irgendwo liegen geblieben. Das ist dann irgendein voll beladener Raketenwerfer, von der Straße abgerutscht, der liegt dann da. Irgendein Hubschrauber konnte nicht weiter, so Zeug. Das ist aber alles in Anführungsstrichen Kleinkram. Wenn man davon ausgeht, dass da insgesamt mehrere 10.000 Mann an Truppen da waren. Also insofern ist es da auch relativ normal, dass du immer noch mal eine Garage mit Bazookas oder sowas findest. Aber im Großen und Ganzen haben die Russen ihr Material und ihre Soldaten wohl herüberbringen können. Wie ist das jetzt möglich? Einerseits sicherlich, weil der Rückzug länger geplant war, als er dann ausgeführt worden ist, also nicht chaotisch gemacht worden. Der neue Oberbefehlshaber hat ja auch relativ schnell oder bei Amtsantritt schon angekündigt, dass es schwere Entscheidungen geben würde. Und damit war ja der Rückzug aus diesem Brückenkopf gemeint. Und das andere ist, dass manches in diesem Krieg ist für uns ja schwer verständlich. Es gibt ja Absprachen. Wir haben ja auch gesehen, dass ukrainische Truppen sind nach Cherson einmarschiert, da laufen 200 Mann in einem Pulk über die Straße, dass auch mitten im Feuerbereich der Russen und unter Beobachtung ihrer Drohnen. Wie ist so etwas möglich? Gibt es da Absprachen? Das kann man nicht wirklich sagen. Aber ich möchte nun mal daran erinnern, dass auch während der Kämpfe ist es in diesem Krieg vollkommen normal, dass zwischen zwei, drei Dörfern schwer gekämpft wird und fünf Kilometer weiter ist ein Checkpoint, wo die Leute von einer Seite zur anderen fahren, um ihre Verwandten zu besuchen. Das ist ja auch nicht gerade unsere Vorstellung, wenn man sich jetzt an den Zweiten Weltkrieg erinnert oder an den Koreakrieg. Das sind ja vollkommen merkwürdige Dinge. Auch dass ununterbrochen Gefangene ausgetauscht werden. Also früher war das ja so: Wenn du gefangen genommen worden. War der Krieg ja eigentlich für dich zu Ende. Heute bist du ja mehr in so einer Rotation. Die Seite, die mehr Gefangene hat, hat natürlich Gefangene bei sich, aber die tauschen sie eins zu eins aus. Oder nach so einem Ranking-System, das dann ein Oberst mehr wert ist als ein Gefreiter. Aber mehr oder minder bist du praktisch, innerhalb von wenigen Wochen kannst du wieder auf der anderen Seite sein. Insofern würde ich Absprachen in diesem Rückzug nicht ausschließen, weil es sehr viel ungeklärte Bilder gibt. Um auf die Russen zurückzugehen: Auch wenn Ihr Rückzug geplant war, haben Sie in den letzten Tagen ja tausende von Soldaten über wenige Stunden bringen müssen. Und diese Brücken sind ja auch voll im Feuerbereich der Ukraine gewesen. Und offenbar ist das nicht so passiert, wie man sich das so aus dem Zweiten Weltkrieg vorstellen würde. Aber klar, Absprachen ist eine reine Spekulation, aber sonst finde ich es schwer erklärlich.


Hendrik Holdmann (stern) Eine Sache möchte ich noch mal verstehen: Die Stadt Cherson ist ja extrem wichtig. Strategisch, aber auch insgesamt war es eine Stadt, die sehr früh von Russland erobert wurde. Hat einen hohen Stellenwert gehabt als Eroberung für Russland. Was war denn jetzt eigentlich in den letzten Tagen oder Wochen das entscheidende Momentum, was Russland in Bedrängnis gebracht hat – oder so sehr in Bedrängnis gebracht hat, dass sie sich zurückziehen mussten?


Gernot Kramper (stern) Das ist nicht in den letzten Tagen passiert. Das ist ja praktisch im Spätsommer, Herbst schon passiert. Die Ukraine ist in der Lage gewesen, mithilfe der amerikanischen Waffen die Nachschubverbindung über diesen Fluss total zu kappen, die großen Straßen zu blockieren. Und dann gab es da Ponton-Brücken und Ähnliches. Man kann natürlich Boote übersetzen, aber du kriegst diesem Materialbedarf, den diese Art von Krieg, der stark auf Artillerie setzt, haben die Russen da offenbar nicht rüber gekriegt. Russische Blogger haben angegeben, dass praktisch nur 10 % des benötigten Materials bei der Truppe angekommen ist. Dazu haben die Ukrainer unabhängig von den Brücken auch noch Nachschublager und ähnliche Sachen sehr gezielt angegriffen. Weil sie eine bessere Aufklärung haben, weil ihnen die Amerikaner aus der Luft und aus dem All helfen, weil sie vermutlich am Boden Mitarbeiter haben, die diese Stellungen verraten und weil diese amerikanischen Waffen extrem präzise sind. Und im Prinzip machen die Russen Ähnliches auch. Die schießen natürlich auch auf Nachschublager der Ukraine, aber es fehlt ihnen eben da Smartheit dabei. Sie haben nicht genug smarte Waffen, sie haben nicht genug Aufklärung und so weiter und so fort. Also insofern ist dieser ganze Frontabschnitt auf der anderen Seite auf Dauer nicht haltbar gewesen. Das ist eigentlich schon, seitdem die Brücke gesprengt worden ist, klar. Und es war nur die Frage, wann die Russen daraus die Konsequenz ziehen. Vermutlich wegen der politischen Implikationen relativ spät, auch weil der Rückzug vorbereitet worden ist. Aber jetzt der neue Oberbefehlshaber hat praktisch das bei seinem Amtsantritt schon, zwar nicht direkt gesagt, aber doch sehr deutlich gemacht, dass dieser Brückenkopf aufgegeben werden muss.


Hendrik Holdmann (stern) Eine Person dürfte gerade besonders toben und schäumen vor Wut. Das ist Wladimir Putin. Was bedeutet der Verlust Chersons für Putin ganz persönlich?


Gernot Kramper (stern) Diese Gebiete sind eben mit einem riesen Pomp, mit einer riesen Aktion in das russische Staatsgebiet eingemeindet worden, also illegal annektiert. Aber sie wurden praktisch zum eigenen Land erklärt und damals hat man ja schon gespottet, oder ich habe damals gespottet, habe gesagt, das ist ja völlig absurd, mit so einer Zeremonie Gebiete einzuverleiben, die in der nächsten Woche schon wieder verloren gehen. Das hat jetzt etwas länger gedauert. Also der Imageverlust ist sehr groß. Aber man muss sagen, in Russland besteht natürlich eine Parallelwelt. Also das heißt, die haben eine sehr starke PR. Die sehen die Dinge grundsätzlich anders als wir und der Staatsfunk schafft da eine Parallelwelt. Man sieht ja an einzelnen Bloggern, dass Cherson vor vier Wochen noch war, dass die russische aller Städte überhaupt und jetzt ist das so ein Ukraine-Nazinest auf einmal. Das ist ja auch vollkommen irrsinnig von außen betrachtet. Aber auch wirre Propaganda verfängt ja zum Teil. Also das kann ich so nicht beurteilen. Aber natürlich ist das ein sehr, sehr schwerer Verlust. Aber ich glaube es wird aufgewogen, weil die meisten russischen Militärblogger, die sich ja auch in Russland sehr kritisch zum Kreml äußern, das ist ja nun nicht so, dass es das alles gar nicht gäbe, die den militärischen Wert des Rückzugs kennen. Also bevor man die Truppen in einer aussichtslosen Situation aufopfert, um Putins Ego zu befriedigen, wurden die Truppen zurückgenommen und das kommt bei den Militärexperten in Russland natürlich im Prinzip gut an, auch wenn das eine große Niederlage ist, eine große Demütigung für Putin ist der PR-Nachschlag in Russland nicht ganz so stark, weil die meisten erleichtert sind, dass diese notwendige Entscheidung getroffen wurde.


Hendrik Holdmann (stern) Russland hat ja in einer Generalmobilmachung viele 100.000 Soldaten rekrutiert. Haben die Russen noch die Kraft zu einer entscheidenden Bodenoffensive? Wie sieht es da aus?


Gernot Kramper (stern) Ja, da muss man klar sagen: Das haben Sie nicht. Dass Sie die Soldaten rekrutieren, ist ein wichtiger Punkt und kann Ihnen auch einen Vorteil bringen. Aber bislang ist den Russen ja nichts geglückt. Das muss man einfach mal so sagen. Wir gucken ja jedes Mal, um überlegen: Wo haben Sie noch eine Chance? Wo können Sie Druck auf die Ukraine aufbauen? Aber bislang sind sie bei allen Bodenoffensive extrem glücklos. Die Ukraine ist eben sehr viel eher in der Lage, ihre Truppen im beweglichen Gefecht zu führen. Sie haben eine bessere Kommunikation. Die Soldaten sind offenbar besser ausgebildet, jedenfalls die Angriffstruppen. Sie sind in der Lage auch smarter vorzugehen. Sie haben intelligentere Waffen und da kommen die Russen meiner Ansicht nach nicht mit. Vor allen Dingen nicht jetzt, wo ein guter Teil der eingesetzten Profisoldaten zu Beginn des Krieges ja tot ist oder verwundet ist oder jedenfalls ausgeschieden ist. Natürlich nicht alle, das waren ja ungefähr 300.000. Das wäre jetzt auch eine illusorische Annahme. Aber die eigentlichen, die besten Truppen des Kremls sind ja schwer abgenutzt. Deshalb würde ich darauf tippen, dass die Russen wurde aufgeben, sich in der Verteidigungsstellung für den Winter einzunehmen und zu versuchen, die so anzulegen, dass die Ukrainer nicht durchbrechen können, dass sie nicht in die Tiefe des Raumes kommen, dass sie ihnen nicht so etwas wie östlich von Charkow passiert. Und natürlich birgt der Angriff immer auch Gefahren, weil die Truppen im offenen Gelände sind und dass die Hoffnung der Russen, dass sie den Ukrainern schwere Verluste beibringen. Das ist ja überhaupt das Narrativ, das russische Narrativ. Das russische Narrativ kann nicht davon absehen, dass sie auf dem Boden nicht vorankommen oder nur unmerklich, und dass sie auf dem Boden große Verluste haben. Aber dafür erzählt Russland: Die Ukrainer verlieren aber sehr viel mehr Soldaten, und das kann sie nicht lange aushalten. Ob das jetzt stimmt, kann man bezweifeln. Aber ehrlich gesagt, können wir das auch nicht überprüfen. Ich möchte daran erinnern, dass gerade zu Beginn des Krieges sind bei uns auch vollkommen absurde Zahlen über die russischen Verluste und im Vergleich die ukrainischen Verluste kursiert. Wenn das so wäre, wäre der Grieche umgekehrt auch schon lange zu Ende. Das ist natürlich ein Narrativ, das erzählen alle gerne. Insbesondere ja. Wenn man jetzt ununterbrochen Städte erobert, musst du vielleicht nicht auf solche Tricks verfallen. Aber das ist das russische Kalkül. Und da helfen ihnen natürlich die mobilisierten Truppen und das sind jetzt 300.000. Da wird sich auch sehr über Fehler ausgelassen. Das ist auch alles richtig. Aber man muss auch sagen, das sind ja Leute, die im Großteil kurz vorher im Militärdienst waren. Also wer nach dem Kalten Krieg erlebt hat, da hat die Bundeswehr ja auch Reservisten, da war ehrlich gesagt auch die Idee, dass du zu den Sammelstellen gehst. Dann wird die Truppe zusammengestellt und du bist 14 Tage später im Gefecht. Und nicht die Idee: Jetzt wird erst einmal drei Monate nochmal Grundausbildung nachgeholt. Und ich finde, das lässt sich schwer beurteilen, weil bei diesen Mobilisierungen, insbesondere in Russland, kommt es natürlich dann immer zu so Sachen, dass 70-jährige eingezogen werden, dass es da irgendwelche Waffen gibt, die total ausgeleiert sind. Umgekehrt gibt es auch Videos, da kannst du sehen, wie jeder aus Sibirien eine Scharfschützen-Ausbildung machen. Und das sind dann eben definitiv gar keine Laien, die da auf die Ukrainer losgelassen werden. Was aber bleibt ist, dass das die Russen nach wie vor mit 300.000 Mann die Ukraine in Zugzwang bringen, was die Personalstärke angeht. Die Ukraine ist inzwischen bei der fünften Mobilisierungswelle angekommen. Das heißt, die besseren Rekruten sind in der Mobilisierungwelle eins, die zweitbesten in der zwei. Es wird immer schwieriger. Das heißt, es kommen immer schwieriger Leute nach. Und das kann man jetzt auch feiern oder propagandistisch verbrämen. Aber es gab in den letzten Wochen auch Videos von sehr, sehr jungen Soldaten und also bei aller Sympathie für die Ukraine und das ist ja auch richtig, dass sie das machen und die sind sicherlich auch alle 18, aber man denkt noch, die sind verdammt jung, in so einen Krieg geschickt zu werden. Und die Russen hingegen, solange das Volk nicht rebelliert, haben natürlich die Chance, immer mehr – noch mal 100.000 einzuziehen und noch mal 100.000. Die haben natürlich das wesentlich größere Potential, solange die Bevölkerung da mitzieht. Das ist sicherlich ein Kalkül, das sie haben, die Ukraine praktisch ausbluten zu lassen, selber Verteidigungsstellung einzunehmen und ihre Verluste durch Mobilisierung auszugleichen, während die Ukraine dort aus dem Westen ja nicht viel zu erwarten hat.


Hendrik Holdmann (stern) Der Krieg dauert jetzt schon mehr als 260 Tage an und man sieht, dass die Ukraine das fast Unmögliche geschafft hat nicht nur Stellung zu halten, sondern jetzt auch Geländegewinne verzeichnet. Welche Faktoren haben der Ukraine bislang die Oberhand gegeben?


Gernot Kramper (stern) Das kann man zuerst mal philosophisch betrachten. Clausewitz hat mal über den Feldzug Napoleons in Russland gesagt, dass er so oder so verloren war, solange die Regierung fest und das Volk treu bleibt und das gilt in gewisser Weise für die Ukraine auch. Die Region ist festgeblieben, hat extremen Widerstand geleistet, Selenskyj ist nicht geflohen. Die militärischen Führer haben nicht das Handtuch geworfen und die Bevölkerung ist in ihrem Kampfeswillen eher stärker geworden oder in ihrem antirussischen Gefühl, als es vor dem Einmarsch der Fall gewesen ist. Und Russland hingegen hat in dem Krieg einfach alles falsch gemacht. Seine ursprüngliche Überlegenheit an Material relativ schnell verspielt. Und zu später muss man sagen, hat den Ukrainern geholfen: der Kampfgeist. Damit sind ja auch die großen Krisen der Donbass-Offensive sind ja durch den Kampfgeist der Solaten zuerst aufgehalten worden. Lange bevor die Amerikaner und wir dann auch in kleinerem Maßstab und mit viel Artillerie und vor allem intelligente Artillerie-Munition geliefert haben, sind die Truppen nicht gebrochen, haben das durchgehalten und on the long run haben natürlich die Waffen aus dem Westen den Unterschied gemacht. Und zwar, weil sie schlauer und moderner sind als die russischen Waffen. Nicht alle russischen Waffen, aber die Russen haben diese Waffen eben nicht in dem Maßstab zur Verfügung. Der Kreml ist immer gut daran gewesen, irgendwelche Waffenentwicklung groß darzustellen, dafür PR zu machen. Aber das sind dann offenbar immer nur so 20, 30 Stück gewesen. Und die Amerikaner sind doch in der Lage, mit den Excalibur-Granaten oder mit den HIMARS-Werfern im großen Maßstab Munition nachzuführen. Und diese Waffen, die auf 50, 70 bis zu 200 Kilometer exakt treffen, bewirken eben mehr, als wenn man mit alter Munition aus dem Kalten Krieg ganze Felder umgräbt, wo man dann natürlich auch jemanden trifft. Aber die Wirkung ist dann doch der amerikanischen Waffen sehr viel größer. Und ich sage jetzt absichtlich die amerikanischen Waffen, weil die anderen verbündeten liefern diese Systeme wirklich nur in einem sehr kleinen Maßstab.


Hendrik Holdmann (stern) Kann Russland diesen Krieg überhaupt noch mit konventionellen Mitteln gewinnen?


Gernot Kramper (stern) Eigentlich nicht. Das muss man jetzt mal so sagen. Also die Russen sind von einer offensiven Strategie – also zuerst kühn vorstoßen, dann mit der Holzhammermethode im Donbass – sind sie in eine Verteidigungsstrategie übergegangen. Das heißt, sie spekulieren darauf, dass die Ukraine sich ausblutet beim Versuch, ihre Stellung einzunehmen. Das ist eine passive Strategie. Eine passive Strategie führt nie zum Sieg. Insbesondere muss man sagen, weil hinter der Ukraine steht das gesamte westliche Militär-Know-how, so dass man annehmen kann, dass auch gute Verteidigungsstellungen und die eigentlich unüberwindbar da stehen. Da wird es früher oder später einen Weg zu geben. Man muss auch sagen, auch wenn man Stellungen nicht einnehmen kann. Solange die Russen kein Mittel gegen solche Waffen wie die HIMARS-Werfer finden und die Amerikaner in der Lage sind, ununterbrochen Munition in die Ukraine zu bringen, werden die russischen Truppen auch in ausgezeichneten Stellung ununterbrochen abgenutzt dadurch, weil sie Treffer erleiden und Verluste haben. Das heißt, selbst eine Bunkerlinie wie im Ersten Weltkrieg, die kein Mensch durchbrechen kann, ist heute eben nicht mehr das, was es früher mal war. Weil die Drohnen kommen, weil intelligente Munition kommt und deine Soldaten, sobald sie nur einmal Essen gehen wollen, abgeschossen werden. Und insofern sehe ich da keine große Hoffnung. Russland – die werden immer mehr Leute nachführen. Vielleicht kommen sie durch irgendeinen Trick auch darauf, billige Drohnen zu bauen oder mehr ballistische Raketen aus Nordkorea zu kriegen. Aber sie werden dieses Ungleichgewicht, dass ihre Ausrüstung und ihre Ausbildung schlechter ist, natürlich nicht wenden können. Die Hoffnung der Russen liegt meiner Ansicht nach ganz klar in der strategischen Ermüdung der Ukraine. Dass sie praktisch solange durchhalten im Feld, bis das Land wirtschaftlich und sonstwie zusammenkollabiert. Und dazu dienen diese Attacken auf die Infrastruktur. Die Attacken auf die Infrastruktur führen ja dazu, dass das Land vor allen Dingen im Winter praktisch unbewohnbar wird. Im Zweiten Weltkrieg gab es auch Stromausfälle. Aber heute in einer Großstadt ist ohne Strom geht gar nichts mehr. Da gibt es keine Heizung, kein Wasser, kein gar nichts. Jetzt kann man natürlich versuchen, extrem kritische Infrastruktur gewissermaßen vom normalen Netz abzukoppeln und dann irgendwie mit Dieselgeneratoren oder so etwas zu versorgen. Dass im Krankenhaus noch was läuft, dass die Banken funktionieren, dass das Handynetz nicht zusammenbricht. Das wird die Ukraine sicherlich auch hinbekommen, weil sie, wie schon häufiger gesagt habe, natürlich auch westlichen Support haben, wie man so was macht. Aber die Fahrstühle und Heizung in allen Häusern in Kiew, das muss man sich immer vor Augen halten: Ohne Strom läuft keine Heizung. Und das ist natürlich anders als im Zweiten Weltkrieg, wo die Leute im Wesentlichen Ofenheizung und so etwas hatten. Das ist die Hoffnung der Russen, dass das Land dadurch zusammenbricht und dass der Finanzbedarf der Ukraine so groß wird, dass der Westen es nicht mehr zahlen will. Also, weil die Ukraine selber ist ja praktisch auf eine komplette Alimentierung aus dem Westen in irgendeiner Weise angewiesen, weil die Wirtschaft zusammenbricht, weil die Kriegslasten sehr groß sind. Das ist weit mehr als nur diese militärische Ausrüstung, da würde die Ukraine ja nichts bezahlen, sondern darüber hinaus, hat das Land eben auch einen großen Bedarf. Das ist die Hoffnung der Russen, da so eine Erschöpfung des Westens herbeizuführen.
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Nach wochenlangen Kämpfen hat Russland die Großstadt Cherson aufgegeben. Wie wichtig ist die Zurückeroberung für die Ukraine? Und was bedeutet die Niederlage für Putin persönlich? stern-Militärexperte Gernot Kramper ordnet aktuelle Entwicklungen im Russland-Ukraine-Krieg ein und erklärt, welche Faktoren der ukrainischen Armee im Moment besonders helfen.



 

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