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Wahlsieger Schwarz und Ex-Polizist – wie Eric Adams als Bürgermeister die Waffengewalt in New York bekämpfen will

Eric Adams
"Wir werden uns als Stadt nicht erholen, wenn wir die Zeit zurückdrehen", sagt Eric Adams
© Timothy A. Clary / AFP
Schießereien und Morde nehmen in New York deutlich zu. Auch deshalb hat Eric Adams den Job des nächsten Bürgermeisters so gut wie sicher. Mit seiner Doppelidentität als Schwarzer und Ex-Polizist will er gegen Rassismus und die steigende Waffengewalt kämpfen.

New York steht vor einem Wendepunkt. Die Corona-Pandemie ist vorerst besiegt, doch die nächste Krise hat die Stadt bereits fest im Griff: Seit letztem Jahr ist die Waffengewalt in New York so extrem gestiegen, dass Gouverneur Andrew Cuomo am Dienstag den "Katastrophennotfall" erklärte. Kurzum: Auf den neuen Bürgermeister von New York wartet eine Menge Arbeit. Und es sieht ganz danach aus, dass Brooklyns Stadtteil-Präsident Eric Adams das große Los gezogen hat.

Der Schwarze Ex-Polizist erklärte sich am Dienstagabend zum Sieger der demokratischen Vorwahl im Rennen um das Amt des Bürgermeisters von New York. "Ich bin arm in Brooklyn und Queens aufgewachsen. Ich trug eine kugelsichere Weste, um meine Nachbarn zu schützen. Ich diente meiner Gemeinde als Staatssenator und Brooklyns Stadtbezirkspräsident. Und ich fühle mich geehrt, der demokratische Kandidat für das Bürgermeisteramt der Stadt zu sein, die ich immer mein Zuhause genannt habe. Danke, New York!", schrieb Adams auf Twitter. Zuvor hatte ihn die US-Nachrichtenagentur AP nach Auszählung fast aller Stimmen zum Gewinner erklärt.

Schwarz, moderat, Ex-Polizist

Eric Adams gilt als moderater Demokrat. Im Wahlkampf hatte der 60-Jährige eine Balance zwischen seiner eher freundlichen Linie gegenüber der oft kritisierten Polizei und dem Kampf gegen strukturellen Rassismus versprochen. "Wir werden uns als Stadt nicht erholen, wenn wir die Zeit zurückdrehen und eine Zunahme der Gewalt sehen, insbesondere Waffengewalt", sagte Adams, nachdem mitten auf dem Times Square im Mai drei Menschen, darunter ein Vierjähriger, angeschossen wurden. "Wenn das Leben von Schwarzen wirklich zählt, kann es nicht nur gegen Polizeigewalt sein. Es muss gegen die Gewalt sein, die unsere Gemeinschaften auseinanderreißt", appellierte er an seine Unterstützer in der Wahlnacht.

Adams spricht häufig von seiner Doppelidentität als Schwarzer, der als Teenager selbst Polizeibrutalität erlebt hat, und von seinem eigenen Aufstieg zum Hauptkommissar. Im Alter von 15 Jahren sei er von Beamten geschlagen worden, erzählt Adams. 1984 ging er selbst zur Polizei und stieg über die Jahre bis zum Rang des Hauptkommissars auf. Während seiner Zeit bei der NYPD war er Mitbegründer von "100 Blacks in Law Enforcement Who Care", einer Gruppe, die sich für eine Reform der Strafjustiz und gegen Racial Profiling einsetzte.

2006 wechselte Adams in die Politik und sicherte sich einen Sitz im Senat von Brooklyn. Mit einer leidenschaftlichen Rede zur Befürwortung der gleichgeschlechtliche Ehe machte er 2009 bundesweit Schlagzeilen – zwei Jahre bevor das Gesetz in New York in Kraft trat. Während seiner politischen Laufbahn gab es auch einige Kontroversen, darunter einen Bericht des Generalinspektors, der seine Aufsicht über Casino-Glücksspiele in Queens kritisierte, nachdem Adams Wahlkampfspenden von einer mit dem Glücksspiel-Business eng verbundenen Gruppe angenommen hatte. Seit 2013 ist Adams Stadtteil-Präsident von Brooklyn.

Waffengewalt als Top-Wahlkampfthema

Die Bürgermeister-Wahl wurde als eine der kritischsten seit einer Generation angesehen. Zu Beginn beherrschte die wirtschaftliche Erholung sowie der Kampf gegen strukturellen Rassismus den Wahlkampf. Auch wenn sich New York langsam von der Coronakrise erholt, so wird das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen erst jetzt in Gänze sichtbar. Hinzu kommt, dass die Pandemie die langjährigen sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen weißen und schwarzen New Yorkern noch weiter verschärft hat. Zusätzlich sorgten die durch die "Black Lives Matter"-Proteste neu entfachten Reformforderungen in der Polizei für Zündstoff.

Doch durch den Anstieg an Schießereien und Morden rückten Kriminalität und die öffentliche Sicherheit immer mehr in den Vordergrund der Wählerinnen und Wähler. In dem bislang knappen Rennen konnte sich Eric Adams als Ex-Polizist plötzlich mehr Gehör verschaffen. Sein Hintergrund half ihm als glaubwürdiger Kandidat in Sachen Verbrechensbekämpfung und Eindämmung der Polizeigewalt aufzutreten. Er drängte auf schnelle und umfassende Maßnahmen zur Bekämpfung der Waffengewalt sowie den in Corona-Zeiten vermehrten rassistischen Angriffen – insbesondere gegen asiatische Amerikaner.

"Was Eric Adams ziemlich gut gesagt hat, ist, dass wir auf Gemeinschaften hören müssen, die sich Sorgen um die öffentliche Sicherheit machen, auch wenn wir in unserer Gesellschaft für kritische Reformen der Polizeiarbeit und Rassengerechtigkeit im weiteren Sinne kämpfen", sagte der Abgeordnete Sean Patrick Maloney, ein New Yorker Demokrat und Unterstützer von Adams.

Im ganzen Land war seit dem vergangenen Sommer ein starker Anstieg der Kriminalität verzeichnet worden. Allein in New York City zählten die Polizeibehörden für das gesamte Jahr 2020 mehr als 1500 Schießereien, wie die "New York Times" berichtete, und damit fast doppelt so viele wie 2019. "Wenn man sich die aktuellen Zahlen ansieht, sterben jetzt mehr Menschen an Waffengewalt und Verbrechen als an Covid", erklärte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo am Dienstag.

Knappes Rennen und Wahlchaos 

In der liberalen Hochburg New York gilt ein Sieger der Demokraten bei der Vorwahl auch als höchstwahrscheinlicher Gewinner der eigentlichen Wahl im November. Adams würde damit Bill de Blasio beerben, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten kann. Gleichzeitig wäre er erst der zweite Schwarze als Oberhaupt der Stadt. Die Republikanern hatten bereits im Juni den Gründer einer Bürgerinitiative für mehr Sicherheit auf den Straßen, Curtis Sliwa, als Kandidaten gewählt.

Die Auszählung bei der demokratischen Abstimmung vor zwei Wochen hatte wegen des komplizierten Wahlsystems lang gedauert. Zudem sorgte ein schwerer Auszählungsfehler für Chaos. Die Wahlbehörde verkündete vergangene Woche, dass versehentlich 135.000 Test-Stimmkarten mit einbezogen wurden. Dadurch war der Vorsprung des Favoriten Adams deutlich geschrumpft. Nachdem der falsche Zwischenstand zurückgenommen und aktualisiert wurde, liegt Adams nun mit einem Prozentpunkt – knapp 8500 Stimmen – vor Kathryn Garcia, der ehemaligen Beauftragten der Stadtreinigung.

Quellen: "New York Times", "Guardian", "AP", mit DPA


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