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"Schläfer": Tickende Zeitbomben

Sie leben getarnt unter uns - als seriöse Geschäftsleute oder brave Familienväter. Rund 50 arabische "Schläfer" sollen bereit sein, jederzeit in Deutschland zuzuschlagen.

Wenn man weiß, wer sie sind, ist es zu spät. Dann sind sie tot. Und haben getötet. Und niemand hat vorher auch nur eine Ahnung haben können. Sie werden "Schläfer" genannt. Es sind arabische Mudschaheddin ("Kämpfer für die Sache Allahs"), und sie leben mitten unter uns. Zwei Maximen bestimmen ihr Tun: "Bleib unauffällig" und "Bleib verschwiegen". Erst wenn das Signal ihres Anführers kommt, werden sie zu tödlichen Waffen. Dann ziehen sie los und reißen andere Menschen mit in den Tod.

"Schläfer" stellen die Ermittler vor nahezu unlösbare Probleme. "Es ist extrem schwer, an diese Leute heranzukommen", sagt Helmut Rannacher, oberster Verfassungsschützer in Baden-Württemberg. "Wir wissen eigentlich nichts über die", gibt ein hessischer Sicherheitsbeamter zu. Denn die tickenden Zeitbomben verkehren in geschlossenen Zirkeln, zu denen Nichtmuslime kaum Zutritt haben. "Normale Europäer kommen da gar nicht rein", sagt der Islamist Heribert Müller vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg, einer der besten Kenner der Szene.

Perfekte Organisation

Die Organisation der Mudschaheddin gilt in Sicherheitskreisen als perfekt. Die Männer haben in der Regel in Afghanistan oder Bosnien gekämpft oder in Pakistan eine militärisch-terroristische Ausbildung erhalten. Der Nachwuchs wird weltweit in radikal-islamistisch geprägten Moscheen oder bestimmten islamischen Vereinen rekrutiert. In Deutschland haben die Ermittler kleinere Moscheen in Mannheim, Freiburg und Hamburg im Visier.

Wer sich für die lange Ausbildung zum Selbstmörder - und damit für den angeblich direkten Weg zu Allah - entscheidet, wird über Jahre hinweg gezielt indoktriniert. Der Verfassungsschutz beobachtet eine Internetseite, auf der für den Dschihad, den "Heiligen Krieg", geworben wird. Sie bietet einen Vorgeschmack auf den Weg zum "Schläfer": Demnach "ist die militärische Ausbildung im Islam eine Verpflichtung eines jeden zurechnungsfähigen, männlichen und gereiften Muslims, ob in einem moslemischen Land oder in einem nicht moslemischen Land lebend". Unter Bezug auf einen Koranvers ("Und rüstet gegen sie auf, so viel ihr an Streitmacht und Schlachtrossen aufbieten könnt") heißt es, dass islamische Gelehrte den Ausdruck "Schlachtrösser" mit "jeglicher Form moderner Waffentechnik" übersetzen.

Alles über das Internet bestellbar

Mit Hilfe von Handbüchern der US-Army oder entsprechenden CD-Roms - alles über das Internet bestellbar - soll sich der zukünftige Dschihad-Kämpfer so unauffällig wie möglich ausbilden. "Der Muslim sollte weder öffentlich zeigen, dass er für den Dschihad trainiert, noch damit angeben oder bei anderen nach Ruhm oder gutem Ruf suchen." Mit Lauf- und Fitnesstraining soll sich der künftige Kämpfer stärken - aber auch dies möglichst allein. "Öffentliche Fitnesscenter sind im Allgemeinen unislamische Orte mit lauter Musik und unpassend gekleideten Frauen und Männern."

Weiter gefordert werden Kampfsport und der Umgang mit Handfeuerwaffen. Wer die Grundausbildung mit Bravour abgeschlossen hat, wird in die Ausbildungslager der Taliban im Norden Pakistans geschickt. Dort erhält er eine Nahkampfausbildung und eine islamistische Gehirnwäsche. "Diese Männer sind die Elite der Mudschaheddin", sagt Verfassungsschützer Müller.

In den alten Bundesländern, so Schätzungen aus Sicherheitskreisen, leben derzeit rund 50 "Schläfer". Als Geschäftsleute, als Angestellte, als Familienväter. Ganz normal. "Einen so auffälligen Bartträger wie bin Laden können Sie hier vergessen", sagt Müller. Aus dem Osten Deutschlands liegen bislang keine Erkenntnisse vor.

Kommunikation über Kuriere

Die Kommunikation innerhalb der Netzwerke erfolgt, so eine Arbeitsthese Müllers, über Kuriere. "Die wissen meist gar nicht, was sie transportieren, und sind somit kein Risiko." Die "Schläfer" seien allein für die abschließende Tat zuständig, sämtliche Vorarbeiten wie das Auskundschaften des Tatorts oder das Anmieten von Wohnungen übernähmen Dritte. "Da muss es nicht mal einen direkten Kontakt geben."

Nach den Anschlägen in den USA haben die Geheimdienste durchaus Sorge, dass die "Schläfer" in Deutschland aktiv werden könnten. "Unsere übliche Denkweise versagt bei Menschen, die es als göttliche Weisung verstehen, selbst in den Tod zu gehen und möglichst viele mitzunehmen", sagt Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU). Besonders an sensiblen Orten wie dem Frankfurter Flughafen oder auf großen Volksfesten befürchtet man Anschläge. Im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz werden bereits mögliche Szenarien ausgearbeitet.

Florian Gless, Rainer Nübel / Mitarbeit: Gerd Elendt / print