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16 Monate nach Militärputsch: Mali stimmt für Demokratie

Vieles liegt in Mali noch im Argen. Erst 16 Monate sind seit dem folgenschweren Militärputsch vergangen. Aber die Menschen gehen trotz Drohungen von Islamisten und Tuareg-Rebellen zu den Urnen.

"Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern", lautet ein afrikanisches Sprichwort. Das haben sich die Malier am Sonntag zu Herzen genommen.

In Massen hat die von Krisen, Islamisten und Armut gebeutelte Bevölkerung von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch gemacht, um den Wüstenstaat in eine bessere Zukunft zu lenken. Da konnten auch die Drohungen radikaler Dschihadisten nicht viel ausrichten, die Anschläge auf die Wahllokale im Norden angekündigt hatten. Mali hat gewählt - und sich mutig für Frieden und Freiheit entschieden.

Tausende Soldaten im Einsatz

"Dies ist ein schöner Tag für Mali", sagte die 24-Jährige Aminata Traoré nach der Stimmabgabe in einer Schule in der Hauptstadt Bamako. Schon am frühen Morgen waren zahlreiche Stimmberechtigte zu den Urnen geströmt - viele bereits Stunden, bevor die Lokale geöffnet wurden. "Alles ist gut organisiert und die Leute sind bester Laune."

Das war lange Zeit nicht so. Seit einem Militärputsch im März 2012 war das westafrikanische Land von einer Krise in die nächste geschlittert. Besonders schlimm traf es die Bürger im unwegsamen Norden, die monatelang unter der Schreckensherrschaft radikaler Islamisten zu leiden hatten. Sogar die fröhliche Musik von Malis weltbekannten Künstlern wie Ali Farka Touré und Salif Keita wurde von den Islamisten verboten, nur noch Koranverse waren erlaubt.

Seit die Franzosen als ehemalige Kolonialmacht im Januar in die Region einmarschiert waren, haben die Islamisten ihre Macht über Mali verloren. Dennoch lassen sie weiter die Muskeln spielen und verüben immer wieder Anschläge. Noch am Samstag versuchte die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao) die Bürger einzuschüchtern und drohte mit Anschlägen auf Wahllokale.

Tausende afrikanische und französische Soldaten waren im Einsatz, um genau das zu verhindern. Die Menschen scheinen Vertrauen in das Militär zu haben, denn auch in den zuvor von den Rebellen besetzten Städten Gao und Timbuktu ließen sich die Wähler nicht einschüchtern.

Tuareg hindern Bürger an Wahlgang

"Wir haben noch nie so viel Begeisterung an den Urnen gesehen", sagte Übergangspräsident Diouncounda Traoré, der seit April 2012 im Amt ist, nach der Stimmabgabe. Er selbst stellte sich nicht zur Wahl. "Dies sind nicht die ersten Wahlen in meinem Leben, aber es sind die ersten, an denen ich teilnehme", erklärte eine junge Wählerin. "Ich denke, der Kandidat, für den ich mich entscheiden habe, ist in der Lage, das Volk zu vertreten."

Die einzige Stadt, die noch ganz konkret unter den Nachwirkungen des Putsches leidet, ist Kidal. Dort haben weiter separatistische Tuareg-Rebellen das Sagen, die den Nordteil des Landes abspalten und dort den Staat Azawad ausrufen wollen. Die Tuareg-Organisation MNLA war bis zuletzt brutal vorgegangen, um die Bürger von den Urnen fernzuhalten.

So wurden nicht nur fünf Wahlhelfer und der Vize-Bürgermeister kurzzeitig entführt, sondern auch Einwohner getötet, weil sie angeblich regierungsfreundlich eingestellt waren. Auch am Sonntag kam es zu Provokationen. "MNLA-Rebellen sind mit Motorrädern und Autos in Wahllokale eingedrungen und haben dort die Flagge von Azawad geschwenkt", berichtete ein malischer Militärsprecher. In der Nähe des Flughafens wurde zudem ein Kamelrennen organisiert, um die Menschen von der Wahl abzulenken. Gewalt gab es aber nicht.

27 Kandidaten für das Präsidentenamt

Nach dem, was Mali durchgemacht hat, war es fast unmöglich, innerhalb so kurzer Zeit freie und faire Wahlen zu organisieren. Beobachter lobten die Arbeit der Verantwortlichen, die alles getan hätten, um die Abstimmung trotz der Missstände und Probleme auf die Beine zu stellen. Dennoch bekamen Hunderttausende Flüchtlinge, die nicht nur innerhalb Malis, sondern auch in den Nachbarländern in Camps leben, keine Urne zu Gesicht. Für viele Kritiker war dies der wundeste Punkt der Wahl.

Wer auch immer das Land demnächst regieren wird, er hat eine Herkulesaufgabe vor sich. Dass sich dennoch 27 Kandidaten - darunter auch eine Frau - um dieses mühsame Amt bewarben, ist ein Zeichen für den unbezähmbaren Wunsch nach einem Neubeginn. Die Richtung hat das Volk vorgegeben und es ist dabei einer anderen afrikanischen Weisheit gefolgt: "Nach dem Takt, den man trommelt, wird auch getanzt." Die Musik hat Mali schon wieder, jetzt muss die Politik folgen.

Carola Frentzen, DPA / DPA