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20 Jahre GAU von Tschernobyl Sergeij, das Auge des Sarkophags


20 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl arbeiten in dem Atomkraftwerk noch 3800 Menschen. Sergeij Koschelew ist einer von ihnen. Er setzt sich mehr Strahlung aus als jeder andere und sagt, er sei süchtig danach.
Aus der Ukraine berichtet Andreas Albes

Seine Kollegen nennen Sergeij Koschelew den Stalker. 1989 war er zum ersten Mal im Inneren des Sarkophags, jener brüchigen Hülle aus Beton, Blei und Stahl, die um den explodierten Reaktor gebaut wurde und in der noch heute Strahlenwerte von 3400 Röntgen pro Stunde herrschen. Man hatte Sergeij eine Video-Kamera in die Hand gedrückt und gesagt, er solle die Reparaturarbeiten filmen. Seitdem war er fast jede Woche drin. Manchmal einmal, nicht selten zweimal. In Tschernobyl gibt es niemanden, der den Sarkophag öfter betreten hat als er. "Der Sarkophag zieht mich magisch an", sagt Sergeij. "Er ist für mich wie Doping. Eine Droge."

Sergeij wird bald 43. Dass er stottert, ist ein Sprachfehler seit seiner Kindheit. Dass er eine Brille mit minus fünf Dioptrien trägt, liegt jedoch an der Strahlung; sie greift die Augen an. Und dass ihm bereits sechs Zähne ausgefallen sind, kommt daher, dass sein Körper durch die Radioaktivität Kalzium verliert. Außerdem ist seine Schilddrüse ständig geschwollen; aber das Problem haben alle, die in Tschernobyl arbeiten. Im Großen und Ganzen, so Sergeij, hätten die jährlichen ärztlichen Untersuchungen bei ihm noch keinen ernsthaften Befund ergeben.

Wenn er die nächsten sieben Jahre überlebt, kann er in Pension gehen. Die Altersgrenze für männliche Tschernobyl-Mitarbeiter liegt bei 50 Jahren, die für weibliche bei 45. Jedem stehen 56 Tage Urlaub zu, und die Gehälter übersteigen die 150 Euro Durchschnittslohn in der Ukraine um das Vier- bis Fünffache.

Temperaturen bis 1000 Grad

Das war damals, 1986, als nach der Katastrophe neues Personal für das Lenin-Kraftwerk (so der offizielle Name) gesucht wurde, für die meisten das Hauptargument einen der Jobs anzunehmen. Zudem teilte die Sowjetmacht jeder Familie eine moderne Plattenbau-Wohnung in der neu aus dem Boden gestampften Arbeiterstadt Slawutitsch zu. Es wurden Kindergärten, Schulen, Konzerthallen, Schwimmbäder und Diskotheken gebaut, um dem Arbeitsplatz den Schrecken zu nehmen.

Der Fallout nach dem Reaktor-GAU hatte 400-mal mehr Radioaktivität freigesetzt als die Hiroshima-Bombe. In der nördlichen Ukraine und Weißrussland wurde eine Fläche von 142.000 Quadratmetern radioaktiv verseucht. Der Reaktor brannte zehn Tage lang; in seinem Inneren herrschten Temperaturen von 1000 Grad. Die Menschen, die ihn zu löschen versuchten, nannte man Bioroboter, weil sie auch da noch arbeiteten, wo Maschinen längst versagten. 30 starben am Ort der Katastrophe, Hunderte erkrankten später an Krebs.

Risse und Löcher

Sergeij Koschelew lebte Sankt Petersburg, als Tschernobyl explodierte. Seine Frau hatte ihn hatte gerade verlassen, worunter er sehr litt. Er wollte einen Neuanfang. Da sagte jemand zu ihm: "Mensch, du hast doch am technischen Institut studiert. In Tschernobyl suchen sie solche wie dich." 1987, im Frühjahr, zog er um; und er hat es nie bereut. Er lernte seine zweite Frau kennen, die in Tschernobyl in der Finanzabteilung arbeitet. Die beiden haben eine 11-jährige Tochter.

Seit 17 Jahren ist Sergeij nun Video-Operator. Seine Aufgabe besteht darin, jeden Monat einen Report zu erstellen über den Zustand des Sarkophags, der nach der Katastrophe in nur sechs Monaten erbaut wurde. Wenn Sergeij hinein geht, trägt er Mundschutz und einen Strahlenschutzanzug aus Plastik. Viel wichtiger aber sei der Helm, sagt er, weil einem schon mal Stücke aus der Decke auf dem Kopf fallen. Frost, Regen und Schmelzwasser setzen dem Sarkophag heftig zu. Das Schlimmste aber: Die tragende Basis der Konstruktion sind die Wände des explodierten Reaktors - und die geben unter dem Gewicht von 2000 Tonnen immer mehr nach.

Sergeijs Videoaufzeichnungen haben ergeben, dass alle Löcher und Risse im Sarkophag eine Gesamtfläche von 100 Quadratmetern ausmachen.

Strahlen riechen "frisch"

Die Arbeitszeit der Monteure, die permanent damit beschäftigt sind, die undichten Stellen zu flicken, Träger zu verschweißen oder Dränagen zu legen, richtet sich nach der Strahlung. Oft dürfen sie nicht länger als zehn, 15 Minuten im Sarkophag bleiben. Sergeij hängt meistens noch eine Weile dran. Auf den Videos ist dann das wilde Piepen seines Dosometers zu hören, das längst eine Überdosis Radioaktivität anzeigt, und auf den Bildern seiner Digitalkamera sieht man lauter weiße Punkte, wie Schnee, auch das kommt von der Strahlung.

"Im Sarkophag ist es wie in einem Minenfeld", erklärt Sergeij. "Man muss genau darauf achten, wo man hintritt." Für ihn haben die kurzen Momente etwas Romantisches. Den bizarren Formen, die die geschmolzenen Brennstäbe angenommen haben, hat er Namen gegeben. Elefantenfuß zum Beispiel für einen kreisrunden, einen Meter hohen Block gleich rechts neben dem explodierten Reaktor.

Manche Tschernobyl-Arbeiter behaupten, dass sie sofort spüren, wenn sie eine zu hohe Strahlendosis abbekommen: plötzliches Kopfweh, Brennen unter den Fußsohlen, ein Ziehen im rechten Hoden. Sergeij meint, man könne die Radioaktivität riechen. "Es ist ein frischer Geruch. Wie nach einem Gewitter."

650 Millionen Euro für die "Arche"

Rund 200 Tonnen radioaktives Material sind unter dem Sarkophag begraben. Sollte er zusammenbrechen, würde eine nukleare Staubwolke freigesetzt. Seit Jahren wird deshalb diskutiert, eine gewölbte Halle, größer als ein Fußballfeld und höher als die Freiheitsstaue, zu bauen und auf Schienen über die alte, rostige Konstruktion schieben. 650 Millionen Euro soll das Projekt mit dem Namen Arche kosten. Es wäre die größte bewegliche Halle der Welt.

"Die einzige Lösung", sagt Sergeij. "Denn die Frage ist nicht, ob der Sarkophag einstürzt, sondern nur wann." Außerdem sei der Bau wichtig, damit in der Region wieder Arbeitsplätze geschaffen würden. Seit die Reaktorblöcke 1 und 2 im Dezember 2000 vom Netz gegangen sind und Tschernobyl keinen Strom mehr liefert, verloren von 12.000 Angestellten 8200 ihren Job. Tschernobyl war für die meisten mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es war eine Familie, eine verschworene Gemeinschaft - ein Club von Todgeweihten, die die Gefahr ignorieren.

Heiße Tränen

Sieben enge Kollegen hat Sergeij in den vergangenen Jahren verloren; die meisten in seinem Alter. Aber er ist überzeugt: "Das hat nichts mit der Radioaktivität zu tun." Der eine habe sich mit selbst gebranntem Wodka vergiftet, weil er, wie so viele in Tschernobyl, glaubte, dass Wodka gegen die Strahlung hilft. Ein anderer erlag seinem Lungenkrebs; aber der habe Zigaretten ohne Filter geraucht. Und die übrigen starben an Hirnschlag oder Herzinfarkt. "Außerdem", so Sergeij, "gibt es eben Leute, deren Körper sich der Strahlung angepasst hat. So wie meiner zum Beispiel."

Manchmal, wenn er nach Hause kommt, schlägt der Zeiger seines Geigerzählers so aus, dass ihm seine Frau die Haut mit Alkohol vom radioaktiven Dreck reinigen muss. Er hebt die Achseln. "Am Anfang habe ich dabei oft gespürt, wie ihre heißen Tränen auf meinen Rücken tropften. Aber sie hat sich längst daran gewöhnt. Sie weiß eben, Tschernobyl ist mein Schicksal."

Lesen Sie im neuen stern die Rekonstruktion der Katstrophe von Tschernobyl: Die Fehler, die Explosion, die Aufräumarbeiten, die Schicksale. Große Infografiken veranschaulichen die Kette fataler Fehlentscheidungen in der Nacht zum 26. April 1986, durch die mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als durch 100 Hiroshima-Bomben.


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