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Fragen und Antworten zum Bomber-Abschuss Darf ein fremder Jet im eigenen Luftraum einfach abgeschossen werden?


Kann ein Pilot fremden Luftraum versehentlich verletzen? Und darf ein fremder Jet im eigenen Luftraum einfach abgeschossen werden? Viele Fragen zum Abschuss des russischen Militärfliegers über der Türkei sind noch nicht geklärt.

Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Militäreinsatzes in Syrien wurde ein Armeeflugzeug des Landes abgeschossen. Dass der Abschuss von einem Nato-Land ausging, bringt besondere Brisanz in den Fall. Viele Fragen sind noch nicht geklärt, auch nicht, ob die beiden Insassen des Flugzeugs sich mit dem Fallschirm aus dem brennenden Jet retten konnten. Die russische Regierung gibt an, der Pilot habe überlebt und sei in Sicherheit gebracht worden. 

Kann ein Pilot fremden Luftraum versehentlich verletzen? 

Nur theoretisch - wahrscheinlich ist das laut Sprechern der Nato und der Bundeswehr eher nicht. Grundsätzlich verfügen sämtliche Flugzeuge über GPS oder ähnliche Systeme. Das Modell des abgeschossenen russischen Jagdbombers des Typs Su-24 "Fencer" ist zwar bereits knapp 30 Jahre alt. Dennoch sind sie mit Navigationssystemen samt Ortungssystem (in diesem Fall mit dem russischen GPS-Äquivalent Glonass) ausgestattet, die dem Piloten jederzeit anzeigen, wo er sich gerade befindet. Die Fliegerinsassen sollten also durchaus Bescheid gewusst haben.

Dennoch ist weder bei kleinen Cessnas noch bei schnellen Militärjets jemals ganz auszuschließen, dass sie unbeabsichtigt für kurze Zeit in gesperrte Lufträume eindringen. Im konkreten Fall soll der russische Jet bloß etwa drei Kilometer weit über die Grenze geflogen sein - eine Strecke, für die der Jet bloß zehn bis 15 Sekunden benötigt.

Kann eine Warnung überhört werden? 

Bevor auf ein fremdes Flugobjekt geschossen wird, wird grundsätzlich mindestens eine Warnung gesendet, insbesondere dann, wenn das Flugzeug den Luftraum in Friedenszeiten überschreitet. Wie viele Warnungen notwendig beziehungsweise angebracht sind, scheint eine Ermessensfrage zu sein. Ein Regelwerk scheint es diesbezüglich nicht zu geben.

Funksprüche, die der Warnung dienen, werden in einem solchen Fall über eine Notruffrequenz gesendet. Diese muss jeder Pilot abhören, ob er nun militärisch oder zivil in der Luft unterwegs ist. Im konkreten Fall hätte der Pilot zehn Warnungen innerhalb von fünf Minuten überhören müssen.

Wie ist ein eigenes von einem fremden Flugzeug in der Luft zu unterscheiden?

Flugzeuge haben in der Regel sogenannte Transponder an Bord. Das sind automatische Signalgeber, die beim Abtasten durch Radarstrahlen Angaben zum Flugzeug, seinen Kurs, der Geschwindigkeit und seinem Kennzeichen machen. Bei Militärflugzeugen gibt es zusätzlich sogenannte IFF-Signalgeber. Zur Identifizierung von Freund oder Feind senden sie bestimmte Signale, die verschlüsselt oder unverschlüsselt Hinweise auf die Art der Mission des jeweiligen Kampfflugzeugs geben.  

Wie werden Grenzen in Krisengebieten geschützt?

In etlichen Weltregionen haben Staaten Luftraumüberwachungszonen entlang ihrer Grenzen eingerichtet, zum Beispiel China, Südkorea oder die USA. Solche Zonen haben die Funktion eines Frühwarnsystems, der Einflug ist nur unter ganz bestimmten Auflagen erlaubt. Eine sogenannte Air Defense Identification Zone (ADIZ) war bis zum Fall der Mauer in Deutschland jedem Piloten bekannt. Sie verlief entlang der deutsch-deutschen Grenze. Flugplätze wie Lübeck, die nur wenige Flugminuten vom Todesstreifen entfernt lagen, konnten erst nach bestimmten Flugplan-Regularien und in speziellen Korridoren angeflogen werden - sonst drohten Abfangjäger. 

Gibt es eine solche ADIZ auch im türkisch-syrischen Grenzgebiet?

Offiziell ist noch unklar, welche Art von Überwachungszone es hier gibt. Nach unbestätigten Angaben aus Luftfahrtkreisen hat die Türkei einseitig eine Art ADIZ an der Grenze zu Syrien eingerichtet - angeblich, um potenzielle Eindringlinge schon vor Luftraumverletzungen, also noch über syrischem Territorium, zu erkennen und abzufangen. Da der abgeschossene Bomber bei einer Geschwindigkeit von mehreren hundert Stundenkilometern nur kurze Zeit über türkischen Luftraum gewesen sein dürfte, klingt diese Erklärung plausibel: Denn das türkische Militär will die russischen Piloten vor dem Abschuss über einen Zeitraum fünf Minuten zehnmal gewarnt haben.

Wie werden Fremde im Luftraum abgefangen?

Luftraumverletzer, die sich nicht melden, werden nach international festgelegten Verfahren zunächst per Funk angesprochen. Reagieren sie nicht, wird ein sogenannter Quick Reaction Alert (QRA) ausgelöst. Innerhalb kürzester Zeit steigen dabei Abfangjäger auf, um zu dem Eindringling Sichtkontakt herzustellen. Das geschah auch so beim Germanwings-Flug über den französischen Alpen, als der Airbus auf seinem Crashkurs einer Sperrzone über einer Atomforschungsanlage gefährlich nahe kam. Reagiert der Eindringling auf optische Signale nicht, droht die Eskalation - die bis zum Abschuss reichen kann. 

Hat die Türkei beim Abschuss spezielle Verfahren?

Die Türkei hat nach Informationen aus Luftfahrtkreisen ihre Eingreifprozesse ("Rules of Engagement") nach mehreren Zwischenfällen verschärft. Wichtigster Anlass war der Abschuss eines unbewaffneten türkischen Aufklärungsjets vor der syrischen Küste ohne jegliche Vorwarnung. Zuletzt gab es wiederholt Luftraumverletzungen durch in Syrien operierende russische Militärjets, die Moskau mit Navigationsproblemen entschuldigte. Die Türkei warnt heute daher auf ihr Territorium zufliegende Flugzeuge schon vor dem Eindringen in ihren Luftraum über die Notfallfrequenz. Bleiben sie unbeantwortet und sind keine Kursänderungen erkennbar, wird Abfang-Alarm gegeben.

jen DPA

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