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Abzug aus Afghanistan: "Wer erklärt das den Müttern?"

Die Bundeswehr räumt das Feldlager Kundus, schafft Truppen und Gerät nach Masar-i-Sharif. Die Konvois sind lebensgefährlich. Und die Soldaten wissen: Nun sind wieder Kriminelle und Taliban am Zug.

Von Nico Wingert, Kundus

Bis zu 1400 Bundeswehrsoldaten waren einst im Feldlager Kundus. Nun werden es jeden Tag weniger. Alles muss raus: Truppen, Fahrzeuge, Computer, Waffen. Die deutsche Politik hat den Rückzug aus Afghanistan angeordnet. Es ist die größte logistische Operation, die die Bundeswehr je zu bewältigen hatte. Und es ist eine lebensgefährliche. Weil die Konvois nur asphaltierte Straßen benutzen können, müssen sie erst tief in den Süden, dann wieder in den Norden fahren. Die Strecke ist knapp 300 Kilometer lang. Und führt von Kundus nach Baghlan über Phol-e-Komri nach Masar-i-Sharif, dem letzten deutschen Feldlager im Norden Afghanistans.

Um die Konvois zu schützen, hat die Bundeswehr eine neue Kampftruppe gebildet, die "Northern Reaction Unit", kurz: NRU. Es sind Gebirgsjäger, eine Eliteeinheit. Sie sollen die besonders umkämpften Abschnitte der Strecke sichern. Oberleutnant Viktor* weist seine Männer in Masar-i-Sharif, wo sie gerade stationiert sind, an diesem sengend heißen Tag Ende September darauf hin, was sie bei ihrer nächsten Operation erwartet. Rund um den Stützpunkt OP North bei Phol-e-Komri seien zwei afghanische Soldaten und 13 Zivilisten entführt worden. In einem Lastkraftwagen, der Melonen transportierte, wurden 500 Kilo Sprengstoff gefunden. In der Nähe des Hügels "J-45", etwa 60 Kilometer vom OP North entfernt, gäbe es ein Dorf, in dem ein Lehrer ein Dutzend Jugendliche darauf trainiere, Sprengfallen zu basteln. Generell sei mit einem "erhöhtem Feindaufkommen" zu rechnen. Kurz: ein Höllentrip.

Im "Schwarzfußland"

Am Mittag setzt sich Alpha-Zug der NRU aus Masar-I-Sharif in Bewegung. Es sind ungefähr 200 Kilometer bis zum OP North. Die Sonne brennt. Der Fahrtwind, der den gepanzerten Truppentransporter "Boxer" umweht, ist voller Wüstenstaub, ohne Mundschutz ist das Atmen kaum möglich. Die Landschaft um uns herum erinnert an den Grand Canyon - blauer Himmel, malerische Berge. Wenn da nicht ab und an zerstörte russische Panzer stünden.

Am Abend erreichen wir den Stützpunkt OP North, der eigentlich schon an die Afghanen übergeben wurde, und quartieren uns dort ein. Die Dorfältesten sind beunruhigt, dass die Deutschen immer wieder kommen. Mühselig erklären die Gebirgsjäger, dass sie zeitweise da sind, um die Konvois zu schützen. Am folgenden Morgen teilt sich die Truppe auf, ein Teil bleibt im OP North, ein Teil fährt weiter zum Hügel "J-45", eine verlassene, aber strategisch wichtige Stellung. Kaum angekommen, arrangieren die Gebirgsjäger ihre Fahrzeuge zu einer Wagenburg, eine Technik, die an mittelalterliche Kriegsführung erinnert. Um uns herum sind Laufgräben und mit Sandsäcken bewehrte Schuss-Stände eingerichtet. Die Soldaten beziehen Position. Und dann passiert: nichts. Stundenlang. Auf der Straße, die nur 200 Meter entfernt und von hier aus gut zu überblicken ist, laufen Menschen. Gelegentlich rollen afghanische Fahrzeuge vorbei. Alles normal? Oder ist irgendwo ein Melonenlaster unterwegs? Es gibt keine Normalität in Afghanistan. "Schwarzfußland" nennen die Soldaten die Gegend. Wegen der vielen Kriminellen, den Milizen und der Taliban. Genau hier kreuzen sich deren "Rat-Lines", ihre Nachschubwege.

Selbst High-Tech nutzt nichts

Irgendwann, es ist schon vollkommen dunkel, nähert sich der schier endlose Konvoi aus Kundus. Er kündigt sich mit ohrenbetäubendem Lärm an: Es sind Tiger-Kampfhubschrauber, die den Konvoi aus der Luft sichern. Rasch wird ein Tanklaster, der auf der Straße quer steht, aus dem Weg geräumt. Der Konvoi passiert, die "Operation Gladius 3" der Gebirgsjäger verläuft nach Plan. Bis zum frühen Morgen.

Die Soldaten putzen sich gerade die Zähne, als Schüsse fallen. Wie aus dem Nichts. "Tak-Tak. Tak" - das Geräusch deutetet auf russische Kalaschnikows hin. Die Soldaten verschanzen sich, beobachten die Lage, können aber keinen Feind erkennen und schießen nicht zurück. Wohin auch? Die Kommandeure und Oberfeldwebel Konni rätseln: Galt der Beschuss den Deutschen? Oder geht es um die naheliegende Tankstelle, um die kriminelle Banden schon jetzt ungeniert kämpfen? Plötzlich kracht es gewaltig auf Berghügel J-45, die Männer zucken zusammen. Offensichtlich Mörserbeschuss. Die NRU-Kommandeure ordern eilig eine Aufklärungsdrohne und zwei amerikanische Kampfjets vom Typ F16 herbei. Sie sollen mit ihren Wärmebildkameras den Feind lokalisieren. Aber selbst High-Tech-Einsatz hilft nicht weiter. Offenbar nutzen die Aufständischen die "Hit-and-Run"-Methode, sie schießen aus dem Verborgenen und ziehen sich danach blitzschnell wieder zurück, vermutlich verstecken sie sich in Höhlen. So bleiben sie für die Wärmebildkameras unsichtbar.

Soldaten gegen Soldaten

Aber warum rücken die Gebirgsjäger jetzt nicht aus, um die Aufständischen zu finden? Oberstleutnant Heiko Diehl sagt: "Die Bundeswehr hat die Verantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben und sich aus dem Raum zurückgezogen." Das heißt: keine Verfolgung der Aufständischen. Es geht nur noch um die Sicherung der Konvois. Die Aufgabe heißt: Abzug, raus aus Afghanistan. Was das bedeutet, lässt sich in der Provinz Kundus beobachten. Die Militäroffensive "Halmazag" hatte das Gebiet 2010 relativ befriedet. Jetzt schlagen wieder Raketen in der Nähe des in Auflösung befindlichen deutschen Lagers ein. Die afghanische Armee, die einzelne Posten in der Provinz Kundus übernommen hat, liefert sich heftige Feuergefechte mit Aufständischen. Sicherheit - die gab es mal, ansatzweise jedenfalls.

Und die Situation kann jederzeit eskalieren. Nicht nur zwischen Soldaten und Aufständischen, sondern auch zwischen Soldaten und Soldaten. Auf Hügel J-45 trifft ein Funkspruch aus dem OP North ein: Der Konvoi hat in der Nacht versehentlich einen afghanischen Soldaten angefahren. Er liegt nun im Krankenhaus. Seine afghanischen Kameraden sind aufgebracht, im OP North, wo Afghanen und Deutsche zusammen einquartiert sind, ist die Stimmung aggressiv. Ein psychologisch geschulter Hauptmann wird abkommandiert, um den Streit zu schlichten.

Gesichter voller Misstrauen

Es gelingt ihm, doch die Lage bleibt angespannt. Zu tief sitzt die Erinnerung an einen Taliban, der unerkannt als afghanischer Soldat anheuerte und 2011 drei Bundeswehrsoldaten im OP North erschoss. Nachdem wir alle dort angekommen sind, belauern sich afghanische Soldaten und Gebirgsjäger gegenseitig. Nachtwachen werden aufgestellt, die Gesichter sind voller Misstrauen.

Für den Gebirgsjäger Benedict ist die Situation fast ein Déjà-Vu, schließlich war er dabei, als damals die tödlichen Schüsse auf seine Kameraden fielen. Längst zweifelt er an der Afghanistan-Mission, der Abzug scheint ihm deutlich verfrüht, die Ziele seien nicht wirklich erreicht wurden. Die Taliban eroberten Einflussgebiete zurück, bewaffnete Kriminelle steckten ihre Claims "vor unseren Augen" ab. Er spricht aus, was die anderen nur hinter vorgehaltener Hand sagen: "Wie sollen wir angesichts dieser Tatsachen den Müttern und Schwestern, Vätern und Brüdern und Freunden erklären, warum und wofür unsere Kameraden in Afghanistan gestorben sind?"

*Seit 2010 gibt es mit der Bundeswehr die Vereinbarung, dass alle Soldaten bis zum Rang eines Oberstleutnant aus Sicherheitsgründen nur mit Vornamen genannt werden.