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Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan: Großes Abkassieren vor dem Abzug

Der Bundestag wird heute das Afghanistan-Mandat verlängern. 2014 soll die Regierung Karsai dann die Verantwortung übernehmen - für ein Land, das in Korruption, Drogenhandel und Krieg versinkt.

Von Nico Wingert

Neun Jahre Krieg in Afghanistan und kein Ende in Sicht. Jedes Jahr wird dieser wahnwitzige Krieg blutiger. Tausende Soldaten, Aufbauhelfer und Zivilisten bezahlten mit ihren Leben für das Afghanistan-Engagement. Tendenz jährlich steigend. Über 100 Milliarden Dollar kostete das Unternehmen Afghanistan bislang die Steuerzahler aus 45 Nationen. Das deutsche Wirtschaftsinstitut (DIW) berechnete den deutschen Anteil mit jährlich drei Milliarden Euro, bis zum Abzug könnten es 36 Milliarden Euro werden.

Heute ist Afghanistan unübersichtlicher denn je, kaum einer blickt noch durch. Die wechselnden Sicherheitslagen und die unbekannten multi-kulturellen und religiösen Strukturen des Landes geben den Soldaten und Aufbauhelfern immer wieder neue Rätsel auf: Welcher Stamm ist gegen wen oder mit wem und warum? Die Freund-Feind-Kennung ist ein riesiges Problem, die Antwort der Bundeswehr simpel: Jeder, der auf sie schießt, gilt als "Insurgent" (Aufrührer) und wird bekämpft. Ein Teil der Menschen wechselt jedoch von einem Tag auf den anderen die Rolle: Mal sind sie Bauern, dann Arbarki (Dorf-Milizen), schließlich Taliban. Alles ist möglich, jeden Tag.

Ähnlich kompliziert ist die Verteilung der Hilfsgelder: Wer soll das Geld für den Wiederaufbau bekommen, wer ist vertrauenswürdig? Vor diesem Problem stehen auch die Seedorfer Fallschirmjäger: Als sie im November bei der ersten erfolgreichen Offensive seit Bestehen der Bundeswehr (Operation Halmazag) die Dörfer Isa Khel und Quatliam im Nordosten des Landes von den Taliban befreien, wünschen sich die Dorfbewohner als erstes Elektrizität. Der Kommandeur des Ausbildungs- und Schutzbataillons, Oberstleutnant Christian, verspricht es. Mit einer Bedingung: radikaler Bruch mit den Taliban. Zusätzlich möge das Dorf Quatliam, in dem mehrheitlich Usbeken wohnen, fünf Verantwortliche benennen, die für die Einwohner bürgen. Die Dorfältesten versprechen es lachend. Sie haben sich nach 30 Jahren Kriegserfahrung eine extreme Geschmeidigkeit im Umgang mit wechselnden Herrschern zugelegt. Wie lange hält die Allianz zwischen der Bundeswehr und den Bewohnern von Quatliam? Niemand weiß es. Dennoch wird der Deal als Erfolg gefeiert, er passt so gut zur neuen amerikanischen Strategie: "winning hearts and minds" (die Herzen und Köpfe gewinnen).

Elektrizität oder Taliban?

"Inzwischen sind die elektrischen Leitungen repariert, der im Ausland neu gekaufte Transformator steht bereits am Zoll", sagt Hermann Nicolai, Leiter des zivilen Aufbaus im Bundeswehrcamp Kundus, auf Nachfrage von stern.de. Rund 150.000 Euro soll das die Deutschen gekostet haben. Das zweite große Projekt der Bundeswehr ist es, die Hauptverbindungsstraße "Little Pluto" in Chahar Darreh auf 6,5 Kilometer auszubauen und zu asphaltieren. Dahinter steht die Hoffnung, dass die Einheimischen die Straße als Handelsweg benutzen werden - und der Asphalt das Eingraben von Sprengsätzen verhindert. "Den Auftrag für den Bau der Straße hat ein Kabuler Unternehmen erhalten, das Subunternehmen in den am Straßenrand liegenden Dörfer beteiligt", sagt Nicolai. Wie viel Geld letztlich dem Straßenbau zugute kommt und wie viel versickert, das kann Nicolai nicht einschätzen. Die Kontrolle obläge dem Kabuler Unternehmen. Es scheint so, als ob es die Deutschen nicht so genau wissen wollen, um ihr Projekt nicht zu gefährden.

Straßen sind in Afghanistan jedoch nicht nur Beförderungswege - sondern Geldmaschinen für Milizen, Taliban und andere Maut-Erpresser. Vergangenes Jahr veröffentlichte die "Washington Post" einen Bericht von Ermittlern der US-Army, in dem es heißt, dass jeder Lkw-Transport mit 1500 bis 15.000 Dollar Schutzgeld bezahlt werden muss. Kopf der Maut-Erpresser ist angeblich der Bruder des afghanischen Präsidenten, Mahmud Karzai, ein Teil des Schutzgeldes soll an örtliche Stammeskrieger und Warlords entlang der Fahrtroute fließen. Natürlich werden die Straßen Afghanistans auch eifrig für den Drogenhandel genutzt, denn damit wird am Hindukusch kräftig verdient: Das UN-Büro für Drogen und Kriminalität ermittelte 2011 einen Taliban-Gewinn von jährlich 125 Millionen Dollar; 90 Prozent des weltweiten Opiums stamme aus Afghanistan. Warum kontrollieren die Alliierten die Lastwagen nicht? Das würde zu viel Zeit, Geld und Personal verschlingen, erläutert US-Kommandeur Leutnant Tisdal im Polizeihauptquartier "Cup Walter" an der Hauptverbindungsstraße Kabul-Kundus-Tadschikistan.

Geld wird beiseite geschafft

Sein afghanischer Dolmetscher Abdullah Noorzai fragt nach dem Gespräch ganz ungeniert, ob er nicht vielleicht Asyl in Deutschland beantragen könne - er hat Sorge, dass er nach dem Abzug der Alliierten als Kollaborateur gebrandmarkt werden könnte. Alle Afghanen würden sich derzeit auf ein Leben nach den Alliierten einstellen und noch so viel wie möglich mitnehmen wollen, wie neue Straßen, Elektrizität und Geld, sagt Noorzai. "Jeder für sich und jedes Dorf für sich. Das ist eben so".

Diesem Glaubenssatz scheint auch die afghanische Regierung zu folgen. Im Juni 2010 veröffentlichte das amerikanische "Wall Street Journal" den Aufsehen erregenden Bericht, dass täglich rund 10 Millionen US-Dollar, bislang insgesamt 2,3 Milliarden Dollar, aus Afghanistan ausgeflogen werden. Laut US-Ermittlern soll es sich dabei auch um Hilfsgelder handeln. Wer das Geld beiseite schafft? Das Blatt nannte zahlreiche hohe afghanische Beamte, darunter auch den Präsidenten Hamid Karzai und seinen Bruder Mahmud.

Um Geld kreist alles, die Korruption zerfrisst das Land. Vielleicht gibt es kein besseres Beispiel dafür als den ehemaligen Taliban-Kommandeur Ali Mohammed. Die Deutschen wollten nicht mit ihm verhandeln, die Amerikaner schon. Also zahlten sie: Für eine hohe Prämie wechselte Mohammed die Seiten. Jetzt steht er unter dem Schutz der afghanischen Polizei ANP und der Amerikaner - und ist damit quasi unantastbar. Sein Geldhunger ist jedoch noch lange nicht gestillt. Im Interview sagt er, bestimmte Antworten müssten bezahlt werden. Er sage dann aber auch was. Nämlich genau das, was der Reporter hören wolle.