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Helmand: Kinder, Mütter, Taliban – im Krankenhaus gibt es nur Patienten. Ein Kriegschirurg aus Afghanistan erzählt

Im Frühling erwachen in Afghanistan Blumen und Bäume - und auch der Krieg. Einer der ersten Unfallchirurgen im Land erzählt, wie er während der jährlichen Kampfsaison Leben rettet: Kindern, Müttern, Soldaten und den Taliban.

Von Stefanie Glinski, Lashkargar, Afghanistan

Notfallarzt Afghanistan Khoshal

Ibrahimi Khoshal (l.) operiert eine Patienten, die mit einer Schusswunde ins Krankenhaus gebracht wurde.

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Blutüberströmt und bewusstlos trug Ali seine Frau ins Krankenaus. Ein Messerstich soll es gewesen sein, doch Einzelheiten will er nicht preisgeben. In einem Leichensack trug er sie - Mariam*, die Mutter seiner Kinder - wenige Stunden später wieder nach Hause.

Im Operationssaal prallte das grelle Licht auf Mariams nackten Körper, als sich Ibrahimi Khoshal mit desinfizierten Instrumenten über seine Patientin beugte. Ihr schwarzes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, ihr Gesicht unter der Beatmungsmaske kaum erkennbar. Es war kein Messer. Unzählige Splitter der Kugel eines Jagdgewehrs zerrissen die Organe der 30-jährigen Mutter und ließen sie bereits verbluten.

Wenn ihm das Leben aus den Fingern gleitet

"An den Moment, in dem uns ein Leben aus den Fingern gleitet, werde ich mich auch nach Jahrzehnten nicht gewöhnen können," sagt Khoshal, einer der ersten Unfallchirurgen Afghanistans. Jetzt sitzt er auf einer mit Kissen belegten braunen Holzbank in seinem kleinen, hellen Zimmer, das ihm das Krankenhaus zugestellt hat, und reibt sich den Schweiß mit seinem Ärmel aus dem Gesicht.

Unter seinem weißen Kittel schaut ein lilafarbenes Hemd hervor; die Ansätze seines vollen Haares werden langsam grau. Sein Zimmer besteht aus einem Bett, einer Sitzecke und einem Kleiderschrank. Zwar wohnt Khoshal normalerweise in einem Haus mit seiner Frau und seinen vier Kindern, doch einen Großteil seiner Zeit verbringt er hier im Krankenhaus.

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Seit 2004 arbeitet der 44-Jährige als Unfallchirurg. Nach Tausenden von Operationen kann er sich zwar nicht an alle erinnern, doch die heutige wird ihn eine Weile begleiten, meint er. "Mein Medizinstudium habe ich 2002 abgeschlossen, sozusagen rechtzeitig zu Beginn des Krieges", sagt er mir sarkastischer Miene. "Damals gab es in Afghanistan keinen ausgebildeten Unfallchirurgen. Zwar fand ich diesen Bereich immer schon Interessent, aber es war die Situation hier im Land, die mich schließlich dazu gebracht hat, mich in diesem Bereich zu vertiefen."

Bis zu 15 Patienten operiert er am Tag

Ibrahimi Khoshal stammt gebürtig aus dem afghanischen Helmand, einer Taliban-Hochburg und gleichzeitig eine der blutigsten Provinzen des Landes. In der dortigen Hauptstadt Lashkargar operiert er manchmal bis zu 15 kriegsverletzte Patienten pro Tag, denn sein Krankenhaus, das "Emergency Hospital", das von der gleichnamigen italienischen Hilfsorganisation finanziert wird, ist auf Kriegschirurgie spezialisiert.

Notfallarzt Afghanistan Razia

Razia, 16, verlor mehrere Familienmitglieder in einer Explosion. Sie selbst zog sich schwere Verletzungen ihrer Beine zu. 

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"Jetzt geht es wieder los, denn die Kampfsaison hat begonnen. Während ruhigen Monaten haben wir ungefähr 360 neue Patienten und insgesamt zehn Ärzte, die in Schichten arbeiten", erzählt Khoshal, der sich jetzt aus einer Thermoskanne eine Tasse grünen Tee einschenkt. "Das wird jetzt wieder mehr. Zwischen Mai und August ist es besonders schlimm. Unser Krankenhaus hat 96 Betten und wir haben monatlich teilweise über 500 Operationen. Außerdem benötigen die meisten Patienten mehr als eine OP", fügt er hinzu.

So viele Verletzte wie nie

Im letzten Jahr starben nach Angaben der Vereinten Nationen fast 4000 Menschen in Afghanistan aufgrund des Krieges. Mehr als 7000 wurden verletzt - die höchste Zahl seit der Datenerfassung.

Anfang April haben die Taliban wieder zu Gewalt aufgerufen; nach der Winterpause eine jährliche Frühlingstradition der Terrorgruppe. Angepeilte Friedensgespräche mit der Regierung sind für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, nachdem ein Treffen in Doha am 19. April kurzfristig abgesagt wurde. Zwar verhandeln die USA unabhängig weiterhin mit der Taliban, allerdings noch ohne Aussicht auf einen Waffenstillstand.

Die Frontlinie des Krieges ist nicht weit von Dr. Khoshals Krankenaus entfernt: Sie liegt bereit auf der anderen Seite des Helmand Flusses. Offiziell soll die Provinz Helmand 1,4 Millionen Einwohner haben, doch es könnten jedoch bis zu einer Millionen mehr sein, so Abdullah Azem, Direktor des Gesundheitsamts in Lashkargar.

"Jeder hier ist zunächst Patient"

Ibrahimi Khoshal behandelt sie alle: Kinder, Mütter, Soldaten und die Taliban. "Jeder, der hier im Krankenaus ist, ist zunächst Patient. Mehr kann - und darf - ich darüber nicht nachdenken. Natürlich weiß ich, wer wer ist; manchmal sogar, was sie getan haben. Auch ich habe Familienmitglieder und Freunde im Krieg verloren, aber darüber spreche ich mit meinen Patienten nicht", sagt er. Das Krankenaus sei ein neutraler Ort. Seinen persönlichen Schmerz und Verlust müsse er vor der Tür lassen, um sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

"Manchmal liegt ein Soldat der Regierung neben einem Talibankämpfer. Beide sind verletzt. Entweder kommen sie gut miteinander aus, unterhalten sich, machen sogar Witze. Andere Male kommt es zu Streitereien und Beschuldigungen. Das darf hier aber nicht passieren und gehört nach draußen."

Die Verletzungen der Patienten sind unterschiedlich, die Kategorien jedoch ähnlich. "Wir behandeln Landmienenopfer, Schusswunden, sowie Verletzungen durch Luftangriffe und Explosionen. Oft müssen wir amputieren, manchmal kommt jegliche Hilfe zu spät, aber wir geben jeden Tag unser Bestes - und wir retten vielerlei Leben", sagt Khoshal.

Notfallarzt Afghanistan Patient

"Jeder, der hier im Krankenhaus ist, ist zunächst Patient", sagt der Notfallarzt

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Einer seiner Patientinnen ist die 16-jährige Razia, deren Beine bei einer Explosion verletzt wurden. Ihre Schwester und zwei Brüder überlebten den Anschlag nicht, der im nahegelegenen Marjah, einem Taliban-Distrikt stattfand. Nun sitzt sie mit Schrauben im Bein auf ihrem Bett. Sie trägt ein grün-gemustertes Kleid, ihr Haar schaut unter einem türkisem Schal hervor, ihre Augen sind tief grün. Sie ist starr, schockiert von den Ereignissen der letzten Woche.

"Wir waren mittendrin", erinnert sie sich. "Soldaten der Regierung haben die Taliban angegriffen und als die Raketen flogen, traf eine davon unser Haus. Der Krieg - diese Kämpfe - es passiert hier so oft", sagt sie und, dass die Angst hat, heimzukehren.

Ihr Trauma endet nicht im Krankenhaus

Khoshal weiß, dass das Trauma vieler Menschen hier im Krankenhaus nicht endet. "Die Gewaltausschreitungen nehmen zu. Wir haben jede Nacht Notfälle. Oft hören wir die Explosionen. Besonders schlimm ist es nach einem Luftangriff der USA oder der afghanischen Regierung. Wir wissen dann, dass wir uns schnell auf die Verletzten vorbereiten müssen."

In drei Kategorien werden die Patienten dann unterteilt: diejenigen, die sofort Hilfe brauchen und eine gute Chance zum Überleben haben; die, deren Verletzungen warten können und die Schlimmstverletzten, deren Überlebenschancen zu gering sind. In dieser Reihenfolge werden sie auch behandelt.

"Bei Luftangriffen sind es oft Frauen und Kinder. Die Männer schlafen draußen, besonders wenn sie eine Vorahnung haben, dass etwas passieren könnte", sagte Khoshal. "Der Tod ist in unserer Kultur zu etwas Normalem und Alltäglichen geworden."

Nur manchmal lässt er den Krieg hinter sich

Entspannung gibt es für den Arzt nur einige Male im Jahr, wenn er Afghanistan verlässt und in den Urlaub fährt. Er lässt den Krieg dann einige Wochen hinter sich, geht mit seiner Familie nach Indien oder in den Iran, um im Meer zu baden oder historische Städte zu besichtigen.

Schon als Kind wollte der Familienvater Arzt werden, doch jetzt sorgt er sich um die Zukunft seiner drei Töchter und seines Sohnes. "Manchmal hören sie die Flugzeuge und Schießereien und wenn ich nach Hause komme, fragen sie mich, ob ich einen anstrengenden Tag hatte. Die Situation hat keine positiven Auswirkungen auf sie."

Notfallarzt Afghanistan Khoshal Porträt

Khoshal, 44, arbeitet seit 2004 als Unfallchirurg. Sein Medizinstudium hat er fast zeitgleich mit Beginn des Krieges beendet.

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Khoshals Frau ist gleichzeitig seine Kusine, es ist eine Tradition, Hochzeiten im Familienkreis zu arrangieren. Sie ist nie zu Schule gegangen und kümmert sich nun um die vier Kinder. "Sie mögen es nicht, wenn ich so lange weg bin", sagt er leise. "Das Krankenhaus nimmt viel Zeit in Anspruch, aber die Arbeit ist meine Leidenschaft. Vielleicht irgendwie sogar eine Sucht." Als Lebensretter lernt er nie aus, denn, so sagt er, in der Medizin bleibt er immer Schüler. Gleichzeitig will er aber auch das Beste für seine Familie - und das ist ein Leben in Frieden.

"Es sind zwei verschiedene Leben, die ich führe"

Die Teetasse ist leer und Dr. Ibrahimi Khoshal zieht sein Handy aus der Kitteltasche. Ein warmer Blick und ein Lächeln gleitet über sein Gesicht. Er hat freundliche Augen und sein Gesicht wirkt weich, fast so, als wäre es nicht jahrzehntelang von Krieg geprägt. Da sind sie, auf einem Foto: Seine vier Kinder. Eine sahnige Geburtstagstorte steht auf einem kleinen Tisch, die Gesichter sind fröhlich, voller Erwartung, die Augen hungrig. Zwei Mädchen sitzen auf Stühlen, ein weiteres und ein Junge stehen daneben. Um den Tisch und an der Wand kleben bunte Luftballons. "Ich liebe meine Familie und meine Arbeit", sagt der Arzt. "Doch das sind zwei verschiedene Leben, die ich führe."

*Name geändert