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Afghanistan: Eine Wahl mit Qual

Abwaschbare Tinte, Boykottaufrufe und Anschlagsdrohungen - die erste freie Präsidentenwahl in Afghanistan drohte ins Chaos abzudriften, wurde von Politikern in aller Welt dennoch als großer Schritt für die Demokratie gewürdigt. Eine Untersuchungskommission soll nun mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Wahl analysieren.

Zur Untersuchung möglicher Unregelmäßigkeiten während der Wahl wurde die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission beschlossen, wie sie einige der 15 Gegenkandidaten von Amtsinhaber Hamid Karsai gefordert haben. Sie hatten noch während der Abstimmung am Samstag damit gedroht, das Wahlergebnis nicht anzuerkennen. Als Grund nannten sie die Möglichkeit zu weit reichenden Manipulationen.

Wahlkampfkommission räumt technische Probleme ein

Der Direktor der von UN-Vertretern und Afghanen gebildeten Wahlkommission, Faruk Wardak, kündigte am Sonntag an, mögliche Fehler würden untersucht. Die Kommission erklärte, es habe einige technische Probleme gegeben, insgesamt sei die Wahl aber ordnungsgemäß abgelaufen. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erklärte am Sonntag, der Ruf nach einer Annullierung der Wahl sei nicht gerechtfertigt.

Der als Favorit geltende Amtsinhaber Karsai bezeichnete die Wahl am Sonntag ungeachtet der Kontroverse als Erfolg und als "Sieg für das afghanische Volk". Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder äußerte sich positiv. "Der friedliche Verlauf und die hohe Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen stimmen - trotz der bekannten Probleme - zuversichtlich", sagte er Islamabad. Der britische Außenminister Jack Straw erklärte, ungeachtet des Ausgangs habe die hohe Beteiligung an der ersten demokratischen Präsidentschaftswahl gezeigt, dass ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte Afghanistans erreicht worden sei. US-Präsident George W. Bush nannte die Wahl eine bemerkenswerte Leistung und "eine wunderbare Sache".

Ergebnis am 30. Oktober

Am Sonntag begannen Tausende Helfer mit der Auszählung der Stimmen. Dazu wurden die Urnen in acht Zentren in verschiedenen Landesteilen gebracht. Ein Trend dürfte sich in den kommenden Tagen abzeichnen, das endgültige Ergebnis wird voraussichtlich erst am 30. Oktober feststehen.

Karsais Gegenkandidaten kritisierten Unregelmäßigkeiten beim Einsatz der wasserfesten Tinte, mit deren Auftragen auf den Daumen der Wähler sichergestellt werden sollte, dass jeder seine Stimme nur einmal abgeben konnte. Nach Angaben von Mitarbeitern der Wahlbehörden wurde zwar in einigen Wahllokalen die wasserfeste Tinte versehentlich mit herkömmlicher vertauscht. Das Problem sei aber schnell behoben worden.

Viele doppelte Registraturen

Auch eine Reihe von Anschlägen in den vergangenen Tagen schreckte die zahlreich erschienenen Wähler nicht ab. Erste Wählerin war eine 19-jährige Studentin in einem Flüchtlingslager in Islamabad in Pakistan. Insgesamt waren 10,5 Millionen Wahlregistrierungen ausgegeben worden. Nach Ansicht der Behörden ließen sich jedoch viele doppelt registrieren.

Zur Gewährleistung der Sicherheit waren rund 100.000 Soldaten und Polizisten aus Afghanistan und von der internationalen Schutztruppe ISAF im Einsatz. Dennoch kam es am Samstag zu neuer Gewalt. In der Provinz Urusgan wurden drei Polizisten getötet, die einen Transport von Wahlurnen begleiteten. Acht weitere Polizisten und ein afghanischer Soldat fielen zwei Minenexplosionen zum Opfer.

Daniel Cooney, AP