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Urteil in Deutschland "Ich habe einfach angefangen zu weinen": US-Soldat gewinnt Kampf um Asyl für afghanischen Übersetzer

Spencer Sullivan (r.) mit Abdulhak Sodais in Bremen, wo Sodais derzeit lebt
"Diese lange Reise ist zu Ende": Spencer Sullivan (r.) mit Abdulhak Sodais in Bremen, wo Sodais derzeit lebt
© Peter Dejong / Picture Alliance
Jahrelang kämpfte der frühere US-Soldat Spencer Sullivan darum, seinen ehemaligen Dolmetscher in Afghanistan, Abdulhak Sodais, vor der Rache der Taliban zu retten. Jetzt kam die erlösende Nachricht.

In Afghanistan beteiligten sich beide am Kampf gegen die Taliban – der eine mit Waffen, der andere mit Worten. Und beide riskierten dabei ihr Leben. Ihre gemeinsamen Einsätze vor beinahe zehn Jahren schufen eine besondere Verbindung zwischen Spencer Sullivan und Abdulhak Sodais, wie die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) berichtet. Doch während der US-Soldat nach dem Ende seiner Dienstzeit in seine Heimat zurückkehren konnte, verweigerten die amerikanischen Behörden seinem Dolmetscher ein Einreisevisum.

Seither kämpften Sullivan und Sodais gemeinsam einen neuen Kampf: den Kampf um Asyl. Dem US-Soldaten war es AP zufolge ein besonderes Anliegen, seinem früheren Dolmetscher zu helfen, denn er hatte schon einmal einen ehemaligen Helfer seiner Einheit verloren: Sajed Masud. Der Übersetzer wartete auf ein Visum für die USA, als er 2017 von den Taliban getötet wurde.

Viele Veteranen versuchen eigenhändig, Afghanen zu retten

Diesem Schicksal ist Sodais nun entkommen. Am Mittwoch wurde sein Asylantrag genehmigt – von einem Gericht in Deutschland, wohin er geflohen war, nachdem er wegen seiner Unterstützung der US-Truppen Todesdrohungen erhalten hatte und die USA seine Visaanträge mehrfach abgelehnt hatten.

Sullivan, der mittlerweile im US-Bundesstaat Virginia lebt, erzählte der Associated Press, er habe sein Telefon fallen gelassen, als er die Textnachricht von Sodais gelesen habe. "Ich habe einfach angefangen zu weinen." Der ehemalige Soldat ist nach AP-Angaben einer von vielen US-Kriegsveteranen, die auf eigene Faust daran arbeiten, die Afghanen zu retten, die an ihrer Seite gedient haben.

"Letztendlich ist es einfach nur eine kathartische Erleichterung", zitiert die Nachrichtenagentur Sullivan. Nach der frohen Botschaft sei er von seinen Gefühlen überwältigt gewesen, auch weil sie die Kriegswunde aufgerissen habe, dass er Masoud nicht helfen konnte. "Diese lange Reise ist zu Ende, aber Sayed hat es nicht geschafft", sagte Sullivan.

Angesichts der vollständigen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hatte Sodais umso mehr gehofft, in Deutschland bleiben zu dürfen. Sein Vater habe ihm erzählt, dass die Islamisten in seiner Heimatstadt Herat von Tür zu Tür gingen, um Leute zu finden, die mit den Koalitionstruppen zusammengearbeitet hätten, sagte der ehemalige Dolmetscher bereits Ende August der Associated Press. "Ich konnte nicht aufhören zu weinen."

Tausende von Afghanen, die den US-Truppen geholfen haben, stecken dem Bericht zufolge seit Jahren in einem überlasteten speziellen Visaverfahren für Ortskräfte fest. Zahllose andere seien wegen geringfügiger Unstimmigkeiten in ihren Arbeitsunterlagen abgelehnt worden.

Sodais hatte demnach erstmals 2013 ein US-Visum beantragt, das ihm jedoch verweigert worden sei. Viermal habe er erfolglos Einspruch eingelegt. Nachdem die Taliban seinen Onkel geköpft und seinen Nachbar, der ebenfalls für das US-Militär gearbeitet habe, erschossen hätten, habe er sich schließlich nach Deutschland aufgemacht. Sieben Monate lang sei er durch fast ein halbes Dutzend Länder geflohen. Er sei von Schmugglern geprügelt und im Stich gelassen und von der Polizei eingesperrt und geschlagen worden, bevor er Deutschland erreicht habe.

"Ich habe ihm ein Versprechen gegeben"

Auch in Deutschland wurde Sodais' Asylantrag zunächst abgelehnt, wie AP weiter berichtet. Sullivan habe daraufhin Empfehlungsschreiben geschickt, Fotos von der Zeit des Dolmetschers bei der Militäreinheit zur Verfügung gestellt und Unterlagen von der US-Regierung beschafft, die gezeigt hätten, dass die Ablehnung von Sodais' Visum auf einer vagen Überprüfung durch einen zivilen Auftragnehmer beruht habe, der ihn fälschlicherweise beschuldigt habe, während der Arbeit soziale Medien zu checken. Der US-Veteran reiste sogar selbst nach Deutschland, um Sodais bei der Kommunikation mit den Behörden zu unterstützen.

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"Ich habe ihm ein Versprechen gegeben, so wie Amerika ihm versprochen hat, ihn zu beschützen und sein Leben zu retten", begründete Sullivan gegenüber AP sein Engagement. "Ich meine, wie kann man diesem Versprechen den Rücken zukehren? Ich glaube nicht, dass die Antwort komplizierter ist als das. Ich denke, sie ist eigentlich sehr einfach."

Er glaube, dass Sullivans Empfehlungsschreiben den Ausschlag dafür gegeben habe, dass ihm schließlich Asyl gewährt wurde, sagte Sodais jetzt der Associated Press. Sein Fall werde in drei Jahren, wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen kann, erneut geprüft. Sullivan freut sich darauf, seinen deutschen Pass zu bekommen, damit er Sullivan eines Tages besuchen kann, sie zusammen reisen können, und er endlich die Vereinigten Staaten sehen kann, wie er AP erzählte. "Ich habe das Gefühl, dass ich eine tolle Zukunft haben werde."

Quellen: Associated Press I, Associated Press II

mad

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