Afghanistan McChrystal warnt vor Niederlage

Klare Worte vom Nato-Oberbefehlshaber: US-General Stanley McChrystal warnt eindringlich vor einem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes. Um das Blatt zu wenden, sei eine gewaltige Aufstockung der Truppen notwendig, fordert der Kommandeur in einer geheimen Lageeinschätzung.

Der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, hat vor einem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes gewarnt, sollten nicht binnen eines Jahres die Truppen aufgestockt werden. "Unzureichende Ressourcen werden voraussichtlich zu einer Niederlage führen", zitierten US-Zeitungen am Montag aus einem Geheimdokument des US-Generals. "Sollte es nicht gelingen, innerhalb kurzer Frist die Initiative zu übernehmen und die Stoßkraft der Aufständischen abzuwenden, während gleichzeitig die Sicherheitskompetenz Afghanistans zunimmt, droht ein Zustand, in dem eine Niederschlagung des Aufstands nicht länger möglich ist", warnt McChrystal laut "Washington Post".

In dem 66-seitigen Dokument, das in Auszügen auf der Website der "Post" veröffentlicht wurde, werden die radikalislamischen Taliban als stärker werdender, intelligenter Feind beschrieben. Laut McChrystal rekrutieren die Taliban systematisch Kämpfer in afghanischen Gefängnissen. Zugleich kritisiert der General die Korruption in der afghanischen Regierung sowie das Scheitern der internationalen Truppen bei dem Vorhaben, die zivile Bevölkerung Afghanistans auf ihre Seite zu ziehen.

"Die entscheidende Phase des Krieges"

McChrystal warnt: "Dies ist eine wichtige - und vermutlich entscheidende - Periode dieses Krieges." Mehr Ressourcen seien zwar kein Garant für einen Sieg, zu wenige könnten aber zur Niederlage führen. Die Isaf müsse gestärkt werden, da die afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF) angesichts der erstarkenden Aufständischen noch nicht in der Lage seien, den Kampf anzuführen. "Der Status quo wird zu einer Niederlage führen, wenn wir darauf warten, dass die ANSF wachsen." Auf kurze Sicht sei es realistisch zu erwarten, dass die Zahl der Opfer unter den afghanischen und den internationalen Sicherheitskräften ansteigen werde.

Der US-General warnt: "Die Lage in Afghanistan ist ernst; weder Erfolg noch Scheitern können als Selbstverständlichkeit angenommen werden." Zur Isaf meint der im Juni angetretene Kommandeur, die Truppe sei zu sehr mit dem Schutz der eigenen Soldaten beschäftigt. "Wir haben in einer Art und Weise operiert, die uns - physisch und psychologisch - von den Menschen entfernt hat, die wir beschützen wollen. Zusätzlich riskieren wir eine strategische Niederlage, indem wir taktische Siege verfolgen, die zu zivilen Opfern oder unnötigem Kollateralschaden führen."

McChrystal hat offiziellen Angaben zufolge inzwischen seine Liste zum künftigen Truppenbedarf der US- und Nato-Truppen in Afghanistan abgeschlossen. Sie soll aber erst in den kommenden Wochen der Regierung in Washington und im Nato-Hauptquartier in Brüssel vorgelegt werden. Experten schätzen, dass er bis zu 30.000 zusätzliche Kampftruppen verlangt. Die Bundeswehr hat derzeit rund 4200 Soldaten im Norden des Landes stationiert.

AFP/DPA DPA

Mehr zum Thema



Newsticker