Ex-Afghanistan-Kommandeur McChrystal General McCrazy fliegt, doch die Kriegslüge bleibt


Der wegen seines losen Mundwerks gefeuerte US-General Stanley McChrystal stand wie kein anderer für die zynische Afghanistan-Strategie der USA. Sein Nachfolger wird diese Mission fortsetzen.
Eine Analyse von Christoph Reuter, Kabul

Offizielle Treffen mit Vier-Sterne-General Stanley McChrystal waren ein stets gleich bleibendes Zeremoniell. Chrystal erklärte mir, Kollegen, Delegationen in ausgesuchter Höflichkeit seine Strategie. Oder das, was er so nannte: mehr Truppen, gezielter zuschlagen, aber gleichzeitig viel mehr Rücksicht auf die Bevölkerung nehmen, für die eroberten Gebiete eine "government in the box" schaffen, mithin das Verwaltungspersonal gleich im Gepäck zu haben. In Kurzform sah die Strategie vor, raffinierter zu töten, zugleich viel netter zu sein und nebenbei noch den Staat aufzubauen.

Auf Vorhaltungen, dass dies offenbar nicht so recht funktioniere, kam, den Kopf aufmerksam schräg haltend, stets die gleiche Antwort: "It's a challenge", ja, es sei eine Herausforderung. Ungesagt: Aber dafür sind wir ja hier, diese zu bewältigen.

Konfrontierte man ihn mit Beispielen, dass auch die neu eingesetzten afghanischen Spitzen korrupte Drogenhändler und Mörder seien, kam die nächste Stufe im Antwortprogramm: "Yeah, it's critical", wirklich schwierig. Aber dafür seien sie ja hier, das Unmögliche möglich zu machen.

Zumindest bis gestern. Denn gestern stürzte Amerikas wichtigster General.

Ein Kontrollfreak schießt sich ins Aus

Es waren nicht die Taliban, die ihn besiegten, er stolperte nicht über ein Massaker an Zivilisten, zu Fall brachte ihn das Musikmagazin "Rolling Stone". Oder genauer: zu Fall brachte ihn die Annahme, dass man in Gegenwart eines Journalisten den amerikanischen Präsidenten, dessen Vize, den Nationalen Sicherheitsberater und diverse andere eher mächtige Männer zu Clowns, Weicheiern und Idioten erklären kann. Kann man nicht, das weiß McChrystal spätestens jetzt. Seine Annahme rührt ja auch irgendwie am Grundsatz, dass in einer Demokratie nicht die Militärs den Zivilisten sagen sollten, was sie zu tun und zu lassen haben - sondern dass es sich zumindest in der Theorie umgekehrt verhält.

Was aber mag McChrystal, diesen überkontrollierten, auf Knopfdruck charmanten Kontrollfreak geritten haben, sich selbst so zielsicher ins Aus zu schießen?

General McChrystal sollte dafür sorgen, dass die USA Afghanistan binnen kurzer Zeit erhobenen Hauptes würden verlassen können. Aber diese Aufgabe, besser: Mission, war so unschaffbar, jenseits aller Chancen, dass McChrystals Team begann, sich eher wie die Besatzung eines Raumschiffs zu fühlen denn als Untergebene ihrer fernen Regierung. Im kleinen Kreis haben McChrystal und seine verschworene Entourage oft so geredet, wie es "Rolling Stone" nun dokumentierte. Voller Verachtung für die Ignoranz, die Eitelkeit der Politiker, die keinen blassen Schimmer hatten, wie sie irgendetwas in Afghanistan erreichen könnten.

Und hatten McChrystals Männer nicht recht zumindest in ihrer Arroganz? Waren sie nicht diejenigen, die in der Scheiße saßen, deren Männer von Sprengsätzen zerrissen, erschossen wurden, die Seite an Seite mit einer afghanischen Armee kämpfen sollten, deren Offiziere ihren Treibstoff und ihre Waffen verkaufen? Seite an Seite mit einem afghanischen Präsidenten, der eher das Land vollends vor die Hunde gehen lässt, als den Drogengroßhandel seines Halbbruders anzurühren? So selbstverständlich war die Verlogenheit des ganzen Unternehmens geworden, dass jedem doch klar sein musste, dass es eine Lüge ist.

Dazu passt, dass es Duncan Boothie, einem hochprofessionellen Krisen-PR-Berater, der nach eigenen Aussagen stets dann gerufen wird, wenn der Karren richtig tief im Dreck steckt, vorzüglich gelungen war, McChrystal als Lichtgestalt zu verkaufen: als Mann, der alles anders machen wird, als einen, der vier Stunden pro Nacht schläft, höchstens einmal am Tag eine Mahlzeit zu sich nimmt, sich ansonsten von kleinen Chili-Zimt-Kügelchen ernährt und Berge versetzen kann. Boothie hatte zuvor mal die Post in Deutschland beraten, dann die US Army im Irak und nun seit knapp einem Jahr McChrystal.

Wie hier gegen die da draußen

Wir hier gegen all die Idioten da draußen. Das war ungefähr die Gefühlslage in McChrystals Führungsstab. Die Mitglieder lebten wie die "warrior monks", die Mönchskrieger aus der Kriegssatire "Männer, die auf Ziegen starren", und die selbst noch in Paris, gestrandet in der isländischen Vulkanwolke, ein möglichst spartanisches Restaurant suchten. Alles andere wäre "zu Gucci" gewesen. Einen Monat lang ließen sie sich vom Reporter des "Rolling Stone" begleiten und nahmen seine gemurmelten Ausflüchte als Einverständnis hin, wenn sie dieses oder jenes Zitat nicht gedruckt sehen wollten. Vorgestern dann, kurz vor McChrystals Abflug nach Washington, saß sein Stab fassungslos in den Büros. Damit hatten sie einfach nicht gerechnet. Dabei waren sie doch der Welt und sich als letzte Rettung erschienen, desto schlechter die Lage in Afghanistan auch wurde.

"COIN", McChrystals wundersame Anti-Aufstands-Strategie, mit weniger zivilen Opfern, zivilem Aufbau und Razzien ohne Türeneintreten hatte gut geklungen - aber ihr Erfolg war von Anfang an unvereinbar gewesen mit dem Zeitrahmen, den ihr Obama dazugegeben hatte: Ab Juli 2011 soll mit dem Rückzug begonnen werden. Denn danach beginnt bald der amerikanische Vorwahlkampf, und ein ungelöster, gar verlorener Krieg gehört nicht zu den Dingen, die einen Kandidaten siegen lassen.

Amerikas Afghanistan-Strategie, die echte wie die vermeintliche, ist ein faszinierendes Spiel, ein skrupelloses, bei dem es um eines zuallerletzt geht: die Afghanen. Zu viel ist über achteinhalb Jahre falsch gemacht worden, zu illusionär, unmöglich und chaotisch waren die munter wechselnden Pläne, Afghanistan zu befrieden. George W. Bush war weder an Demokratie, noch an Nation-Building interessiert, sondern daran, Osama Bin Laden umbringen zu lassen. Also wurden die finstersten Warlords wieder an die Macht gehievt - wo sie bis heute sitzen. Jetzt geht es für Washington nur noch um eines: abziehen zu können, ohne dass es allzu deutlich nach Niederlage aussieht.

Petraeus und die Wirklichkeit seiner Irak-Mission

Im Irak ist McChrystals Mentor, Ex-Chef und nun Nachfolger David Petraeus das Kunststück gelungen: soviel Ruhe, soviel Zeit zu kaufen, dass der Krieg nicht gewonnen war - sondern einfach aus den Medien verschwand. Für jede US-Regierung läuft das aufs Gleiche hinaus. Für rund zwei Jahre waren so ziemlich alle irakischen Milizen schlicht mit US-Dollars gekauft worden und brachten zwar immer noch Iraker um, aber keine Amerikaner mehr. Das reichte, den Irak aus den amerikanischen Schlagzeilen und Abendnachrichten verschwinden zu lassen. Egal, wie schlecht die Situation seither geworden ist, egal wie oft wieder Selbstmordattentäter sich in Bagdad und andernorts inmitten von Menschenmengen sprengen, egal wie dreist Präsident Nuri al-Maliki die Wahlen fälscht - als Thema ist der Irak erledigt, und damit auch politisch kein Problem mehr.

Genau das sollte McChrystal auch in Afghanistan schaffen. Zeit kaufen. Damit der Abzug früh genug vor den nächsten US-Präsidentschaftswahlen beginnen kann und das Thema Afghanistan erledigt ist. Genau das tat er - nur konsequenter als alle anderen in der US-Regierung, die Karzai in der einen Woche am liebsten absetzen wollten und in der nächsten wieder hofierten. McChrystal wusste, dass er diese Illusion eines funktionierenden Afghanistan nur aufrecht erhalten konnte, wenn er auch die Illusion Karzai mit erhielt. Oder wie es eine Amerikanerin formulierte, die seit langem in Kabul lebt: "Karzai tut so, als ob die Amerikaner gewinnen, und sie tun so, als ob er ein legitimer Präsident wäre". Ungeachtet der Drogengeschäfte seines Halbbruders in Kandahar, der dort eine mafiöse Schreckensherrschaft aufgebaut hat, deren Kritiker in den letzten Monaten in Serie von, selbstredend, Unbekannten umgebracht wurden. Ungeachtet dessen, dass fast ein Jahr nach der Präsidentschaftswahl die Hälfte der Ministerien noch immer nicht besetzt ist, während Karzai ausschließlich daran interessiert ist, seine Günstlinge an die Macht zu bringen. Ungeachtet der Tatsache, dass eine der dringendsten Amtshandlungen nach seiner Wiederwahl darin bestand, die Wahlbeschwerdekommission auszuhebeln, um sicherzustellen, dass die Fälschung der Parlamentswahlen diesen Herbst reibungslos vonstatten gehen kann.

Alles egal. Den Chef der "Grenzpolizei" am wichtigsten Grenzübergang nach Pakistan in Spin Buldak nahe Kandahar, "Commander Razik", bezeichnete McChrystal in Gegenwart eines stern-Reporters als "guten Mann". Der Mann hat den Drogenhandel dort unter seine Kontrolle gebracht, ließ und lässt von seiner Truppe Konkurrenten und Missliebige umbringen. Egal. Ein Partner.

McChrystal, lange Zeit Befehlshaber der geheimen US-Kommandoperationen vor allem im Irak, "der beste Killer des Militärs", sollte die Atempause verschaffen. Es wäre ein zynischer Erfolg geworden, denn er hätte die Afghanen anstatt in den Händen der Taliban in jenen konkurrierender Warlords zurückgelassen. Das hätte Washington kaum gestört. Nun aber hat Obama genau den Mann gefeuert, dem dieser Erfolg wohl noch am ehesten gelungen wäre. Würde Mullah Omar, spiritus rector der Taliban, Alkohol trinken - in Karachi würden die Champagnerkorken knallen.

P.S.: Ändert diese Personalie etwas an der angespannten Situation am Hindukusch? Wie bewerten Sie den Rauswurf des Generals? Diskutieren Sie mit auf www.facebook.de/stern.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker