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Flüchtlinge aus Afrika: "Über das Meer wollen nur die, die überhaupt nichts zu verlieren haben"

Viele Afrikaner wagen die gefährliche Fahrt durch Sahara und das Mittelmeer, andere halten sie für verrückt, dieses Risiko einzugehen. Der Fotograf sprach mit beiden und glaubt, es braucht nur wenig, um die Menschen zu bewegen, zu Hause ein Leben aufzubauen.

Humu Mohamad, 23      "Ich hatte schon Geld gespart, war fest entschlossen zum Trip nach Europa. Von den Gefahren wusste ich: Als Frau hätte ich unterwegs vergewaltigt werden können. Aber hier in Tamale hatte ich einfach keine Hoffnung mehr. Aminu Munkaila hat mich überzeugt zu bleiben. Seine Organisation AFDOM finanzierte mir eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin und dann eine eigene Nähmaschine. Nur mit Handantrieb, aber egal. Ich arbeite im Freien, im Schatten eines Baums, da gibt es eh keinen Strom. Für eine Werkstatt fehlt mir noch das Geld. Aber ich habe genug Kundschaft. 

Humu Mohamad, 23   

"Ich hatte schon Geld gespart, war fest entschlossen zum Trip nach Europa. Von den Gefahren wusste ich: Als Frau hätte ich unterwegs vergewaltigt werden können. Aber hier in Tamale hatte ich einfach keine Hoffnung mehr. Aminu Munkaila hat mich überzeugt zu bleiben. Seine Organisation AFDOM finanzierte mir eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin und dann eine eigene Nähmaschine. Nur mit Handantrieb, aber egal. Ich arbeite im Freien, im Schatten eines Baums, da gibt es eh keinen Strom. Für eine Werkstatt fehlt mir noch das Geld. Aber ich habe genug Kundschaft. 

Aus deutscher Sicht ist Ghana ein sicheres Herkunftsland. Es fallen keine Bomben, das Land wird nicht durch einen Bürgerkrieg in Schutt und Asche gelegt. Dennoch verlassen immer mehr Bewohner ihr Land und machen sich auf den Weg nach West-Europa. 120.000 Ghanaer leben legal in der EU, wie viele Illegale dazu kommen weiß kein Mensch.

Der Berliner Fotograf und Afrikakenner Roland Brockmann hat in der Stadt Tamale mit Ghanaern gesprochen. Mit zurückgekehrten Flüchtlingen, mit Menschen, die sich auf die Reise machen wollen oder deren Reise gescheitert ist und anderen, die nicht von Europa träumen.

Herr Brockmann, in Ghana herrscht kein Krieg. Warum nehmen die Menschen diese Gefahren auf sich?

Wenn man Nachrichten ansieht, gibt es natürlich schlimmere Orte. Ghanas Probleme sind die extreme Ungleichverteilung, fehlende Jobs, mangelnde Ausbildung... die Klassiker also. Wer etwa Tischler werden will, muss den Meister dafür bezahlen. Die Leute sehen vor allem keine Perspektive für ihr Leben.

Sie sagen, dass diejenigen, die keine Hoffnung haben, sich auf den Weg machen?

Ja, über das Meer wollen nur die, die nichts zu verlieren haben. Die Leute, die ich in Ghana traf, die über die harte Tour nach Europa wollen, haben nur die Grundschule besucht und stammen vom Land. Meist sind das Söhne von Kleinbauern, deren erster Schritt in die nächste Stadt führt, also zum Beispiel Tamale.

Was versprechen sie sich von der Stadt?

Auf der heimischen Scholle gibt es weder Strom oder Wasser aus der Leitung. Dort träumt man vom besseren Leben in der der Stadt. Dort schlagen die Leute sich dann als Tagelöhner durch, schlafen auf dem Boden in billigen Vorortzimmern, können sich vielleicht einen alten Röhrenfernseher leisten. Sie können aber weder einen eigenen Hausstand gründen, noch die Eltern daheim unterstützen. Die Stadt gerät für sie zur Sackgasse - oder eben zur Startrampe gen Europa. Denn hier dann finden sich auch Gleichgesinnte, um den Trip über Niger und Libyen nach Übersee zu planen. Die große Verheißung, der nächste Schritt.

Wieso haben Sie diese Serie aufwändiger Portraits gemacht?

Ich wollte wissen: Was sind das eigentlich für Leute, die ihr Leben riskieren, um in Europa ihr Glück zu suchen? Das zeigen einerseits die Bilder. Aber ich habe die Leute ja auch interviewt. Ihnen also zugehört, statt über sie zu schreiben. Niemand von ihnen fühlte sich in Ghana bedroht oder gefährdet. Da waren alle sehr offen.

Diese Leute besitzen nichts und wollen doch für die teure Flucht nach Europa zahlen?

Dafür braucht es nicht Tausende von Euro. Anfangs höchsten ein paar Hundert. Die meisten Strecken werden in billigen Überlandbussen zurückgelegt, nachts schläft man in Nischen am Busbahnhof. Nur Teilstrecken durch Gebirge oder durch die Wüsten etwa von Niger bis zur libyschen Grenze sind gefährlich. Das Geld für einen Platz im Boot verdienen sich die meisten unterwegs.

Sie sind sehr häufig in Afrika. Was sagen Sie, will denn überhaupt jemand bleiben?

Die meisten wollen bleiben. Für Ghana würde ich sagen: Wer mehr als Grundschulbildung oder einen halbwegs festen Job hat, der will vielleicht auch nach Europa, aber nicht auf dem illegalen Weg übers Mittelmeer. Das wäre denen viel zu riskant und ungewiss. Ich habe aber auch mit Menschen in Ostafrika gesprochen, sogar Bewohnern im Slum, von denen wollte keiner nach Europa - jedenfalls nicht als Flüchtling.  

Sie haben in Tamale ein Hilfsprojekt besucht, das aus Deutschland von Misereor unterstützt wird. Ein eher kleines Projekt, das von einem Einheimischen, Aminu Munkaila, geleitet wird. Was kann so ein Projekt bewirken?

Die Arbeit von Aminu Munkaila finde ich gut, weil er an der richtigen Stelle ansetzt: Das Projekt verhilft Leuten in einer desolaten Lebenssituation zu ganz konkreten Perspektiven. Dies mit relativ wenig Aufwand – etwa mit einer Nähmaschine. Aminu hat es selbst übers Mittelmeer versucht. Er weiß, wie man die Leute hier erreicht.

Aminu Munkaila  und AFDOM

Aminu Munkaila gründete 2007 die AFDOM. Mit seinen Mitarbeitern versucht er, Ghanaer von der Flucht nach Europa abzuhalten. Er wird vom deutschen Hilfswerk Misereor unterstützt. Vor etwa zehn Jahren wagte er selbst die Flucht – eine Reise durch die Hölle.

Auf dem Laster waren sie so eng gepackt, dass einige Passagiere erstickten. Die jungen Frauen wurden im Grenzgebiet zwischen Niger und Libyen vom Lkw geholt und von Rebellen vergewaltigt. Im Sand neben der Piste lagen verweste Tote. Seine Reise durchs Mittelmeer endete noch in lybischen Gewässern, als das Boot sank. Nach zwei Tagen wurde er mit ein paar Überlebenden von den Männern einer Ölplattform gerettet. Irgendwie schaffte er dann doch nach Sizilien – wurde aber abgeschoben. Zurück in Ghana konnte er studieren und gründete die Hilfsorganisation AFDOM  (African Development Organisation for Migration).


Mehr Informationen finden Sie bei Misereor.

Ein Interview mit Aminu Munkaila können Sie hier lesen.

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