Amerika wieder entdecken, Teil 5 Missouri und die transsexuelle Republikanerin


Wie ergeht es einer "Transsexuellen ohne OP", die in den US-Kongress einziehen will, ausgerechnet als Republikanerin, ausgerechnet in Missouri, im tiefen Mittleren Westen Amerikas? stern.de hat nachgesehen.
Von Florian Güßgen, Springfield

Angekommen. In Springfield, Missouri. In der Mitte Amerikas. 151.580 Einwohner, 364 Kirchen. Eine Autofahrerstadt, ein Gitter aus Straßen, wie am Reißbrett entworfen. Die Syntax der schnurgeraden Straßen ist immer gleich: McDonald's, Taco Bell, Einkaufszentrum, Motel, Hotel, Kirche, Kirche, Kirche, McDonald's. Immer wieder. Immer geradeaus. Irgendwann ist die Stadt zu Ende. Dann geht es in die grüne Hügellandschaft, die Ozarks, hinaus zu den Farmen, aufs Land.

Das hier ist das andere Amerika, das Amerika fern der Küsten. Hier, im ländlichen Missouri, haben sie ihre Zentren, die christlichen Fundamentalisten, die "Assembly of God" etwa, mitten in der Stadt, oder die "James River Church", draußen in Nixa. Hier hat das Militär viele seiner Basen, in Fort Leonard Woods etwa, 175 Kilometer nordöstlich von Springfield. Hier, in Missouri, haben derzeit die Republikaner das Sagen. Im Landesparlament. In der Landesregierung. Auch Roy Blunt, Springfields Mann im Kongress, gehört zur GOP, zur Grand Old Party - und bei der Präsidentschaftswahl 2004 ging Missouri an George W. Bush. Es ist ein "roter Staat." In Springfield eröffnete der Präsident seinen Wahlkampf.

"Eine Transsexuelle ohne OP"

Aber selbst hier, im vermeintlichen konservativen Herzland, ist konservativ nicht gleich konservativ, die Grenzen zwischen rechts und links verschwimmen. Es gibt sie, die Grenzgänger, bisweilen gibt es sogar radikale Grenzgänger. Midge Potts etwa. Sie ist die wohl radikalste Grenzgängerin, die Springfield in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Potts ist Frau und doch Mann, erbitterte Gegnerin des Irak-Kriegs, Bush-Hasserin - und doch Republikanerin.

Ich treffe Potts, die 37-Jährige, im "Radish", einem kleinen, bunten Laden im Stadtzentrum Springfields. Das "Radish" ist ein Fluchtpunkt für esoterisch-linke Paradiesvögel, für Kiffer, für ein paar Aktivistinnen für Lesbenrechte. Ein Regal mit linker Literatur gibt's auch. Sie nennen das "Bibliothek." Midge, wie Potts hier von allen genannt wird, ist eine hagere, fast schon zierliche Frau mit langem, blonden Haar, einem Rock, der nur wenig über die Knie reicht, und einem nur leicht zu kantigem Gesicht.

Früher, bis vor zwei Jahren, war Midge ein Mann, ein Mitchell. Dieser hatte vor über zehn Jahren gedient, in der Marine, nach dem ersten Krieg gegen Saddam Hussein sogar am Golf. Auch den unseligen Quecksilber-Unfall erlitt Mitchell dort unten. Danach plagten ihn Migräneanfälle, die bis in die Zeit geblieben sind, als er eine sie wurde. Mitchell quittierte den Dienst, tingelte durchs Land, jahrelang, mal als Konzertgänger der "Grateful Dead", mal als Waldfex mit langem Bart, mal als Kriegsgegner in der Hauptstadt, mal als Wahlkämpfer für die Demokraten. Er nahm alles mit, das ganze Programm, Heirat, Tochter, Scheidung inklusive. Auf den rechten Oberarm ließ Mitchell sich ein "Peace"-Zeichen tätowieren. Darüber prangt eine Cannabispflanze. Beides ist ein Bekenntnis.

Damentoilette und pflanzliche Mittel für die Brüste

Vor zwei Jahren wurde Mitchell zu Midge, zur "Transsexuellen ohne OP", wie sie es nennt. Sie nahm pflanzliche Mittel, um die Brüste wachsen zu lassen, in Restaurants ging sie auf die Damentoilette. Irgendwann beschloss Midge, sich für die Kandidatur der Republikaner für das Abgeordnetenhaus in Washington zu bewerben. Es war ein Hirngespinst, das sich verfestigte. Warum auch nicht? Sie wollte Kandidaten-Kandidatin für die Kongresswahlen in diesem November werden. In den partei-internen Vorwahlen, so der Plan, würde sie Blunt, den Amtsinhaber, herausfordern. Der wird in seinem Wahlkreis gemocht, hat eine gut gefüllte Kriegskasse und spielt in Washington eine wichtige Rolle. Verhindern konnte er Potts Kandidatur dennoch nicht. Wer die Gebühr von 100 Dollar Gebühr aufbringt, kann sich in Missouri bei einer Partei seiner Wahl in den Vorwahlen - den "Primaries" - bewerben. Im "Radish" haben sie sich die Bäuche gehalten vor Lachen. Tagelang.

"Ich habe viele Republikaner schätzen gelernt"

Midge nimmt den Wahlkampf ernst. Sie bezeichnet sich als "fiskalische Konservative", lobt Ronald Reagan, bemalt notdürftig Plakate, gibt Interviews, und besucht ein paar Bauern. Sie geht auf die Menschen zu. Taucht, mit oder ohne Einladung, auf Jubel-Parties der Republikaner auf. Ihrer Parteifreunde. Potts ist der Paradiesvogel dieses Wahlkampfs. Sie ist skurill. Das macht sie bekannt. Als sie sich auf einer Veranstaltung der Ehefrau des Konkurrenten Blunt vorstellen will, sagt die nur leicht pikiert: "Oh, Sie! Sie brauchen sich nicht vorstellen. Sie kenne ich doch." Ganz geheuer ist Midge den Konservativen dennoch nicht. Ein Parteifreund, ein Senator im Landesparlament, empfindet Potts' Show als seltsam: "Weird," unkt er. Komisch sei das, irgendwie.

Seltsam ist auch, dass es bei diesen kleinen Gehässigkeiten bleibt. Im Allgemeinen verhalten sich die Republikaner der Grenzgängerin gegenüber tolerant, offen. Potts sagt, sie sei während des Wahlkampfs keineswegs angefeindet worden. Die Bauern, der erzkonservative Talk-Show-Moderator, alle hätten sie freundlich behandelt, interessiert, zuvorkommend. Der Graben zwischen Konservativen und Liberalen, sagt Potts, sei hier nicht so tief, wie ihn die Medien beschrieben. Ja. Es gebe die christlichen Rechten, aber die seien beileibe nicht in der Mehrheit. Es gebe viel Toleranz. Auch hier in Springfield, auch bei den Konservativen. "Ich habe viele Republikaner schätzen gelernt", sagt Potts.

"Die Wähler sind weniger radikal als die Politiker"

In einem McDonald's an Springfields Battlefield Road, im Süden der Stadt, treffe ich Richard Napieralski. "Die Menschen hier sind weniger radikal als die Mehrheit der Politiker," sagt er, der Demokrat aus Springfield, als ich ihn frage, wie es sein kann, dass eine wie Potts - so eine! - hier im angeblich so gespaltenen Amerika, hier, fern der Küsten, einen fast schon satirischen Wahlkampf abziehen kann, ungestraft vom Establishment. Er, sagt Napieralski, sehe das Problem nicht bei den Bürgern. Das Problem seien die Eliten, die Politiker, die Medien, Radio-Moderatoren, die rechten wie die linken. Sie seien es, die eine Spaltung des Landes herbeiredeten - und sich dabei immer weiter von der Mehrheit, der Mitte, entfernten. Auch in Missouri.

"Extreme werden korrigiert"

"Wir sind eine Nation von Menschen, die irgendwo in der Mitte hängen", sagt auch Tony Messenger, der Redakteur der Meinungsseite des Lokalblattes, des "News-Leader". Messenger sagt, er sei ein Konservativer, das ja, aber die Schärfe der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Republikanern, das schade dem Land - und sie spiegele auch nicht die Stimmung in der Bevölkerung wider. "Die zwei Extreme rauben uns all die Energie. Sie dominieren die öffentlichen Debatten", sagt er bei einem Kaffee im "Mud-House", dem entspannten Café im Zentrum der Stadt. "Die Menschen in diesem Land schätzen eine gewisse Balance in der Politik", sagt er. Und dann spricht er unvermittelt von den extremen Konservativen, von den christlichen Rechten, aber auch ein wenig von dem Präsidenten, von George W. Bush. Das Pendel werde zurückschwingen in Amerika, prophezeit er, von rechts zurück in die Mitte. Langsam. Aber sicher. "Es mag ein paar Jahre dauern, bis Extreme in diesem Land korrigiert werden", sagt Messenger. "Aber sie werden korrigiert."

Midge Potts, freilich, wird dennoch nicht als Abgeordnete in den Kongress einziehen. Aber sie erzielt einen Achtungserfolg. Am Wahltag, einem Dienstag, erwidern immerhin 7,2 Prozent der republikanischen Wähler die Zuneigung der "Transsexuellen ohne OP". Sie erhält 4275 von insgesamt 74.743 Stimmen. Blunt gewinnt. Mit 79,9 Prozent. Fair enough. Midge ist unverdrossen. Einen Versuch sei es Wert gewesen, sagte sie. Und dass es sich gelohnt habe. Sie habe viel gelernt über die Republikaner - und sie habe alle im "Radish" dazu gebracht, sich als Republikaner auszugeben. Das sei doch schon was.

Am Tag nach der Wahl macht sich Potts auf. Es geht nach Texas. Dort, in Crawford, in unmittelbarer Nähe der Ranch des Präsidenten, protestiert Cindy Sheehan, gegen den Irak-Krieg. Ihr Sohn ist in diesem Krieg gefallen. Potts, die Ex-Kandidaten-Kandidatin der Republikaner aus Missouri, fährt nach Texas, um Sheehans Protest zu unterstützen. Noch ist das Pendel nicht zurückgeschwungen.


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