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Amerika wieder entdecken, Teil 6: "Die Regierung will Reporter einschüchtern"

Die Regierung Bush hat die "New York Times" unter Dauerbeschuss genommen, weil sie über Washingtons Vorgehen im Anti-Terror-Kampf berichtet. Im stern.de-Interview bezieht Chefredakteur Bill Keller Position.

Herr Keller, Sie mussten sich scharfe Kritik anhören, weil Ihre Zeitung über die Methoden der US-Regierung im Anti-Terror-Kampf berichtet hat, etwa über den Lauschangriff auf Telefongespräche oder darüber, wie die Regierung internationale Banküberweisungen im Rahmen des Swift-Verfahrens überwacht. Ist in den USA die Pressefreiheit in Gefahr?

Nein, das würde die Situation überdramatisieren. Aber es gibt einen Konflikt zwischen der Presse und der derzeitigen Regierung. Geheimhaltung ist dieser Regierung wichtiger als jeder anderen Vorgängerregierung seit Nixon. Angesichts der Bedrohung beansprucht sie weit reichende bis außerordentliche Befugnisse. Nicht nur die Presse, auch der Kongress und die Justiz werden dabei vom Weißen Haus mit Skepsis und Missgunst beäugt. Die Medien haben gegenüber der Regierung immer eine kritische Haltung eingenommen. Aber nun wirft das Weiße Haus einige fundamentale Fragen auf, was die Legitimität der Presse betrifft.

In welcher Hinsicht?

Vor allem in Bezug auf Geheimhaltung.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten geheime Informationen veröffentlicht, zum Beispiel als es um den Lauschangriff der National Security Agency auf Telefongespräche zwischen den USA und dem Ausland ging. Haben Sie das Gesetz gebrochen?

Ich bin kein Jurist, und es ist Sache der Richter, dies zu entscheiden. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir uns innerhalb des Rahmen des Gesetzes bewegen. Wir haben verantwortungsvoll gehandelt, als wir diesen Artikel veröffentlicht haben.
Kurz nachdem dieses Interview geführt wurde, hat eine Bundesrichterin in Detroit das Vorgehen der Regierung für verfassungswidrig erklärt und die sofortige Einstellung des Lauschangriffs verfügt, Red.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen der Pressefreiheit und dem legitimen Anspruch der Regierung, ihr Vorgehen im Anti-Terror-Kampf zum Teil geheim zu halten?

Es gibt kein Patentrezept. Entscheidungen müssen von Fall zu Fall getroffen werden. Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit steht der Gefahr gegenüber, dass eine Veröffentlichung denen hilft, die uns schaden wollen. Bei dem Artikel über die Abhöraktionen war die Gewichtung jedoch klar: In allen Zweigen der Regierung gab es hochrangige Personen, die daran zweifelten, dass die Regierung rechtmäßig handelte. Damit ist dies genau einer jener Fälle, über die öffentlich diskutiert werden muss. Zudem ist es nicht richtig, dass wir Geheimdienst-Quellen und -Methoden aufgedeckt haben. Die Terroristen wissen ohnehin, dass die US-Regierung versucht, Telefongespräche und Email-Korrespondenz zu überwachen. Das Wichtige an dem Bericht war, dass die Regierung ohne richterliche Erlaubnis abgehört hat. Die Öffentlichkeit wusste bis dahin nicht, dass die Bush-Regierung beschlossen hatte, eine spezielle, geheime Gerichtsinstanz zu umgehen.

Hat die Bush-Regierung die "New York Times" angegriffen, um kritische Berichterstatter einzuschüchtern? Ich vermute, dass dies zumindest einen Teil ihrer Motivation ausmacht. Sie versucht, Reporter einzuschüchtern. Sie versucht, Informanten einzuschüchtern. Zum Teil geht es auch darum, bei der konservativen Basis der Republikaner zu punkten. Die urbane Ostküstenzeitung "New York Times", die in einem Staat erscheint, der mehrheitlich die Demokraten wählt, ist gerade in Wahljahren eine leichte Zielscheibe für viele Konservative.

Auch Ihr Konkurrent, das "Wall Street Journal", hat Sie auf seiner Meinungsseite heftig angegriffen, vor allem im Fall des Swift-Berichts. Gibt es einen Krieg der Medien?

Nein. Wir erleben sicher eine Phase, in der es in der Medienlandschaft viel Sturm und Drang gibt. Das gesamte Umfeld, innerhalb dessen Journalisten arbeiten, ist erheblich lauter und umstrittener geworden. Die Redaktion der Meinungsseite des "Wall Street Journal" ist - und das schon seit geraumer Zeit - dabei eine Stimme des rechten Flügels. Aber sie ist selbst im Verhältnis zu ihrer eigenen Nachrichtenredaktion isoliert. Das "Wall Street Journal" hat ebenso wie die "Los Angeles Times" und die "Washington Post" in ihrem Nachrichtenteil einen Bericht über den Swift-Fall veröffentlicht.

Frei von Fehlern ist die "New York Times" allerdings auch nicht - wie Sie kurz nach dem Irak-Krieg einräumen mussten.

Die Berichterstattung über den Krieg war sehr gut, aber im Vorfeld des Krieges wurden Berichte von Kollegen veröffentlicht, die zu sehr willens waren zu glauben, dass es Beweise für die Existenz eines irakischen Programms für Massenvernichtungswaffen gebe. Manchmal sind diese Geschichten voreilig gedruckt worden, ohne vollständig geprüft worden zu sein. Aber diese Artikel waren nicht von einem patriotischen Gefühl befeuert, sondern eher von dem Ehrgeiz der Journalisten, "Scoops" zu landen.

Erschwert die polarisierte politische Debatte in den USA zwischen Liberalen und Rechten, die zunehmend auch über Blogs ausgetragen wird, die journalistische Arbeit?

Sicher. Ich habe das Land noch nie so polarisiert erlebt. Die geistig offene Mitte ist zusammengeschrumpft. Auf der Linken und der Rechten gibt es viele Menschen, die nur jene Nachrichten lesen wollen, die ihre Vorurteile bestätigen. Aber genau das ist nicht unser Job. Unsere Aufgabe besteht darin, so zu informieren, dass sich jeder sein eigenes Urteil bilden kann.

Ihre Zeitung hat wirtschaftliche Probleme, die Aktie der "New York Times" hat zwischen 2002 und heute mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Sinkt die Nachfrage nach der Art von Journalismus, den die "New York Times" verkauft?

Nein. Das tut sie nicht. Wenn Sie die Leser unserer Zeitung und unserer Online-Ausgabe zusammenzählen, dann ist der Markt für Qualitätszeitungen wie der "New York Times" größer denn je. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass wir uns in einem Übergang befinden - von einer Welt der gedruckten Zeitungen in eine Welt der digitalen Medien. Und die Wirtschaftlichkeit der digitalen Medien ist noch eine Unbekannte. Die Erträge unserer Online-Ausgabe wachsen zwar jährlich um 30 Prozent, aber sie sind von einem sehr niedrigen Niveau gestartet. Wir müssen nun einen Weg finden, der dazu führt, dass dieser digitalisierte Journalismus genug abwirft, um eine Nachrichten-Organisation mit 1200 Mitarbeitern zu unterhalten.

Interview: Florian Güßgen