Anschlag auf U-Bahn in Moskau Russland fürchtet ein zweites Beslan


Russland zwischen Entsetzen und Aktionismus. Moskau trauert um die Toten des Anschlags, die Regierung jagt Drahtzieher - und Terrorismusexperten warnen vor einer zweiten, schwereren Attacke.
Von Andreas Albes, Moskau

Ein Berg aus roten Rosen und Nelken liegt auf dem grauen Granitboden. Kerzen brennen auf den Stufen der Notrufsäule in der Mitte des Saales. Es ist Dienstagmorgen in der Moskauer Metro-Station Park Kultury. Hunderte Pendler drängen sich auf dem Bahnsteig. Niemand spricht. Nur das Geräusch von Schritten und den im Zweiminutentakt einfahrenden Zügen ist zu hören. Ansonsten ist es still wie in einer vollbesetzten Kirche. Ein blondes Mädchen kniet vor einer kleinen Ikone nieder und betet. Neben ihr in einem Blumenstrauß steckt ein kariertes Blatt Papier. Jemand hat darauf mit Bleistift ein Gedicht geschrieben: "Du warst kerngesund. Ich wollte dich anrufen. Doch dein Telefon funktionierte nicht. Jemand hat mir in diesem Moment meine Tochter genommen. Sie wurde getötet im brutalen Krieg. Ihr wurde das Leben genommen, das ihr Gott gegeben hat. Für die einen bedeutet ihr Tod Schrecken, für die anderen Erfolg. Mein Herz ist voller Tränen."

Am Tag nach den Terroranschlägen auf zwei Stationen der Moskauer U-Bahn ist die russische Hauptstadt wie gelähmt. Misstrauisch mustert ein Passant den anderen. Was steckt unter der dicken Winterjacke der jungen Frau dort? Was trägt der schwarzhaarige Mann in seinem Rucksack? Jeder könnte eine Bombe bei sich haben und sie in dem Moment zünden, wenn sich viele Menschen um ihn drängen. So wie es Montag geschah. Die Zahl der Todesopfer ist inzwischen auf 38 gestiegen, 101 Menschen wurden verletzt, die Hälfte von ihnen so schwer, dass sie noch im Krankenhaus liegen. 50 Zeugen der Tat baten um psychologische Betreuung.

Furcht vor einem zweiten Beslan

Da immer noch kein Bekennerschreiben aufgetaucht ist, können die Medien nur spekulieren, wer hinter den Anschlägen steckt. Die Tatsache, dass Selbstmordattentäterinnen die Bomben zündeten, nährt den Verdacht, dass es sich um einen aus dem Nordkaukasus gesteuerten islamistisch motivierten Terrorakt handelte. Schwarze Witwen nennt man in Russland solche Frauen. Die meisten von ihnen haben im Kampf des Kreml gegen den Terror ihre Männer, Söhne oder andere enge Angehörige verloren. Terroristenführer üben so lange Druck auf sie aus, bis sie bereit sind, für ihre Rache zu sterben.

In Moskau herrscht nun die Angst vor, dass der Metro-Anschlag nur der Anfang war und dass ein neuer, noch schlimmerer Terrorakt bevorsteht. So war es auch 2004, als im August erst neun Menschen bei einer Explosion in der U-Bahn ums Leben kamen und dann, am 1. September, ein Dutzend Terroristen die Schule von Beslan stürmte. Sie nahmen über 1200 Kinder, Mütter, Väter und Lehrer als Geiseln. 331 Unschuldige wurden damals getötet. Nach Informationen der Tageszeitung "Kommersant" soll der Geheimdienst FSB Hinweise auf einen weiteren bevorstehenden Terrorakt erhalten haben. Wie stern.de bereits berichtete, konzentrieren sich die Fahnder auf das Umfeld des im März in Inguschetien getöteten Islamistenführers Said Burjatski. Angeblich hat Burjatski, der als aggressiver einnehmender Redner galt, 30 Frauen ausgewählt, die er persönlich zu Selbstmordattentäterinnen ausgebildet hatte. Einige von ihnen soll er auf eine Koranschule in der Türkei geschickt haben. In den großen russischen Städten konzentrieren sich die Kontrollen der Miliz deshalb auf mutmaßliche Kaukasierinnen, also Frauen mit dunklen Haaren und dunklen Augen. Eine Frau, die gestern unmittelbar nach der zweiten Explosion in einer U-Bahn-Station verhaftet wurde, berichtete, dass sie die Milizionäre angebrüllt hätten: "Wie konntest du der Bombe entkommen? Hattest du etwa Informationen?"

Eine Reihe möglicher Drahtzieher

Doch nicht nur das Umfeld von Islamistenführer Burjatski gilt als mögliche Heimat der Täterinnen. In den vergangenen Monaten sind eine ganze Reihe angeblicher kaukasischer Topterroristen erschossen worden, deren Anhänger auf Rache sinnen. Unter anderem Ansor Astemirow, der in Naltschik in Kabardino-Balkarien untergetaucht war und sich als Scharia-Richter des "Emirat Kaukasus" bezeichnete. Ein mutmaßlicher Drahtzieher könnte auch der seit langem gesuchte Rebellenführer Doku Umarow sein, von dem Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow bereits Ende 2009 behauptete, er sei "vernichtet worden". Umarow, der nach Zeugenaussagen an der Geiselnahme von Beslan beteiligt war und entkommen konnte, meldete sich im Februar mit einer Video-Botschaft zu Wort. Darin drohte er, ganz Russland in einen Krieg zu stürzen. Russische Städte würden attackiert und der Schrecken in die Häuser der Russen kommen.

Die neue Welle der Gewalt zeigt, wie erfolglos Russlands Kampf gegen den Terror ist. Gewalt wird mit Gegengewalt beantwortet, einem getöteten Rebellenführer folgt fast immer ein neuer nach. Oppositionspolitiker wie der Kommunist Gennadi Sjuganow fordern nun, die Taktik immer brutalerer Militäreinsätze zu überdenken. Stattdessen sollte ein wirksames Programm entwickelt werden, um Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit im Kaukasus zu bekämpfen. Nur so ließe sich der Terror beenden. Der Föderationsrat, die zweite, gesetzgebende Kammer des russischen Parlaments, kündigte derweil an, dass man nun prüfe, ob das Moratorium, das in Russland für die Todesstrafe gilt, nicht vorübergehend außer Kraft gesetzt werden kann. Denn wenn die Drahtzieher des Terrorakts auf die Moskauer Metro gefasst würden, gehörten sie umgehend hingerichtet.


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